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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-22 · Heft 38 (22.9.1916) · p. Seite 453

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 38 (22.9.1916)
Date
1916-09-22
Page
Seite 453 (sequence 9)
Language
German
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Gogols „0t evisv r", in dem die Unfähigkeit und Korruption der russischen Beamten gezeigt wird, und wie die Untergebenen von ihren Vorgesetzten beschimpft und gehutzelt werden, wird in einer plumpen Nachahmung, der „Gubernatorskaja Rewysia" von Georg Priwalewski (Revisionstätigkeit eines in die Kreisstadt gekommenen Gouverneurs), von diesem Gouverneur selbst, der ein Lüstling und Schürzenjäger ist, zitiert und „eine mit Verstand geschriebene, aber unwahrscheinliche Komödie" genannt. Juden kommen in ihr nicht vor. Den Gegensatz zu Gogols Taras Bulba bildet in mehr als einer Beziehung der Roman „Nasza Szlachta" (Unser Kleinadel) von dem in Brodh in Galizien im Jahre 1797 geborenen Polen Joseph Korzeniowski: Statt des großen, Länder umfassenden Schauplatzes einige kleine Edelhöfe, statt Mord und Brand friedliche Arbeit in Feld, Wald und Garten, und es kommt höchstens zu einem Duell. Und noch auffallender ist der Gegensatz im Verhältnis zu den Juden. Man hätte es nach dem Titel kaum erwartet, daß in diesem Roman mehr die häßlichen als die schönen Charakterseiten und Handlungen des Adels die Hauptrollen mit wenigen Ausnahmen spielen, während von den zwei vorkommenden Juden der wichtigste nichts Schlechtes tut, ja manche schöne Züge zeigt. Der Verfasser ist durchaus kein Judenfreund, und wenn er die z besseren Seiten eines Juden schildert, so verheimlicht er nicht die minder schönen, während andererseits die Hauptperson auf christlicher Seite, der reiche, angesehene „Präses" ZagartewskU") fast alle schlechten Eigenschaften, welche den Juden von ihren Feinden zugeschrieben werden, mit Ausnahme der Feigheit, besitzt. Nach Korzeniowskis Schilderung war er „von kleinem Wüchse, wiegte sich beim Gehen ans seinen kleinen Beinen, denn er war ziemlich beleibt. Er hatte hohe Schultern, kurze Arme mit fettgepolsterten Händen, die er gewöhnlich auf dem Bauche zusammenflocht und, den Kopf nach vorwärts neigend die Daumen wie Windmühlenflügel drehte. Das war seine gewöhnliche Positur, ja. sozusagen seine Kriegsstellung, besonders wenn er sich in der Defensive hielt, wenn er jemandem zuhörte, ohne eine Antwort geben zu wollen, wenn er anders dachte, als er sprach, wenn er sein Opfer auf gewundenen Pfaden dem gesteckten Ziele zuführte, wenn er um etwas gebeten wurde, das er nicht gewähren wollte, wenn ihm jemand hart zusetzte und er die bissigsten Worte als ein Gott gebrachtes Opfer ruhig hinnahm. Er geriet auch fast nie in Zorn oder Aufregung, aber leise, gleichförmig, schleichend, kriechend, sich windend, tastend, immer frömmelnd, den Kopf senkend, mit gefalteten Händen und die Daumen, windmühlenartig drehend, erreichte er sein Ziel. Nur zuweilen, wenn er seines Gegners schon ganz sicher war, legte er diese Formen und die ergebene Miene ab, veränderte vollkommen sein Stimmorgan und sprach geradeaus zur Sache, gedrängt und kräftig . . . Vorn fehlten ihm zwei Zähne, weshalb er etwas zischte, besonders wenn er Jesus Maria! ausrief. Damit begann er gewöhnlich jeden Satz, wenn er sich verwundert stellte, wenn er mit etwas nicht einverstanden war, wenn er unter der Decke milder Redensarten und der Gewissensskrupel das Gift des Grolls, Trug und Lüsternheit barg Da wir sein Aeußeres geschildert haben, wollen wir auch eine etwas gekürzte Schilderung des merkwürdigen Juden wiedergeben, der sich beim Eintritt in das Zimmer Kamillas, der Tochter des Präses, „mit all der Eleganz und Gravität eines wohlerzogenen, sogenannten aufgeklärten Juden" dem Fräulein nähert. Er trägt einen Kaftan von Wollstoff, tadellos gewichste Stiesel, Schmachtlocken und Bart und seine Zobel- 20) Zagartovvac oder zagarnac bedeutet „an sich raffen, cinstreichen", und dies ist auch das Hauptbestreben und die Hauptbeschäftigung des schlauen, skrupellosen Mannes. mütze in der linken Hand, deren Daumen im Gürtel steckte. Fräulein Kamilla begrüßt ihn freundlich und lächelnd mit Monsieur Schlome. „Ou'orckonnez-vous, Mademoiselle!