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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-22 · Heft 38 (22.9.1916) · p. Seite 456

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 38 (22.9.1916)
Date
1916-09-22
Page
Seite 456 (sequence 12)
Language
German
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456 bntcfcret itnb Ber lagsbuchh and l u ng, dieses Haus, in dem auch eine Zeitung erscheint, und nur das Sausen der Schnellpressen unterbricht die in diesem Heim der Gutheit und Unschuld herrschende Stille. Mit jüdischen Nachbarsleuten kommt die jüngste Tochter des Buchdruckereibesitzers, Sibylle (die im Hause Jsebies genannt wird), in Berührung. Es heißt da u. a. Seite 103: „Drei brave, wohlerzogene jüdische Kinder standen bei ihr in großer Gunst, trotzdem diese Kinder ihr im Grunde überlegen waren in allem, was Vernunft betraf. Die Eltern führten einen kleinen Laden mit Leinenzeug. Was Jse anzog, mochte sein, daß sie eben Juden waren. „Das sind Judeukinder", hatten die anderen ihr zugewispert. Vielleicht, dachte I., haben sie die Augen von Eva und schauen einen so an, wie es die getan, oder die Allgen von Rebekka oder Abraham. An einen: Herbstabend rief sie die Judenkinder an: „Was ist denn los? Ihr seht ja so fein aus." Ja, sie sahen fein aus. Der Bub stand in einen: feierlichen, schwarzen Rock und das Mädchen in hellblauen Wollkleidern. „Was habt ihr? Wohin geht ihr denn?" Das Mädchen sagte: „Uns ist der Goj ausgeblieben, der uns am Freitagabend die Lichter anzündet." „Kann ich euch anzünden?" fragte I. schüchtern. „Ja, aber du darfst nicht lachen," sagte der Bub. „Nein," sagte I. „Wieso dürft ihr keine Lichter am Freitagabend anzünden?" „Da soll niemand etwas tun." I. war schon einmal oben bei Lewins gewesen. Es war zugegangen wie überall. I. hatte'gemeint: noch ärmlicher. Heute aber kam ihr schon beim Eintreten in das Hans eine ganz andere Luft entgegen: Königsrauch, vermischt mit allerhand Köstlichem. Leise gingen die Kinder die Treppe hinauf, und ich sah, daß an dem Pfosten der Wohnungstür ein Röllchen befestigt war. Jedes der Kinder berührte das Röllchen mit den Lippen dreimal. „Weshalb tut ihr das?" „Höre, Israel," sagte der Bub, „der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig." „Na, das ist ja wahr" sagte Jsebies, und sie sah, der lange Tisch in der Mitte des Zimmers war gedeckt, und reich gedeckt. Ein alter silberner Brotkorb stand mtf dem Tisch und ein siebenarmiger Leuchter. Frall Lewin saß an der Tafel mit einem feierlichen Ausdruck. Schwer hatte sie geschafft, um diese Herrlichkeiten zustande zu bringen ~ dies Paradies aus Erden. Sie hielt eine geschnitzte Büchse in der Hand. Das war die a l t e j ü d i s ch e G e w ü r z b ü ch s e, die auf keinen: Tisch bei f r o :n m e n Jude n am Sabbatvorabend fehlen dürfte, die Büchse, aus der der Dust des Paradieses strömte, das Jehova (!) den Seinen schon hier auf Erden verheißen hatte. Herr Lewin sang König Salomos „Lob der Frau". Er sang: „Wen: ein tugendsan: Weib beschert ist, die ist viel edler wie die köstliche:: Perlen." Und ich zündete die siebenarmigen Leuchter an. Von da an war ich, wenn es irgend anging, der Lichtanzünder beim Sabbatvorabend. Vor de::: £ stersest ging sie mit ihren jüdischen Freunden hinunter an die Ilm und schüttelte Kleider und Taschen in den Fluß, das heißt: alle Sünden des vergangenen Jahres. Sie sah zu, wie die Kinder von der Mutter Lewin gebenscht, gesegnet wurden, und wie a m £ st erfe st e ein Hahn ihnen über den Köpfen geschwenkt wurde, der alles Leid und alle Not von ihnen nehinen sollte." Und die drei jüdischen ärmlichen Kinder sah ich mit den geheimnisvollen Augen König Salomos an. „Die Juden glauben, daß Gott ihnen versprochen hat, auf Erden das Paradies zu schaffen. Gott, glauben sie, liebt den an: meisten, dem er die meiste Freude schenkt. Wir, die Christen, aber glauben, Gott liebt den am meisten, den: er das meiste Leid schenkt." So gut es die bekannte Weimaraner Dichterin gemeint hat (die auch viel unter dem Pseudony:n Harun al Raschid veröffentlicht hat), so ist, wie unsere Leser gesehen haben, an diesem „Lebensring" auch nicht alles in den Einzelheiten so ganz echt! Der gute Wille Helene Bühlaus aber sei gern auch hier anerkannt. Ni eher F r i e d e b e r g. Litrrarilche Mitteilungen. — K r i c g u n d E t h i k. Bortrag von Professor Dr. I. H i r s ch, Rabbiner in Prag-Karolinenthal. 