Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1916)
- Date
- 1916-09-27
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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461 Eine sehr merkwürdige Nachricht über Rumänien bringt die „National-Zeitung". Wir drucken sie an dieser Stelle ab, in der Hoffnung, daß sie sich, bestätigen möge, daß aber Rumänien auch zur Erkenntnis gelange, daß es im eigenen Lande Wandel schaffen müsse. Von der russischen Grenze, 18. September. „Rjetsch" berichtet aus Bukarest, alle Anzeichen sprächen dafür, daß die rumänische Regierung eineAenderungin der Haltung zur Judensrage beabsichtige. Die Gesandten Englands und Frankreichs haben der rumänischen Negierung nahegelegt, daß eine weitere Verfolgung der bisherigen Judenpolitik in den verbündeten Ländern und im neutralen Auslande unangenehm berühren müsse. Die rumänische Regierung gab die Versicherung ab, daß die Juden in den besetzten Gebieten der Bukowina und in Siebenbürgen sämtliche Rechte der übrigen Nationalitäten genießen werden. Dieses Versprechen hindert die rumänische Negierung aber keineswegs daran, daß sie im eigenen Lande den Judenverfolgungen und -Mißhandlungen die Zügel schießen läßt. Gegenüber den vielfachen wilden Ausbrüchen des Antisemitismus in Deutschland ist es erfreulich, einmal ein wackeres Eintreten für die Juden konstatieren zu können. In einer Frankfurter Zeitung, „Das deutsche Blatt", läßt sich der Herausgeber, Gustav Adolf, folgendermaßen vernehmen: Gerechtigkeit den d e u t s ch e n I u d e n i st Deutschlands Nutzen. Es ist eine unbedingte Notwendigkeit und ein Akt zwingender Klugheit, wenn man endlich unseren jüdischen Mitbürgern in allen Punkten vollste Gleichberechtigung gewährt. Seither stand die Gleichberechtigung auf dem Papier, aber wer kennt einen jüdischen Staatsanwalt, einen jüdischen Landgerichtsdirektor, einen jüdischen Herrn in höherer Poststellung? Wer kennt einen jüdischen Obersten oder gar General? Alle diese Posten und noch viele andere sind bis aus den heutigen Tag den jüdischen Mitbürgern verschlossen. Unser hochherzig denkender Kaiser hat einmal vor heute dreiundzwanzig Jahren in kluger Erkenntnis des Nutzens und der riesigen Brauchbarkeit der Juden geäußert: „Der Jude ist im deutschen Volke das Salz des Brotes." Was die edeldenkende Majestät damit sagen wollte, liegt klar auf der Hand. Der große Mann hat wie sein großer Ahnherr Friedrich der Große erkannt, daß der Jude ein sehr nützliches Glied des Staates ist. Wenn man ehrlich sein will, so muß man unbestritten zugeben, daß Deutschland einen großen Teil seines Riesenvermögens, seinerheutigen Leistungsfähigkeit dem Juden verdankt. Die Statistik beweist unumstößlich, daß etwa ein Drittel des Nationalvermögens heute in den Händen der Juden ist. Das ist eine Leistung, die die der übrigen Bevölkerung um etwa das 145fache übersteigt. Solche Tatsachen sprechen Bände. Treu und rechtschaffen hilft der Jude, wo immer er nur kann. Jüdische Wohltätigkeit ist anerkannt und nicht wegzuleugnen. Die Söhne unserer jüdischen Mitbürger kämpfen genau so an der Front wie alle anderen Deutschen. Zu vielen Tausenden haben sie den Heldentod für Deutschlands Wohl erlitten. Dank und Ehre diesen Braven. Ein Blick in die Zeichnungslisten der verschiedenen Kriegsanleihen zeigt, daß jüdisches Vermögen in vielen Milliarden Mark dem Vaterland zur Verfügung gestellt wird. Der Jude beweist dadurch, daß er sein deutsches Vaterland genau so liebt wie jeder andere Deutsche. Man hat, offen gesagt, gerade während des Krieges vielen Juden vorgeworsen, sie würden wuchern. Das trifft nicht zu, denn die Der-, urteilungen wegen Wuchers zeigen, daß nur 2LA Prozent aller Wucherfälle aus jüdisches Konto zu setzen sind. Dabei darf man nicht außer acht lassen, daß dem Juden meist nur Handelsgeschäfte zugänglich sind und er deshalb viel eher in die Versuchung gebracht werden könnte als alle anderen Staatsbürger. Der christliche Bürger wuchert viel schlimmer als der Jude. Und wuchert der Christ dem Juden gegenüber nicht in der grausamsten Weise, indem er alle Rechte und alle guten