“ erwidert er mit dem stereotyp jüdischen Schnarrtone, um den viele unserer eleganten aus dem Allslande zurückgekehrten Herren und Damen ihn beneiden würden, denn er verlieh ihm den reinen Pariser Akzent. „Je m’ennuie ä la mort, Monsieur Schlome“, sagt sie. — „Ce n’est pas etonnant, la saison est I res mauvaise“, antwortete er. — „Plaudern wir ein wenig, unterhalten Sie mich von etwas", sagt das Fräulein, halb scherzhaft, halb ernst. — „Ich danke sehr für die Ehre, gnädiges Fräulein", erwidert er, mit seiner hübschen Hand die Locken streichend, „nur möchte ich mir erlauben, eine Bedingung zu stellen." — „Welche, Herr Schlome?" — „Daß wir in der Landessprache uns verständigen, denn ich bin der französischen nicht so mächtig, um eine längere Konversation in ihr zu führen." — Die junge Polin geht gern auf diese Bedingung ein, denn sie ist der französischen Sprache schon satt. „Mademoiselle Baldeau (ihre Gouvernante) plappert mir die Ohren voll." Den Leser, den der Verkehr Schlomes mit dem Edelfräulein interessiert, wird vielleicht auch einiges von seiner Häuslichkeit erfahren wollen. Er hat Frau und Tochter, deren Rollen zu unbedeutend sind, um hier erwähnt zu werden. Ihn selbst schildert Korzeniowski, wie er in seinem Zimmer, wo sich ein Schrank voller Bücher befand, in einen Wollschlafrock gekleidet, die Samtjarmolka kokett seitwärts gerückt, auf dem mit Wollstoff tapezierten (überzogenen) Kanapee sitzt, mit Grazie auf das mit Ouasten gezierte Polster gelehnt, einen Fuß mit dem glänzend gewichsten Stiefel auf dem Kanapee, den anderen auf einem hübschen aus dem Boden liegenden Teppich haltend und — den I u d e n von Lessing lesend." Ein Jude anderen Schlags als Schlome, wenn auch kein schlechter, aber einige Stufen tiefer stehend, ist Mord ko. Ihn hat der Präses in ein ihm gehörendes Gebäude als Schänker eingesetzt, unter der Aufsicht Schlomes, der die Einrichtung lieferte und von dem Reinertrag gewisse Prozente bezog. Mordko ist ein kleines gefälliges dienstwilliges Jüdchen, hat Branntwein, Met, Kirschwein und auch wirklichen Wein zum Verkauf; außerdem richtete er eine Art Trödelbude ein, es fanden sich da alte Fräcke, noch gut erhaltene Mäntel, wenig abgetragene Kapotten, auchWollkleidchen,Damentüchel, und unter geheimem Verschluß sogar ein Stück Leinwand, Mousselin und ähnliche Stoffe. Bei Mordko war der Branntwein stärker als sonstwo, das Maß besser und billiger als in der gemeinschaftlichen Schänke der Gebrüder Sinyckowjki oder in der von Skrentjki; der Kirschwein war vorzüglich, und was dem Juden die Gunst aller Herren und vorzüglich der Damen verschaffte, war, daß er nie nach Geld fragte und alles, was und wieviel man auch verlangte, auf Kredit gab; den Bauern gab er freilich den Schnaps nur gegen bare Bezahlung. Man glaubte aber nicht, daß auch der Präses seine Tantieme von dieser Gründung bezog. Nein, mit Kleinigkeiten hat er sich nie abgegeben, sein Hauptzweck war, die zu ruinierenden Kleingrundbesitzer durch Erleichterung und Verbilligung des Trinkens, durch Verkauf von Luxusartikeln auf Kredit und dergleichen zu Trunksucht, Müßiggang und Verschwendung zu verlocken lind zum Ruin zu bringen, auch zugleich durch die unehrliche Konkurrenz deren Schänken der Kunden zu berauben. Kehren wir von dieser Abschweifung zu Fräulein Kamilla zurück, so merken wir, daß sie „klug wie die Schlange und unschuldig wie die Taube" bei der Unterhaltung mit Schlome ihre bestimmte Absicht hatte, die sie ihn aber nicht merken lassen wollte. Sie ist nämlich in den jungen Starzhcki verliebt, den Sohn eines jener kleinen adeligen Grundbesitzer, nach deren Besitz der

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