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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-27 · Heft 39 (27.9.1916) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 39 (27.9.1916)
Date
1916-09-27
Page
Seite 458 (sequence 2)
Language
German
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458 von Trost und Erhebung als in der düster ernsten Gegenwart, da die menschliche Gesellschaft auf schiefer Ebene hinabgleitet und in Blut und Haß zu ersticken droht. Uebertönen soll die Schofarstimme das Schwertgeklirr und den Kanonendonner, hinführen möge sie die verirrte Menschheit zu jenen Höhen, wo sie zum erstenmal erklungen und der Welt ein Licht angezündet worden war, das auch die gegenwärtige Sturmflut nicht zu verlöschen vermag, ein ewiges Licht, das Licht der Erkenntnis und Furcht Gottes, „da sie alle zu einem Bunde werden, den Willen Gottes zu vollziehen mit einmütigem Herzen". II. „Warum toben die Völker und tosen die Nationen um nichts?" „Erheben sich die Könige der Erde und verschwören sich die Fürsten?" Weshalb rast seit Jahr und Tag ein blutiger Orkan durch die Welt, die Luft mit glühendem Haß und blutrünstiger Rache erfüllend, Jammer und Elend, Tod und Verderben im Gefolge? Wo sind Ursache, Ziel und Ende von all diesem zu erkennen? Wer vermöchte auf diese Frage eine zureichende Antwort zu erteilen? Er könnte ebenso dem tobenden Meere sein Geheimnis entlocken oder die Brandung durch chemische Analyse des Wasserstoffes beschwören. Gleichwohl hat es an Versuchen nicht gefehlt, den ungeheuren Völkerzusammenstoß, dessen schaudernde Zeugen wir seit mehr als zwei Jahren sind, als philosophisches Problem zu erfassen und der Kriegsfurie wenigstens literarisch beizukommen. Es sind in den vergangenen zwei Jahren nicht nur Ströme von Blut, sondern auch solche von geschriebenen Worten vergossen worden, um die „sittlichen Beweggründe" und „moralischen Triebfedern" dieses blutigsten Dramas der Weltgeschichte bloßzulegen. Mit besonderer Vorliebe haben sich dieser Methode unsere zahlreichen Feinde bedient, deren verantwortliche Führer ihr schwer belastetes Gewissen durch Wort und Schrift entsündigen wollten. Versetzen wir uns im Geist in die ersten Monate des Krieges, vergegenwärtigen wir uns den tönenden Wortschwall und die schmetternden Phrasen, womit unsere Gegner in den Krieg zogen. Da sprachen die einen: die Heiligtümer der Kirche und die christliche Ethik haben ihr Volk zu den Waffen greifen lassen. Tie anderen raspelten das Süßholz von der Befreiung der unterdrückten Nationalitäten: die dritten gaben vor, die beleidigte Humanität und die verletzten Menschenrechte seien der Anlaß ihrer blutigen Aktionen gewesen. Der Kenner der großen Völkerbewegungen ließ und läßt sich durch dieses Wortgeknatter nicht irremachen. Er schlägt das große Buch der Weltgeschichte auf, das ihm auf jedem Blatt von den entsetzlichen Greueln erzählt, die unter der Maske der Religion und Nationalität verübt worden sind. Denn es ist eine grausame Ironie der Weltgeschichte, daß gerade diese beiden an sich großen Menschheitsprinzipien durch Herrsch¬ und Raubstlcht zu namenlosem Elend der Menschheit ausgebeutet wurden. Davon wissen wir Juden ein trauriges Lied zu singen. Hat nicht schon Sanherib, bevor er seine Sturmböcke gegen die Mauern von Jerusalem schleuderte, von der Überlegenheit seiner Götter über den Gott Israels gefaselt!? Und die syrischen und römischen Kaiser, nachdem sie ihren Fuß auf den Nacken Judas gesetzt, war es nicht ihr erstes, die Abzeichen ihrer Gottheiten auf die Mauern der eroberten Städte aufzupflanzen? Oder braucht erst an die verschiedenen Religionsverfolgungen, Kreuzzüge, Inquisitionen, Ketzergerichte erinnert zu werden, an deren Segnungen Juden, Christen und Mohammedaner gleichermaßen teilgenommen haben? Was aber die Nationalitätenfrage anbelangt, wann hat es seit dem rubsn *"lH eine Periode in der Menschheitsgeschichte gegeben, in der sie zur Ruhe gekommen und nicht vielmehr Anlaß und Ursache namenlosen Jammers und Elends geworden