1910. Verlag I. Kaufsmann, Framfurt a. M. Druck von Hern:. Liebermann, Wien VH. Ter Verfasser ist von schönem £ptimis:::us erfüllt. Er vertritt die Ansicht, daß Politik ohne Ethik nicht bestehen könne. Er gründet seine Anschauungen besonders auf Kant, beachtet auch nwderne Philosophen und hegt starke Hoffnungen ans die Zukunft, die er in den Schlußworten folgendermaßen ausspricht (S. 16): „Das ethische Gewissen wird trotz mancher Hemmungen und Rückschläge an Kraft und Gestalt wachsen, das gebeugte Völkerrecht wird lvieder enrpvrschnellen, und aus den: ethischen Genüsse:: aller wird eine moralische Politik erblühen, die Ethik der Staaten, der Friede der in: Lichte der Erkenntnis vvrwärtsschreitenden Menschheit." Tie gehaltvolle Schrift bringt schöne Gedanken zu:n Ausdruck. L. G. * Das Flaggenlie d. Roman von Ludwig W o l f f. Berlin, Ullstein u. Comp. Eine Frucht der Kriegsjahre, nicht die schlechteste, aber auch gewiß nicht die beste. Der Roman spielt in Kiel, schildert die Kieler Woche, den Ausbruch des Krieges, deutet die vielen Opfer an, die er fordert, und die Aufregung und Trauer, die in vielen Familien herrscht. Daß auch eine englisch denkende, mit englischen Fir:::en durch Handelsbeziehungen eng verbundene Familie dargestellt wird, die, durch die Not der Zeit getrieben, ihr deutsches Herz entdeckt, ebenso ein gemeiner Japaner, der ein Mädchen (gleichfalls von englischer Geburt) gekauft hat und geradezu als Sklavin behandelt, bis er schließlich durch einen tüchtigen junge:: Kaufmann, der sich in das hübsche Mädchen verliebt hat, seines Eigentums beraubt wird, versteht sich fast von selbst. Wir würden von dem zwar ganz unterhalteirden, aber kunst-mäßig sehr niedrigstehenden Buche keine Notiz zu nehmen haben, wenn nicht ein altes jüdisches Ehepaar: Samuel Spreckelmann und seine Frau Bienchen, ganz anmutig geschildert würde. Das alte Paar betreibt obwohl es dies kann: mehr nötig hätte, ein Altwarengeschäft in Hamburg; der Alte tvird durch die Braut seines Enkels daran gemahnt, daß es Zeit sei aufzuhören, gibt sein Geschäft wirklich auf und zieht zu seinem Sohne, dem früh verwitweten Jakob, einem Großkaufmann und Spekulanten, der sich vor langer Zeit hatte taufen lassen, den Umgang mit seinen Eltern aufgegeben hatte, nun aber in der Aufregung, der Zeit lvieder den Weg zu ihnen zurückfindet. Die beiden Alten werden hübsch dargestellt: wie sie, die mit ihren Enkeln einen traulichen Verkehr unterhalten haben, in altgewohnter Weise ihr Leben fortsetzen, die innigste Liebe dem Sohne bewahren, obgleich dieser sich ihnen entfremdet hatte — das ist alles den: wirkl:cl>en Leben entnommen, treffend erzählt und wirklich eckit-jüdisch Dies mag uns für vieles Konventionelle und manches lvenig Erbauliche, das in dem Romane vorkonnnt, entschädigen. L. G. * — D i e jüdische Beweg n n g. Von M a r t i n B u b e r. Jüdischer Verlag, Berlin 1916. Das Buch enthalt eine Sammlung von Aufsätzen und Ansprachen Martin Bubers ans den Jahren 1900 bis 1915, die sich mit den verschiedensten Fragen des Judentums und der Judenheit beschäftigen. Im Vordergründe aber steht ihm die jüdische Bewegung, die für ihn die jüdische Wiedergeburt (Renaissance) ist, nicht nur auf dem Gebiet der Kultur, sondern auf dem Gebiet des ganzen Volkslebens. Sie soll den Juden dahin bringen, sich wieder als Organismus zu fühlen und nach harmonischer Entfaltung seiner Kräfte zu streben. Diese Kräfte sollen sich frei und vollkommen betätigen dürfen. Aber die jüdische Bewegung kann nach Buber nicht den Mangel an nationalen Lebens¬ und Bewußtseinsformen ersetzen. Daher ist mehr und mehr eine Wendung auf das Positive hin eingetreten, und eines der wichtigsten der hier in Betracht kommenden Probleme ist die Wiederbelebung der hebräischen Sprache. Der Aufsatz „Die hebräische Sprache", ferner die Aufsätze „Feste des Lebens", „Jüdische Wissenschaft" und „Die Tempelweihe" gehören zu den interessantesten der Sammlung. „Die Tempelweihe", nach einer Rede bei einer Makkabäerseier am 19. Dezember 1914, ist erfüllt von vergleichenden Hinweisen auf das ungeheure Erleben des gegenwärtigen Weltkrieges, in dem sich nach Buber auch das Schicksal des Judentums entscheiden wird. Das geistvoll geschriebene Buch kann einem jeden, der tieferen Einblick in die das Judentum gegenwärtig bewegenden Fragen gewinnen will, bestens empfohlen werden. Sanitätsrat Dr. S ch e r b e l (Lissa). Sprechfaul. Sehr geehrte Redaktion! Seit mehreren Monaten treibt ein junger Mann hier in Berlin sein Unwesen, indem er unter Vorgabe, von mir beauftragt zu sein, Sammelbüchsen der verschiedensten Vereine entleert. An manchen Stellen hat er auch Quittungen mit der gefälschten Unterschrift meines Namens zurückgelasfen. Ich habe niemandem einen derartigen Auftrag erteilt. Der junge Mann ist ein Schwindler, den ich bitte polizeilich feststellen zu lassen, damit dem Unfug endlich einmal gesteuert werden kann. Dr. Meier Hildesheimer.

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