Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1916)
- Date
- 1916-09-27
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
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459 uns int Geiste hin zu den bedeutungsvollsten Epochen unserer Vergangenheit, auf das wir uns Rat holen bei ihrer Weisheit und Erfahrung. Man sage nicht, das Judentum habe, als religiöser Faktor, nicht das Recht, sich in soziale Fragen einzumischen. Wer die Geschichte seiner Entstehung und Entwicklung kennt, weiß, daß es von vornherein darauf angelegt war, die Religion des wirklichen Menschenlebens zu sein, daß feine Lebenskraft eben darin liegt, daß es neben unvergleichlich wertvollen religiösen und intellektuellen Elementen ebenso viele sozialer und politischer Natur enthält, welche es befähigen, mit dem wirklichen Leben in steter Fühlung zu bleiben, und die es darum bis auf den heutigen Tag jung und lebensfrisch erhalten haben. Wie viele höchst bedeutende Momente sind aus dem Judentum in das gesellschaftliche Leben der Menschheit übergegangen, in wie vielen höchst bedeutsamen Beziehungen haben seine Lehren und Einrichtungen auf die Gesellschaftlichkeit der ganzen Menschenwelt gestaltend eingewirkt? Sollte es da nicht Anspruch haben, auch in den blutigen Stürmen der Gegenwart gehört zu werden? Nirgendwo aber klingt die Stimme des Judentums reiner und klarer als in den weihevollen Akkorden des Schofars am Neujahrstage. Denn Rosch Haschono ist nicht nur ein hohes religiöses Fest, sondern zugleich auch ein Hymnus auf den Fortschritt in der Versittlichung der Gesellschaft, eine Verherrlichung der tiefsten Gedanken der ethischen Kultur, ein Hochgipfel, der den weitesten Ausblick und die klarste Fernsicht in die Zukunft der Menschheit gewährt. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur die wichtigsten Stücke der an diesem Tage gebräuchlichen Liturgie zu betrachten. Ist es nicht eine im höchsten Maße bezeichnende Erscheinung, daß — um nur eines hervorzuheben — an diesem Tage, der nach der Ueberlieferung das Schicksal jedes einzelnen entscheidet, die Gemeinde Israel nicht für das materielle Wohl ihrer Mtiglieder, sondern zu allererst für die Erlösung des ganzen -Menschengeschlechts betet? „Und lasse doch walten die Ehrfurcht vor dir über alle deine Werke, auf daß sie dich ehrfürchten und sich vor dir bücken als deine Geschöpfe und sie alle zu einem Bunde werden . . . deinen Willen zu tun mit ganzem Herzen." In zahllosen Variationen kehren diese Worte im Festgebete wieder; sie enthalten eine der höchsten Ideen der Menschheit und zugleich einen Grundgedanken des Judentums, der nichts Geringeres als den Daseinszweck Israels als Heilsboten und Vermittler des erlösten Menschengeschlechts umfaßt. Es ist die Stimme des „Knechtes Jakob", die sich hier vernehmlich macht, indem er sein Glück und Heil an das der gesamten Menschheit geknüpft sein läßt. An einem ihrer ernstesten und heiligsten Tage hegt die Gemeinde Israel keinen innigeren Wunsch und bekennt sie sich zu keinem festeren Glauben, als daß die auf Ehrfurcht gegründete Erkenntnis Gottes einst die ganze Welt erfüllen und Liebe und Barmherzigkeit ein einigendes Band um sie schließen wird. Dieser Glaube wäre aber durchaus unjüdisch, wenn er nicht tief im Boden des wirklichen Lebens wurzelte. Die Gotteserkenntnis, um welche für die ganze Menschheit im Gebete hier gerungen wird, ist daher keineswegs eine bloße, philosophische Abstraktion, sondern sie schließt, weil sie ihrerseits selbst das höchste Sittengesetz zur Grundlage hat, unmittelbar und unzertrennlich die wahre Sittlichkeit in sich, ohne welche nach der Auffassung unserer Weisen selbst der Thron Gottes nicht bestehen kann'). Nicht daß einzelne Individuen, mehrere oder wenigere, nach einer sittlichen Höhe streben und wie Bergkuppen aus dem Nebelmeere heraufsteigen, sondern vielmehr daß die Versittlichung die ganze menschliche