Stellen im Staat für sich beansprucht, während er dem Juden möglichst nichts zukommen lassen möchte. Würde man die Juden zu allen Stellungen zulassen, so würden zehntausende vornehm und edel denkende Juden mit Freuden dem Staate dienen und sich dem Handel, auf den sie angewiesen sind, entfremden. Warum sollte ein jüdischer Richter oder Staatsanwalt weniger leisten können als ein christlicher? Ich bin überzeugt, daß gerade der Jude, weil er gern beobachtet würde, mit Stolz seinen Posten streng gerecht ausfüllen würde. Warum sollte ein Soldat einem jüdischen Offizier nicht genau so folgen und gern gehorchen können wie einem christlichen. Gerade in diesem großen Kriege hat man gelernt, jüdische Reserveoffiziere zu schätzen. An ihrer Pflichterfüllung ist aber auch nicht ein klein Teilchen Unterschied von der Pflichterfüllung der christlichen Offiziere. Die große Zeit, die wir durchleben, ist geeignet, bei nur einigem guten Willen alle Unterschiede der vergangenen Zeiten zu verwischen. Man handle gerecht und vorurteilsfrei, und dann wird das Vaterland aus dieser Saat nie geahnten Nutzen ziehen. Die jüdische Finanzmacht ist gewaltig, die jüdische Leistungsfähigkeit durch die Jahrzehnte unbestritten bewiesen. Bricht man mit dem alten ungerechten System, so wird gerade Deutschland, ohne daß ich deutlicher werden will, einen nie geahnten Nutzen daraus ziehen. Seither war der Jude froh, ein Deutscher fein zu können; behandeln wir ihn so, wie er es in Wirklichkeit als ehrlicher Deutscher verdient, so wird er glücklich sein, Deutscher zu sein. Er wird mit Lust und Liebe dem Vaterlande dienen und durch seinen unbestrittenen Fleiß, seine hohe Intelligenz dem Deutschen Reiche zu einem Wohlstand verhelfen, der Staunen erregen muß. Nur kurzsichtige und unkluge Menschen, nur undankbare und un» gerechte Menschen, nur solche, welche nicht sehen wollen und boshaft im Herzen fühlen, können versuchen, meinen ehrlichen Worten zu widersprechen. Deutsche Brüder, ich sage euch, wer sich meine auf jahrzehntelange Erfahrungen aufgebaute Ueberzeugung aneignet, der nutzt dem Vaterland mehr, als er ahnen kann. Die Gleichberechtigung der Juden auf allen Gebieten wird Deutschlands Ansehen und Deutschlands Reichtum in ungeahnter Weise heben. Wer durchaus nicht verstehen will, wer durchaus auch fernerhin Ungerechtigkeit gegen die deutschen Juden gutheißt, der kann eben sein Vaterland niemals ernstlich geliebt haben. Die „Bremer Nachrichten" hatten am 10. September einen Bericht über den Besuch Bremer Bürger in Schirwindt, der ostpreußischen Patenstadt Bremens, gebracht. Darin müssen abfällige Bemerkungen über die Juden als Handwerker gestanden haben. Dagegen wendeten sich jüdische Leser, und das genannte Blatt ist loyal genug, zur Bekundung einer anderen Anschauung einen Artikel von Georg Gothein.aus einem kürzlich erschienenen Buche „Dom jüdischen Mittelstände" abzudrucken, den wir gern auch an dieser Stelle folgen lassen: Die Juden als Landarbeiter. Vielfach begegnet man der Ansicht, die Juden scheuten die Handarbeit, sie wollten nur Berufe wählen, wo die Arbeit der Hand hinter die des Kopfes völlig zurücktrete. Man treffe keine jüdischen Ackerbauer, Handwerker oder Arbeiter, wohl aber Kaufleute, Händler und Schankwirte. Diese Ansicht ist nicht richtig, und insoweit sie aus der relativ geringen Zahl jüdischer selbständiger Landlvirte, Handwerker, Fabrikarbeiter berechtigt zu sein scheint, beruht dies ganz überwiegend auf Rechtsbeschränkungen früherer Zeit. Der Jude wurde zum Landerwerb nicht Zugelassen, ebensowenig zu einen: zünftigen Handwerk. Und der gesetzestreue Jude, der den Sabbat heiligt, wird als Fabrikarbeiter nicht angenommen; man kann es keinem' Unternehmer verargen, wenn er seine Arbeitsmaschinen nicht statt sechs nur 4% Tage in der Woche laufen lassen will. Aber von jeher haben die Juden Handwerkstätigkeit — wenn auch außerhalb der Zünfte — und Heimarbeit geübt. Der große Philosoph Spinoza erwarb sich seinen Lebensunterhalt durch Brillenschleisen; in der Diämantenschleiferei Amsterdams sind viele Tausende von Juden beschäftigt; in der New