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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-27 · Heft 39 (27.9.1916) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 39 (27.9.1916)
Date
1916-09-27
Page
Seite 460 (sequence 4)
Language
German
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460 gewohnte Tätigkeit wieder aufnehmen, aber daran zu denken, ist noch nicht die Zeit! Noch braucht uns das Vaterland! Wohl sind unsere Feiertage so recht Feiertage der Familie, die wir nicht in rauschender Festesfreude, sondern in stiller Einkehr zu Gott im Kreise der Unseren feierten, wo wir in den längst entschwundenen Friedenstagen alle Sorgen des Alltags vergaßen, um wieder Mensch zu sein, nur Mensch. Und daß eine gewisse Wehmut unser Herz erfüllt, daß wir diese hohen Tage nun zum drittenmal fern des häuslichen Herdes begehen sollen, wer möchte dies uns verargen; aber doch nur Augenblicke erfüllt uns diese Wehmut. Denn wir wissen, es heißt hart sein gegen sich selbst, hart gegen alle Anwandlungen, die uns dem einen Ziele entfremden könnten: Durchkämpfen bis zum siegreichen Ende! Und angesichts dieser hohen Festtage wollen wir jüdischen Soldaten uns selbst den Schwur erneuen, doppelt und dreifach unsere Pflicht zu tun. Wissen wir doch, daß wir nicht weniger für Deutschlands Zukunft kämpfen als für die Ehre des Judentums, auf daß niemals wieder gehässige Neider aufstehen, die gegen uns zeugen wollen. Hier draußen, wo nur Mannesmut und Manneskraft sich bewähren, da wollen wir deutschen Juden zeigen, was wir können. Mögen daheim törichte Menschen den Judenhaß wieder aufleben lassen, mögen sie hetzend zwischen deutsche Volksteile treten, was kümmert es uns. Geraden Weges den Pfad der Pflicht wandelnd strafen wir sie am besten Lügen. Nicht auf dem Papier wird die Zukunft entschieden, sondern draußen im Felde. Hier werden die vergifteteten Pfeile wirkungslos abprallen. Und in dieser stolzen Zuversicht wollen wir hier draußen unser drittes Kriegsneujahr feiern, der eine im Schützengraben, der andere im Ruhequartier, viele vielleicht zusammen beim Feldgottesdienst, mancher aber auch allein! Ueberall ist Gott, überall erreichen ihn die Gebete! Gleich dem Rufe der Posaunen rüttelt uns der Donner der Kanonen aus, und die Einkehr zu sich selbst findet dabei ein jeder. Nie weiß der Soldat, ob es für ihn eine Zukunft gibt, darum dankt er um so inbrünstiger dem Allmächtigen für die Vergangenheit. Der Tag des Gerichts aber soll uns alle mit reiner Seele finden. Und so werden wir jüdischen Soldaten das Fest begehen, ob in Ost oder West, einig in der Liebe zum Glauben der Väter und zu Deutschland, dem unser Blut gehört. Dr. W. C. Sir Woche. Berlin, den 22. September 1916. iese Uebersicht muß, obgleich sie das Datum des 22. trägt, viel früher, noch bevor Nr. 38 ausgegeben ist, geschrieben werden, damit die Nummer rechtzeitig vor dein Neujahrsfest erscheinen kann. Von wichtigeu Ereignissen ist daher bei der Kürze der Berichtszeit kaum etwas zu melden, außer daß unsere Gegner nicht vorwärts gekommen sind, während unsere und unserer Verbündeten Truppen manche hochwillkommene Erfolge erreicht haben. Da auch sonst nicht viel Erwähnenswertes vorliegt, sei es gestattet, diese Spalten einer allgemeinen Betrachtung zu widmen. Wir entbieten auch unserseits unseren Lesern zum Neujahrsfeste, dessen Bedeutung in den zwei voranstehenden Artikeln gewürdigt worden ist, unseren Gruß und Glückwunsch. Die Wünsche fassen sich zusammen in dem Begehren nach einem baldigen Frieden, der aber kein fauler sein möge, kein bloßes Beharren in dem unsicheren Zustande (denn von einer Verminderung unseres Besitzstandes kann gewiß keine Rede sein). sondern eine Befestigung unserer Stellung und eine mächtige