war? Und auch hier ist es nicht ohne Ironie, daß als Nationalitätenbefreier in den meisten Fällen jene Staaten aufgetreten sind, deren Gebilde das buntscheckigste Konglomerat von einander bekämpfenden Rassen und Sprachen darstellt: im Altertum das römische Imperium, im Mittelalter das fränkische Reich, England und Rußland in der Neuzeit. Indes, der Krieg ist zum Glück nicht nur ein blutig grausames Handwerk, sondern auch ein Wahrheitsbringer, der unter vielen anderen auch die Wahrheit über sich selbst hat gebracht, deren Erkenntnis selbst die Feinde sich nicht entziehen können. Denken und sprechen sie über den Krieg auch heute noch so, wie sie es vor zwei Jahren getan? Verstummt ist allmählich das Gefasel von Humanität und Menschheitsbeglückung, womit sie zu Beginn sich und andere täuschen wollten. Die Masken sind gefallen und der Krieg stellt sich als das heraus, was bisher noch alle Kriege gewesen und was der gegenwärtige — vom Standpunkt unserer Feinde gesehen — am meisten ist: ein ins Gigantische gesteigerter Kampf um Macht, Ruhm, Besitz, eine tolle Jagd nach Herrschaft und GewaltJ. In der Weltgeschichte, lautet ein Wort Herders, spiegelt sich der Glanz einer Idee. In dem vor unseren entsetzten Blicken sich abspielenden Völkerringen, das einen wichtigen Ablauf des historischen Weltprozesses darstellt, spiegelt sich die mit den ungeheuren technischen und naturwissenschaftlichen Fortschritten parallel einhergehende Ueberspannnng der materialistischen Gedankenrichtung, deren erste Spuren an der Wendung erkennbar waren, die sich — nach einem Worte Euckens — während des Verlaufes des vorigen Jahrhunderts von der unsichtbaren Welt religiösen Glaubens, philosophischen Denkens, künstlerischen Schaffens zum sichtbaren Dasein vollzogen hat und die einen Sieg des Realismus über den Idealismus brachte. In ihren Anfängen ziemlich harmlos, weil fast ausschließlich in den Bezirken der Kunstliteratur und Aesthetik und auch hier nur an der Oberfläche sich bewegend, drang sie in den letzten Jahrzehnten immer tiefer in die menschliche Gesellschaft ein, um sich schließlich zum sozialen Materialismus zu entwickeln, dem alles Sein lediglich in der blinden Gesetzesmäßigkeit von Ursache und Wirkung beschlossen liegt, und welchem Menschen und Völker schlechterdings als Produkt der Wirtschaft und des Verkehrs gelten, wo einzig und allein der rücksichtslose reale Machtwille entscheidet. So wertvoll diese Erkenntnis an sich ist, so trübe sind die Aussichten, die sie für die Zukunft der Menschheit gewährt. Denn wenn es wahr ist, daß die Geschichte eine gewisse Konstanz in der Uebereinstimmung von menschlichen Gruppenhandlungen aufweist und die Gleichförmigkeit im Ablauf des historischen Prozesses die Schlußfolgerung nahelegt, daß bei annähernd gleichen geschichtlichen Bedingungen und Voraussetzungen der künftige Ablauf des Geschehens dem Voranaegangenen in großen Zügen gleichen werdet, droht da nicht die große Gefahr, daß die schweren Nöte der Zeit, in der wir leben, sich bald wiederholen und das grauenhafte Blutvergießen der Gegenwart vielleicht gar nur den Auftakt zu noch schrecklicheren Kampfhandlungen bilden könnte?! Soll die fortschreitende Zeit mit ihren staunenswerten Kräften der Organisation, den ungeheuren technischen Behelfen und zahlreichen Faktoren des Geistes statt ein Hemmnis ein immerwährender Auftrieb zur Entfesselung der dunkelsten Triebe und Leidenschaften und das menschliche Geschlecht wirklich verdanunt sein, sich in Kampf und Haß zu verzehren? Während solche Gedanken uns durch den Sinn fahren, dringen die schmetternden Töne des Schofar uns ans Ohr und führen 1) Es darf hier vielleicht erwähnt werden, daß im Hebräischen der Stamm Erb Kampf und Brot bedeutet, weiters, daß in der Bibel in Gen. X, 9, zum erstenmal von Eroberung fremder Länder die Rede ist. Der Eroberer, Nimrod, wird dort bezeichnenderweise als „tapferer Jäger" hingestellt. 2) Vgl. L. Stein, „Politische Prognosen", 1907. (Ein Vortrag.)

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