Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229271--72543-3284991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Stätte des Friedens geweiht und eine ewige Lampe entzündet. Dieses Licht ist ein Sinnbild des Glaubens, der die Zweifel überwindet. Nicht nur die Kämpfer draußen, auch die Daheimgebliebenen bedürfen eines starken Glaubens, um nicht zu verzagen in ihrer Sorge um das Vaterland. Im Sturm der Welten konnte der g r i e ch i s ch e W e i s e zweifeln, ob es Götter gibt, aber der jüdische Prophet sagt: ,,Jch darf jubeln, denn Gott, mein Hort, lebt." Das ewige Licht iiu Heiligtume ist auch Sinnbild des schöpferischen Geistes im Menschen, der auch im deutschen Volke lebt. Dieser Geist ist alles; er erhielt das Vaterland im Kampfe gegen eine Welt von Feinden, er beseelte unsere großen Heerführer, als die feindliche Uebermacht uns bedrohte, er durchdrang die kühnen Männer, die uns einen neuen, ungeahnten Weg durch das Weltmeer bahnten, als feindliche Gewalt uns von der Welt abschneiden wollte. Dieser Geist ist unzerstörbar. Menschen können wohl Menschen töten, aber nie den Geist eines Volkes. Das ewige Licht im Heiligtume ist aber auch ein Sinnbild der Hoffnung und des Glaubens an uns selbst und darüber hinaus an die Zukunft unseres Vaterlandes. Nach dem Kriege werden die Völker erkennen, daß das Verbindende stärker als das Trennende, die Liebe mächtiger ist als der Haß. Stehen wir auch im Kampf uud im Dunkel, wir glauben doch an die Zukunft des Lichtes, au den endlichen Sieg des Vaterlandes, seine Zukunft und seine Größe." Nach dem Entzünden der ewigen Lampe sang W i l h e l m G u t t m a n n die Arie „Vater des Alls" aus „Judas Maccabäus" von Haendel mit Harfenbegleitung. Dann bestieg Sanitütsrat Tr. F e i l ch e n f e l d die Estrade, der als Bevollmächtigter des G e m e i n d e v o r st a n d e s die Synagoge der Gemeinde übergab. Dr. Feilchenfeld führte aus: „In schwerer, ernster Zeit ist dieses Gotteshaus fertiggestellt, nachdem der Bau bereits lange vor dem Kriege beschlossen worden war. Innerhalb weniger Jahre ist hiermit das dritte große Gotteshaus der jüdischen Bevölkerung von Groß-Berlin übergeben worden. Diese Tatsache kennzeichnet das gewaltige Anwachsen der Berliner jüdischen Gemeinde, aber es zeigt auch, daß das religiöse Bedürfnis unserer Gemeindemitglieder ständig wächst. Ebenso wie in der übrigen Bevölkerung ist auch unter unseren Glaubensaenossen eine Zunahme des religiösen Gefühls unverkennbar. Vom Materialismus sind wir ui einer idealeren Weltauffassung gekommen. Diese Entwickelung hat in unwrein Volke schon vor dem Kriege begonnen, in dieser Zeit der Not ist sie erstarkt. Sie gibt uns die Kraft, das Schwere zu ertragen, und die Hoffnung ans ein siegreiches Ende unseres gerechten Kampfes. Aber noch ein Drittes zeigt dieser Vau: die Einheit der Berliner Jndenheit. Die Gemeindeverwaltung hat das ernste und feste Bestreben, allen berechtigten Forderungen der religiösen Richtungen innerhalb der Gemeinde vollauf Rechnung zu tragen. Die Vertreter der Gemeinde, welcher Richtung auch sie persönlich angehöreu mögen, wollen ihre eigene Ansicht nicht der Gemeinde aufzwingen. Alle sind darin einig, daß sämtliche religiöse Richtungen Anr"ck-r auf Berücksichtigung haben. Wir hoffen, daß alle unsere Glaubensgenossen unter einer einheitlichen gerechten Verwaltung sich als eine geschlossene Einheit fühlen werden. Mitbestimmend für den Beginn des Baues unter so schwierigen Verhältnissen war für die Gemeindeverwaltung neben anderem auch der Wunsch, dazu beizutragen, einer großen Zahl von arbeitslosen Bauhandwerkern linb Bauarbeitern Gelegenheit zum Erwerb zu geben. Wir danken ihnen allen für die treue Arbeit, die sie geleistet, wir danken auch der Bauleitung und der bauleitenden Kommission,die trotz derUngunst der Zeit den Bau zur Aussühruna brachte und zur Ehre der Gemeinde errichtet hat. Wir danken vor allem dem Höchsten, unter dessen Schutze das Haus ohne ernsten llnfall zur Vollendung kommen konnte. Als erstes Gebet in dieser Synagoge wollen wir Gott dafür danken, daß unser Vaterland sich gegen eine Ueberzahl von Feinden ringsum tapfer halten konnte und daß die Schrecken des Krieges den .Heimatgefilden fcrngeblieben sind. Wir wollen dafür danken, das; unfer Kaiser, der sein Leben lang seinem Volke den Frieden sicherte, jetzt an der Spitze eines opferfreudigen Volkes, umgeben von vielerprobten Heerführern und Ratgebern. Deutschland zu bedeutendem Erfolge führte. Doch auch ein Bittgebet wird hier heute anfsteigen, daß uns bald, bald ein ehrenvoller Friede beichieden sei imb in unseren Gotteshäusern nicht mehr die Tränen der Mütter und der Gattinnen fließen um ihre Söhne und Männer, die fern von der Heimat für das Vaterland fallen. Und wie jetzt alle, Mann