Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Präses por fas et nefas strebt, und möchte Pom Juden Näheres über ihn, seine Ettern und (Geschwister erfahren. Der Jude rühmt wahrheitsgemäß die Tugenden dieser Familie, deren gefunden Menschenverstand, Ordnung, stilles, anspruchloses Wirken und häuslichen Frieden. Wir können den weiteren Inhalt des Romans hier nicht - ausführlich erzählen und begnügen uns zu erwähnen, daß der Präses, der für seine Tochter einen viel reicheren, aber sonst dem Starzycki in jeder Beziehung nachstehenden Gatten in Aussicht genommen hat, sich ihrer Verbindung mir letzterem auss heftigste widersetzt, bis er endlich, nach großen Verlusten und vielem Aerger vom Schlagstuß getroffen, stirbt. Nach dem Trauerjahr heiratet Kamilla den geliebten Starzycki, nachdem sie die von ihrem Vater bedrängten und benachteiligten kleinen Grundbesitzer entschädigt hat. Sie bedient sich dabei der Vermittlung Schlomes, von dem sie den Starzyckis schreibt: „Schlome wollen Sie gefälligst in seiner früheren Dienstleistung belassen. Ich habe ihm vieles vorzuwerfen, schulde ihm aber auch Dank für wichtige Dienste. Er hat schöne und reiche Naturgaben, die, durch die Verhältnisse mißbraucht, in den Staub gezogen wurden. In einer anderen Stellung wäre er ein bedeutender Mensch geworden, ich bin davon überzeugt." (Fortsetzung folgt.) pugr um puge. Russischer Sozialroman von M. P u l v e r m a n n. (Fortsetzung.) ^^^abriel öffnete weit seine Arme, und mit einem unartikulierten Freudenschrei flog Baruch an seine Brust. Er hielt Gabriel noch immer fest umschlungen, als jener seine Arme wieder hatte sinken lassen. Dann aber raffte audj Baruch sich wieder auf und drängte den Freund von sich, um nicht durch seine Weichherzigkeit dessen Verdacht zu erregen. Gabriel entfernte sich wortlos; er beschleunigte seine Schritte, um Baruch nicht Zeit zu geben, in seine mürrische und knorrige Art zurückzufallen. Gabriel wollte jetzt keinen Menschenlaut vernehmen, um die neubefestigte Freundschaft voll und ganz auskosten zu können. Baruch lauschte noch eine Weile, um sicher zu sein, daß Gabriel nicht etwa noch einmal zurückkomme. Der törichte, geliebte Gabriel, der durch sein Verlangen nach Gerechtigkeit nur noch das Roß angespornt, das vor Ungeduld ohnedies den Boden zerstampft, der Lel ins Feuer gegossen, das ohnedies himmelhoch flackert. Doch jetzt war keine Zeit zum Nachgrübeln, er mußte ans Werk; es mußte vollendet sein, ehe das schwere Unwetter zürn Ausbruch kam, das schon seit einigen Tagen am Himmel hing. Er nahm den Bohrer wieder zur Hand, und er hatte gerade das ausgeschnittene viereckige Brettstück wieder an seinem früheren Platz im Boden des Kahns eingelassen und mit Harzwachs bestrichen, um den Schnitt nicht erkennen zu lassen, als der erste Donnerschlag erdröhnte, der die ganze' Umgebung erbeben machte. Blitz folgte jetzt auf Blitz, unb der Regen prasselte mit einer Wucht nieder, als hätten sich alle Schleusen des Himmels geöffnet. Aber Baruch wich keinen Schritt. Das war ja gerade, was er brauchte; morgen wird der Dnjepr zum Ueberfließen angeschwollen sein, die Wellen werden hoch gehen, und bei einem solchen Brausen und Wirbeln muß man auf alles gefaßt sein. Nach zwei Stunden hatte der Sturm sich gelegt. Baruch war unzufrieden. In der jetzt eingetretenen Stille harrte seiner noch eine schwere Aufgabe zu warten. Seine eiserne