Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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„Nicht viel. Ich will dir nur mitteilen, daß du sterdeu mußt. Mache dich schnell fertig, denn nichts kann dich retten!" „Warum muß ich sterben?" fragte Torakow, der nach einem Blick ans seinen Gegner und auf die einsamen, weitentfcrntcn Ufer einsah, daß er hier mit Gewalt nichts ausrichten werde. „Aus vielerlei Gründen. Erstens, damit mein Freund und Schulkamerad, der Judenjunge Gabriel Schmulikos, dessen Vater hier inDitomsk gewohnt und Flickschuster gewesen, dem du samt seiner Frau durch deine Schurkerei im Walde den Tod gebracht hast, damit dieser Gabriel Schmulikos deine hocharistokratische Tochter Alma heiraten kann. Bei der Hochzeit wirst du ja nicht zugegen sein; wenn du aber willst, kannst du ja den ersten Toast auf das Brautpaar auch hier ausbringen! Mein zweiter Grund ist, damit die Juden in Ditomsk nicht wieder abgeschlachtet werden sollen, was du jetzt mit deinen Henkersknechten verabreden und veranlassen wolltest. Der dritte und Hauptgrund aber ist, weil du dich bei unserer ersten denkwürdigen Begegnung so sehr gefreut hast, einen akademischen- Fährknecht zu haben; nun sollst du sehen, was wir alles auf der Universität gelernt haben. Ich habe mich dir damals als Charon vorgestellt, und nun sollst du tatsächlich durch mich zur Hölle fahren." Torakow schwieg; endlich raffte er sich zusanunen und sprach: „Airs all deinen Reden verstehe ich nur das eine, daß ihr Juden — wahrscheinlich durch den Teufel, eriren Bundesgenossen — herausgeschnüsfelt habt, daß daß — ich bei euch — eine — eine — unfreiwillige Anleihe machen wollte." Er gab sich den Anschein, als wolle er die ganze Sache nrrr scherzhaft auffassen; doch seine angstverzerrten Züge widersprachen dem vollständig. „Wie nrin," fuhr er leicht fort, „wenn ich dir verspreche, euch weiter kein Leid zuzufügen — willst du da mein Leben schonen?" „Höre, Torakow! Du weißt, daß du sterben wirst; willst du noch mit einer frechen Lüge auf den Lippen vor den ewigen Richter hintreten? — Schwöre mir bei deiner Seele Seligkeit... Doch nein! Schwöre mir bei dem Glücke deines Kindes, würdest du dein Wort gehalten haben, wenn ich dich jetzt ans Ufer brächte?" Torakow faltete die Hände und stieß einen schweren Seufzer aus. Vor dem durchbohrenden Blick Baruchs mußte er seine Augen beschämt und bedrückt Niederschlagen. Er wußte, daß sein Feind ihn durchschaut hatte, daß jede Bitte und jedes Versprechen vergeblich war. Sein Gesicht wurde starr, und sich gewaltsam aufraffend sprach er mit Würde, der man aber das Erzwungene deutlich anmerkte: „Sehr wohl. Ich sehe ein, daß ich zu sterben verdiene; doch nicht aus den Gründen, die der Teufel dir eingegeben, sondern weil ich, der Repräsentant des Kaisers, bei einem Judenhund um mein Leben gebettelt habe." „So ist es recht, Torakowchen," fuhr Baruch mit seiner altgewohnten beißenden Ironie fort: „betrachte die Sache vom philosophischen Standpunkt. Du kannst jetzt nichts anderes machen; denn ich kenne deine Gedanken ganz genau und weiß, daß in derselben Minute, da du wieder das Ufer erreichst, bu mich sofort in Ketten legen ließest und jeden Juden, der dir begegnet, mit eigenen Händen erwürgen würdest. Siehst du, das kommt davon, wenn man einen schlechten Ruf hat. Aber du empfindest jetzt nur das, was du tausend und aber tausend Seelen hast empfinden lassen, die dir in ihrem ganzen Leben nichts in den Weg gelegt hatten. Wo war denn damals dein Stolz als .Repräsentant des Kaisers', als