Gesellschaft ergreife und sie in ihren politischen, sozialen und wirts) Dieser Gedanke gelangt auch in der Liturgie von Rosch Haschono zum Ausdruck, so z. B. in dem Piut, jr“)K ‘T’ttP’ DSÜD3 *1*5X2' unmittelbar vor der Schacharith-Keduscha. schaftlichen Beziehungen dermaßen befruchte'), baß die Idee von der Einheit und Gleichheit aller Menschen und der Gedanke eines im Geiste gegenseitiger Liebe und Duldung geschlossenen „Bundes", wie die Wirkung aus der Ursache, sich daraus wie von selbst ergebe und verwirkliche — das ist der Glaube, den Israel alljährlich am Tage seines Jahresanfangs der Menschheit verkündet. So gewiß das schaurige Völkergemetzel, welches seine blutigen Spuren bereits in das dritte Jahr wirft, eine der traurigsten Verirrungen der Menschheit und seine entsetzlichen Begleiterscheinungen eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte bilden, sie sind gleichwohl auch nicht im entferntesten mit den Leiden und Bedrängnissen zu vergleichen, die Israel aus seinem endlosen Leidenswege erduldet hat. Und dennoch, hat es von diesem Glauben nicht gelassen. Er war die Feuersäule, die ihm aus diesem Wege voranleuchtete, um so Heller, je dunkler die Gegenwart und je trauriger die Zukunft vor ihm gestanden. Weshalb sollte es diesen Glauben fahren lassen in der Gegenwart, in welcher die Menschheit so sehr nach ihm dürstet, weil sie ihr in nicht zu überbietenden Schreckensbildern die Lehre veranschaulicht, daß ohne Sittlichkeit im staatlichen und gesellschaftlichen Leben die Weltordnung zu einem wüsten Trümmerhaufen wird? Weshalb die heilige Ueberzeugung aufgeben, daß Gott der weiseste König und gerechteste Richter auf Erden ist, dem Explosionen in der Völkergeschichte, gleich den Eruptionen in der Naturwelt, nur als Mittel dienen, diese Lehre zu befestigen und die Menschheit zu höheren Zielen emporzuführen? Es widerhallt die Erde von Schlachtenlärm und Kanonendonner, ein Aechzen uns Stöhnen zieht durch die Welt, die Stimme des Blutes von Millionen hingeopferter Menschen schreit zum Himmel empor. Dessen Engelscharen lassen sie nicht unerwidert. Anfangs leise und schüchtern, dann stärker und stärker, zu mächtigem Akkorde anschwellend, ertönt des Schofars himmlischer Ruf: „Gott richtet in Gerechtigkeit die Welt." Wir aber richten flehend unsere Blicke zu ihm empor und sprechen: „Laß doch walten die Ehrfurcht vor dir über alle deine Werke, auf daß sie dich ehrfürchten und sich beugen vor dir alle deine Geschöpfe und sie alle zu einem Bunde werden, deinen Willen zu tun mit ganzem Herzen." Lum 3. Neujahrsfest im Lne^e. iederum heißt es, das hohe Fest in Feindesland zu begehen, fern von der Heimat, fern von den Lieben, und mannigfache Empfindungen werden wohl in diesem Augenblick das Herz eines jeden jüdischen Kameraden erfüllen, der für Deutschlands Größe gegen den Feind steht! Zunächst ist es sicher bei allen das Gefühl der Dankbarkeit, das überwiegt: der Dankbarkeit gegen Gott, der uns bisher durch alle Schrecken und Fährnisse des Krieges so treulich geleitet hat! — Denn nicht, wie es hätte sein können, danach fragt man als Soldat, sondern man nimmt es, wie es ist. Wer den Tod so oft vor Augen gehabt hat, für den verliert er an Schrecken; er weiß, daß es heißt, sich jeder Minute zu freuen, die man die Luft atmen, des Sonnenlichts teilhaftig werden darf. Und diese Stimmung erzeugt dann aus sich heraus den Dank gegen die Gottheit! Wohl will ein jeder von uns nach siegreichem Frieden in die Heimat zu Weib und Kind zurückkehren, will seine ') Der berühmte Nationalökonom der Berliner Universität A. Wagner sagte in seiner am 27. Januar d. I. gehaltenen Abschiedsvorlesung: „Eine gesunde Volkswirtschaft kann in Theorie und Praxis nicht lediglich auf dem Recht des persönlichen Vorteils aufgebaut werden, es muß vielmehr ein zweites System der Gemeinwirtschast ergänzend hinzutreten und die Caritas alles Unvollkommene mildern."