Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1916)
- Date
- 1916-09-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 39 Berlin, 27. September 1916 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Zei.ung «sch..n. --ch-n."ch. I vezröndet von Rabbiner vr. Lu-wi- Philippson A bonnements-preisr durch den Buch- Unter Leitung der Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger vierteljährlich 3 m. - posticheckiont» 32*. | yet|ag. Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8 XV, Jerusalemer Straße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. TInftitft* Zum Neujahrsfest! Von Dr.Arrnrn Abel es, Wien. — Zum yilljull« 3. Neujahrsfest im Kriege. Von Dr. W. 0. — Die Woche. — Ein unbekannter Brief Moses Mendelsohns. Veröffentlicht von Ludwig Geiger. — Polnische und russische Dichter und Erzähler über Juden. Von Tr. Marcus Landau, Wien. — Das Stammhaus der Rothschild. Von G. Bieneck. — Feuilleton: Um des Kindes willen. Nach einem vorhandenen Stoff bearbeitet von Regina Neiher. —HeiligeZeit. Von S.Katz. — Roschhalchonoh! Von Jenny Bergmann. — Vüchereinlaus.— Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Kriegsanleihezeichnungen bei der Post. — Berlin, Posen, Breslau, Hamburg, Nürnberg, Aachen, Bern. Prag. — Von Nah und Fern. Lum Smjahrskkit! Von Dr. Armin Abeles, Wien. „Und sie alle mögen zu einem Bunde werden, deinen Willen zu tun, mit ganzem Herzen." I. ielleicht nirgendwo zeigt sich der Genius des Judentums, die großartige Gestaltungskraft seiner Lehre und Weltanschauung in strahlenderem Glanze als am Neujahrsfeste, dessen heilige Schauer unsere Herzen schon Wochen vorher mächtig erbeben lassen. Aus unscheinbaren Anfängen hat sich dieser Tag zu ragender Höhe emporgehoben, gleich dem Urgestein, das aus den Tiefen der Erde, alle späteren Schichtungen mit elementarer Kraft durchschlagend, zum himmelstürmenden Gletscher sich emporreckt. Man vergleiche die wenigen trockenen, auf dieses Fest Bezug habenden Sätze im Fünfbuch mit den hochragenden Gedanken, mit welchen der „Gedächtnistag des Posaunenschalls" von den großen Lehrern und Meistern des Judentums im Verlaufe der Zeit ausgestattet und im Volksbewußtsein wach erhalten wurde, und man wird die ungeheure Kraft ermessen können, die der jüdische Volksgeist hier entfaltet hat. Freilich, diese Entwicklung ist nicht ohne weiteres vor sich gegangen. Der Weg, der aus den Tiefen des Dunkels, in welches die Entstehungsgeschichte unseres Festes gehüllt ist, zu den lichten Höhen führt, wo die allumfassende, Raum und Zeit überwindende Idee vom rin DV und nSin tun heranreifte; dieser Weg ist langwierig und dornenvoll, es ist der Weg des Judentums. War schon die Geburtsstunde Israels von furchtbaren Wehen begleitet gewesen, so gibt es auch kein zweites Volk, das unter entsetzlicheren Qualen und Zuckungen zusammenbrach. Mächtige Reiche sah es in diesem Zeitraum entstehen und vergehen im Meere der Geschichte, bis es selbst vom Wirbel ersaßt im bunten Wellenspiel auf und nieder gezogen wurde. Jahrhundertelang dauerte das grausame Spiel, fast ein Jahrtausend verfloß unter unaufhörlichen Kämpfen, bis Israel nach endlosen Schwankungen und Rückfällen sich selbst und den Weg gefunden, den ihm der Meister unter seinen Propheten, in den Worten vorgezeichnet. „Er sprach: Mein Knecht bist du, Israel, durch den ich verherrlicht werden soll," „Ich, der Herr, habe dich berufen, zum Heile dich eingesetzt, zum Lichte der Völker, auf daß du den Blinden die Augen öffnest, die Gefesselten der Freiheit, die Bewohner der Finsternis dem Licht entgegenführst." War Israel solcher Art auch eine kostbare Krone vom Haupt gerissen worden, es hatte eine herrlichere dafür eingetauscht, „eine prächtige Krone zu sein in der Hand des Herrn, ein kostbares Diadem in der Hand Gottes", besten Herrschaft unzerstörbar und unvergänglich ist für alle Zeiten, denn der Thron Gottes, so lehrten es die Propheten, ist auf Recht und Gerechtigkeit gegründet, woran zuschanden werden Bosheit und Niedertracht. Von ihm strömt ein Lichtmeer von Liebe und Barmherzigkeit aus, dessen Strahlen zwar allererst über Israel aufgegangen, das aber die ganze Erde erleuchten wird, bis alle Völker und Nationen sich um diesen Thron scharen und die Erkenntnis Gottes, wie Wasser das Meer, die ganze Welt bedeckt. Ist es nicht natürlich, daß diese nach so ungeheuren Kämpfen gewonnene Erkenntnis, die den seelischen und geistigen Habitus des Judentums entscheidend beeinflußt hat, sich tief seinem Herzen eingesenkt? Daß sie wie ein kostbarer Schatz behütet wurde, der, nachdem ein Teil davon schon vor Jahrtausenden der Menschenwelt abgegeben worden war, geeignet ist, auch in Zukunft die Menschheit zu beglücken. Ein Lehrmeister der Menschheit wird das Judentum genannt. So viel Spott auch mit dieser Bezeichnung intra et extra muros getrieben wurde, der Kenner der Religions- und Kulturgeschichte wird in ihr nichts anderes als die Anerkennung der Tatsache erblicken, daß Israel als einziges Volk den festen Glauben an die fortschreitende Entwicklung des Menschengeschlechts zu den Idealen der religiösen und sittlichen Vervollkommnung, zum Recht und zur Liebe, schon im Altertum hochgehalten und daß es diesen Glauben Jahrtausende hindurch durch Wasser und Feuer getragen, bis er seit Herder und Hegel zur bewußten Anschauung der Geschichtsphilosophie sich entwickelte. Ein tüchtiger und gewistenhafter Lehrer läßt es sich angelegen sein, die in harter Arbeit gewonnenen Lehren und Wahrheiten an gewissen Abschnitten des Schuljahres mit seinen Schülern immer wieder durchzuarbeiten. Aehnlich verfährt Israel an der Wende des Jahres mit seinen Bekennern und durch sie mit dem Menschengeschlecht. Mit seinem uralten geheiligten Instrumente, das stets als Begleiter gewaltiger Vorgänge in seiner Geschichte erscheint, der Stimme des Schofars, sucht es das Gewissen der Völker und Nationen aufzurütteln, sie für die alte prophetische Lehre von einer weisen und gerechten Weltregierung empfänglich zu machen, in ihnen die mit seinem Herzblut erkämpfte feste Ueberzeugung zu befestigen, daß nicht D'HMP Zerstörung und Zertrümmerung, sondern iV'pn der Fortschritt, die Höherentwicklung der Menschheit, Ziel und Zweck dieser Regierung, die Erlösung der Menschheit im Geiste der Liebe und Barmherzigkeit der göttliche Heilsplan sei. Niemals hatte diese Stimme einen überzeugenderen Klang, niemals enthielt sie eine größere Fülle