bedeutende Lage allen unseren Feinden gegenüber. Zwei Worte sind es, die in den Neujahrsgebeten häufig wiederkehren: Einschreiben lassen und Neujahr. Die Vorstellung, daß am Neujahrstage der Mensch in ein Buch eingeschrieben werde, daß Gott ein Register über die Namen und Schicksale der Menschen führe, und der daran sich knüpfende Wunsch, daß der Mensch zum Guten eingeschrieben werden möge, hat gewiß etwas Kindliches an sich: er stellt das Verhältnis der Menschheit zur Gottheit gewissermaßen als ein kaufmännisches dar und weist Gott die Rolle eines allsehenden Buchführers zu. Und doch liegt etwas ungemein Sinniges in dieser kindlichen Auffassung: es ist die Ueberzeugung von der Abhängigkeit des Menschen von einem mächtigen unersorschlichen Geschick; es ist die Anschauung, daß es dem Menschen nicht möglich ist, trotz aller Anstrengungen und aller Uebung des freien Willens abzuweichen von einem durch unerkennbare Beschlüsse vorgeschriebenen Wege. Diese Tatsache mag den trotzigen Selbstling zu Empörungsgelüsten treiben, sie mag dem Schwächling die Lust aufdrängen, den Eingebungen seiner bösen Neigungen zu folgen — den edel und selbständig Denkenden treibt sie zu dem Verlangen, die Tage zu nutzen, als wäre ein jeder der letzte; den Leidenden ermuntert sie, die Hoffnung nicht fahren zu lassen auf eine bessere Gestaltung der Dinge. In den schweren Zeiten, die wir durchleben, in denen der Erfolg selbst der Stärksten und am besten Bewaffneten so unsicher ist, in denen die Ereignisse, die sich vollziehen, die Entschließungen der Völker so abhängig von unvorhergesehenen Zufällen sind, hat die Ueberzeugung, daß in dem „Buche der Geschicke" die Entwicklung der Ereignisse geschrieben steht, bei allem Gefühl der Bangigkeit doch etwas Stärkendes und Erhebendes: die Ahnung, daß ein weiser Beschluß den Ausgang entschieden hat. Auch der Begriff des Neujahrs gibt uns zu denken. Unserem Gefühl nach wäre es am passendsten, wenn das Jahr mit dem Frühlingsanfänge begönne. Den Anfang eines neuen Zeitabschnitts knüpften wir am liebsten an das Sicherneuern der Natur. Aber auch die christliche Zeitrechnung in ihrer bewußten Abweichung von der jüdischen hat sich zu einer Vereinigung des Frühlings und des Jahresanfangs nicht entschließen können und den Beginn des neuen Jahres mitten in die kälteste Periode gesetzt, der, wenigstens in den meisten Ländern, noch eine ziemlich lange strenge Winterszeit zu folgen pflegt. Allerdings entspricht auch der jüdische Jahresbeginn im September weder den klimatischen Verhältnissen des größten Teils Europas noch denen Asiens. Aber für dieses Land bedeutet es den Anfang der Regenperiode als des wichtigsten und bedeutsamsten Ereignisses für die Fruchtbarkeit des Landes, und für die übrigen Länder kann man in ihm den Abschluß des Blühens, des Treibens und Fruchtsammelns, den Anfang der Einkapselung der Natur sehen, die sich zu neuem Leben sammelt und zusammenrafft. Aber der Neujahrstag ist und soll für uns weit mehr ein innerliches als ein äußerliches Erlebnis sein. Er soll uns nicht in erster Linie sagen: jetzt beginnt ein neuer äußerer Zeitabschnitt, sondern: eine Zeit der inneren Erneuerung hebt an. Goethe hat einmal den, der das „Stirb und werde" nicht kenne, als einen trüben Gast auf Erden gekennzeichnet. Und so verkündet der neue Zeitabschnitt uns die Lehre, das Frühere abzutun, sich zu lösen von dem Niedrigen und Erniedrigenden des Alltags, sich zu erheben zu verjüngtem Dasein, sich zu erneueu im eigenen Streben, im Verhältnis zu den übrigen Menschen und im Verhältnis zu der hohen großen Macht, die die Geschicke lenkt. „Stirb und werde", so rufen auch wir mit den Worten des Altmeisters unseren Lesern zu. *

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