für Mann, im Felde und in der Heimat, für die gemeinsame Sache kämpfen, so «lögen auch dereinst ajje Deutschen ohne Unterschied der Abstammung und der Religion gleichstrebend und gleichberechtigt für das Wohl des Vaterlandes wirken. Mit diesem Wunsche, der uns alle erfüllt, übergebe ich dieses Gotteshaus der Gemeinde im Namen des Vorstandes." Wieder ertönte ein Ehorlied, Beethovens „Gott, deine Güte reicht so weit wie die Wolken gehen", dann folgte die eigentliche Weihepredigt, die Rabbiner Dr. Rosenzweig hielt. Aus Mangel an Raum ist es uns leider nicht möglich, die in Inhalt und Form gleich vorzügliche Weiherede auch nur im Auszüge wiederzugeben, wir lassen daher nur den Schluß folgen: „Unseren Ahnen war das Gotteshaus nicht nur Andachtsstätte, sondern auch eine Stätte der Lehre, die sie schlicht „Schule" nannten, und die Schulpflicht ist in Israel über 2000 Jahre alt. Auch dieses Gotteshaus möge ein Lehrhaus werden, in welchem unsere Kinder lernen, Inden, deutsche Juden zu sein. Hier sollen sie erkennen, daß Israel noch kein abgestorbenes Reis am Baum der Völker ist und mit der Liebe zuin deutschen Vaterlande die Treue gegen das geistige Erbe der Ahnen vereinen lernen. Familie, Gemeinde, Vaterland und Menschheit bilden die Jakobsleiter, die zur Vollendung führt. Niemand ist nur für sich da, jeder bildet nur ein Glied an einer einigen Kette. Nur der lebt wahrhaft, der sein Leben für etwas Großes einsetzt: für das Vaterland, für die Menschheit!" An die Predigt schloß sich der Priestersegen, dem das Kaisergebet folgte. Den Abschluß der Feier bildete Chorgesang, der Psalm 150: „Halleluja" in der Komposition von Sulzer. Von Mitgliedern des E'iwveihungsansschusses geleitet, verließen zuerst die Ehrengäste und dann die übrige Festgemeinde das Gotteshaus. Eine Beschreibung des Baues und seiner inneren Einrichtung folgt demnächst. C. M. B. Berlin, 19 September. Die Beerdigung-des verstorbenen Mitgliedes der Repräsentantenversammlung Justizrat Dr. Ignaz E o h n fand am 14. d. M. unter großer Beteiligung aus allen Kreisen der Gemeinde auf dem Friedhofe in Weißensee statt. Der blumenbedeckte Sarg wies Kranzspenden des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde, des Brüdervereins, des Akademisch-juristischen Vereins, des Vorstandes der Synagoge Rhkestraße, der Shuagogenbeamten und anderer Organisationen und vieler Privatpersonen auf. Die Gemeindekörperschaften wie Vorstand, Repräsentantenversammlung und die verschiedenen Verwaltungsausschüsse waren vertreten. Der Anwaltsstand und besonders der Akademisch-juristische Verein, dessen Alter Herr der Verstorbene war, hatten Vertreter entsandt. Auch Beamte der Gemeinde, wie Kantoren und Angestellte der Rhkestraße-Synagoge, deren Vorsitz Dr. Cohn seit ihrer Begründung führte, waren erschienen. Die Trauerfeier begann mit dem vom Chor der Synagoge R h k e - st ratze unter Leitung seines Dirigenten B u r ch a r d t vorgetragenen Kellermannschen Liede: „Adonaj, mah Adam". Dann hielt Rabbiner Tr. Weiße die Gedächtnisrede: „In dieser schweren Zeit sei die Gemeinde von schweren Schicksalsschlägen betroffen, I a c v b y, Sachs B l it m enth a t, M a n h e i nt e r und andere, die ihre Kraft der Gemeinde weihten, sind heimgegangen, und wiederum habe unsere Gemeinde einen schweren Schlag durch den Heimgang Dr. Cohns erlitten. Mitten aus dem Leben, das ihm noch viel geben konnte, wurde er fortgerissen. Der Verstorbene war ein seltener Mensch von hervorragenden Eigenschaften des Geistes, des Herzens und des Charakters; er zeichnete sich durch große Schlichtheit und liebenswürdige Bescheidenheit aus. Er war beseelt von großer Religiosität, von heißer Liebe für das Judentum, dem er alle Kräfte widmete. Er war ein Mann der mittleren Linie, wie sie iit unserer Zeit, die im allgemeinen eine Stellungnahme nach rechts oder links fordert, selten ist. Mit warmem Herzen und mit Energie vertrat er seine Anschauungen; er verstand es, in streng sachlicher und doch liebenswürdiger, humorvoller Weise die Gemüter für die von ihm vertretene Sache zu erwärmen. In seinem Beruf war der Verstorbene ein wahrer Anwalt des Rechts der Armen itnd Enterbten, die ihn liebten und ihm vertranten. Er war ein Vater der Armen. In seinen letzten Stunden sagte er, wie gertt er ttoch hier bliebe, tveil er den Armen erhalten bleiben möchte, denen er ttoch so viel Helsen müsse. Bei der Lauterkeit seittes Herzens und der Rechtlichkeit seines Wesens konnte er wohl Gegner, aber keine Feinde haben. Das Mitgefühl der vielen, die um diesett seltenen Menschen trauern, mtd das unsere Zeit wieder erfüllende Gefühl der Unsterblichkeit des Geistes und der Liebe solle den Trauernden ein Trost sein nach deur Psalmwort: „Deine Sonne wird nicht untergehen". Direktor Dr. Minden, der Vorsitzende