du das Geld, an welchem das unschuldig vergossene Blut der Juden klebte, verzecht und verjubelt hast? Ich sehe dich gern den Stolzen spielen; nur macht es auf mich nicht den geringsten Eindruck. Ich begehe einen Mord — Gott allein weiß, wie schwer es nur wird aber ich büße ihn mit ineiuem eigenen Leben; ich handle in der Notwehr, und ich opfere mich für meine Brüder. Doch du .Repräsentant des -Kaisers', du hast gemordet - - hörsf du? tausendfach gemordet, kaltherzig, mit tierischer Blutgier, ohne Erbarmen, nur um deiner Verschwendungssucht zu genügen, um der Völlcrei zu frönen, um dem Spielteufel zu opfern! Wer nun hat den Teufel zum Bundesgenossen, wir oder du, .Repräsentant des Kaisers'? Wo ist jetzt dein Stolz? Und nun, paß aus! Jetzt tauchen wir unter!" Mit voller Wucht trat er auf das ausgeschnittene Brett, das unter seinem Fuß verschwand, und bald war der Kahn mit Wasser voll. Torakow stand da, mit schlotternden Knien, mit weit aufgerissenen Augen, und seine Lippen murmelten fortwährend: „Sterben! Wirklich sterben! — Ohne Abschied! — Alma! — Mein Kind! Mein Herzenskind! - Dich nicht mehr sehen! Nie wieder sehen . . ." „Ohne Sorge," höhnte Baruch auch in dieser schicksalsreichen Minute; „ich habe ihr doch einen würdigen Stellvertreter gelassen in meinem Freunde Gabriel, dem Judenjungen . . ." Und der Name seines Freundes war das letzte Wort, welches Baruch, der .akademische Fährknecht' in dieser Welt gesprochen. . . XXl. Der Präsekt saß mit den drei Damen im Wohnzimmer, und allen konnte man die Langeweile vom Gesichte ablesen. Der Baron hatte sich sogar schon des Vergehens schuldig gemacht, laut zu gähnen. Die Gräfin bemerkte es und sagte lächelnd: Du hättest meinen Mann nach der Stadt begleiten sollen, Sergi." „Papa ist nach dem Kasino gegangen, weil er mit dem Herrn Oberst eine wichtige militärische Angelegenheit erledigen wollte," glaubte Alma den Abwesenden gegen den indirekten Vorwurf verteidigen zu müssen, da es auch ihr aufgefallen war, daß ihr Vater die Begleitung des Präfekten nicht besonders liebenswürdig abgelehnt hatte. „Gerade dorthin hätte der Onkel ihn erst recht begleiten müssen," sagte die Gräfin etwas gereizt. Alma errötete. In der letzten Bemerkung ihrer Mutter glaubte sie eine Anspielung auf die Leidenschaft ihres Vaters für das Kartenspiel herauszuhören, dem im Kasino eifrig gehuldigt wurde. „Bei der Besprechung dort," sie betonte dieses Wort besonders, „wäre es dem Onkel sicherlich noch langweiliger gewesen als in unserer Gesellschaft. Uebrigens gehe ich jetzt zur Fähre, um Papa zu holen. Er wollte gegen sechs Uhr zurück sein." „Und wenn Sie mir gestatten, Komtesse, werde ich mir erlauben. Sie zu begleiten." Es war Schmulikos, der eben eingetreten war und Almas letzte Worte gehört hatte. Er hatte seine Verbeugung so eingerichtet, daß es auch von der Gräfin als eine Bitte um ihre Erlaubnis aufgefaßt wurde. lFortsetznng folgt.) Mil?k»rn. Wie wenig man uns selbst da kennt, wo man unsere guten Leiten hervorheben will, zeigt die Schilderung eines Sabbatabends in dem Roman „Lebensring" von H. Böhlau, der bereits verstorbenen, bekannten, geschätzten Schriftstellerin, den mit dem Untertitel „Das Haus der kindlichen Starken" die bekannte Weimaraner Schriftstellerin im Verlage von Velhagen u. Klasing, Berlin, Leipzig, Wien usw., herausgegeben hat. Das „Haus der kindlichen Starken" steht in Weimar, der Stadt Schillers und Goethes, und Erinnerungen an Wielands Garten, an Abt, Liszt sowie Goethes Enkel kommen darin vor. Es ist sonst eine altertümliche Buch-