Natur überwand auch diese Geduldsprobe wie der Fastende, dem eine reiche Mahlzeit für später in Aussicht gestellt ist. Endlich dämmerte die Morgenröte aus. Ein erfrischender Duft stieg aus Wald und Wiese auf, und die gefiederten Sänger der Lüfte stimmten ihr Frühkonzert an. Nur der Strom wälzte sich schäumend und brausend weiter, als grolle er den Vögeln, daß sie das kommende Trauerwerk besingen, als zürne er der Sonne, daß sie die finstere Tat mit ihren Strahlen vergolden wolle. Nach einigen Stunden erhielt Baruch zahlreichen Zuspruch; in Scharen keuchten die Hausierer mit den schweren Packen herbei. Heute wäre es eine falsch angebrachte Sparsamkeit gewesen, den beschwerlichen, ausgeweichten langen Weg bis zur Brücke zu machen. Doch Baruch machte kurzen Prozeß und weigerte sich entschieden, sie überzusetzen; allen Drohungen, Schmeicheleien und Bestechungsversuchen setzte er die kurze Bemerkung entgegen, daß er strengen Befehl erhalten habe, sich jeden Augenblick für den Herrn Gouverneur bereit zu halten. Fluchend und schimpfend zogen sie von dannen. Endlich war es zehn Uhr geworden, und Baruch machte sich fertig. Noch einmal wendete er sich der himmlischen Sonne zu, und mit einem tränenfeuchten Aufblick murmelten seine Lippen leise das eine Wort: „Malka!" Bald darairf vernahm er den bekannten Anruf, und eine Minute später erschien Torakow am Ufer. Er war allein gekommen. „Exzellenz wollen die Gewogenheit haben unb sich dorthin setzen," sagte Baruch leise, nach dem anderen Ende des Kahnes deutend. Torakow warf ihm einen strengen, fragenden Blick zu. „Der Strom geht heute sehr hoch, und es wäre gefährlich, das Gleichgewicht außer acht zu lassen." Achselzuckend ließ sich Torakow dort nieder; Baruch trat hinter ihn, und die Ruderstange gegen das Ufer stemmend, setzte er den Kahn in Bewegung. Torakow war in Gedanken versunken; den Kopf auf den Arm gestützt, dachte er an die bevorstehende Unterredung mit dem Oberst und mit dem Polizeimeister, wie sich die Hetzjagd gegen die Juden am besten bewerkstelligen ließe, ohne sich dabei selbst bloßzustellen. Er hatte ihnen bisher sein Vorhaben noch nicht mitgeteilt und dachte eifrig nach, wie er beide gefügig machen könne, ohne sich zu kompromittieren. Eine heftige Bewegung des Kahnes ließ ihn aufblicken, und mit Befremden sah er die Ruderstange in ziemlicher Entfernung auf dem Wasser schwimmen, während der Kahn sich mitten in einem Strudel befand. Mit einem wilden Fluch fuhr er zu Baruch herum, der ruhig lächelnd dastand, einen mächtigen Knüppel in der Hand. „Was soll das bedeuten, du Hund!" rief Torakow mit vor Wut heiserer Stimme. „Wir treiben doch direkt auf die Schleuse zu!" „Dil hast es erraten, Torakow. Dorthin treiben wir," sagte Baruch mit eiserner Rllhe. „Du? — Torakow? — Was unterstehst du dich, Hund von einem Juden?" Sein Gesicht war purpurrot vor Raserei, und seine Hand fuhr blitzschnell nach seiner Rocktasche. Baruch grinste. „Spare dir die Mühe, vielgeliebter Torakow. Dein Revolver steckt in der Manteltasche, den ich dir vorhin so dienstbeflissen abnahm, wie es einem akademischen Fährmann geziemt. Aber selbst, wenn der Revolver in deiner Hand wäre, würde ich dir mit diesem da zuvorgekommen sein." Spielend fuchtelte Baruch mit dem Knüppel vor Torakows Gesicht. „Was willst du eigentlich von mir?" fragte der Gouverneur, während jeder Blutstropfen aus seinem Gesicht gewichen war.