Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
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452 betrachtet wurde, dessen er aber jedoch nicht Wort haben wollte . . . Allein mit solcher Entschiedenheit für die Beschneidung Partei zu nehmen, weil sie stets in so großem Ansehen stand und noch steht, ich muß gestehen, das vermag ich nicht. Sie verbleibt ein barbarisch blutiger Akt, der den Vater mit Angst erfüllt, die Wöchnerin in krankhafte Spannung versetzt, und das Opserbewußtsein, das sonst dem Akte eine Weihe gab, ist doch nun einmal bei uns geschwunden, wie es denn als ein rohes auch keine Befestigung verdient. Mag immerhin das religiöse Gefühl mit allen Fasern sich ehedem daran angeklammert haben, jetzt hat sie zu ihren Stützen bloß Gewohnheit und Furcht, denen wir doch keine Tempel errichten wollen." Zunz hat darauf nicht besonders geantwortet, sondern in seiner kurzen und schneidenden Entgegnung vom 4. Mai 1845 (a. a. O. S. 184) seine gegensätzliche Stimmung zum Ausdruck gebracht. Aber auch gar manche andere seiner Korrespondenten waren mit dem Gutachten nicht recht einverstanden. Oefsentliche Beurteilungen werden von Zunz in seinem Briefbuche nicht notiert. Daß eine solche im „Israelit" erschien, deutet Zunz in einem Briefe an Ehrenberg an, 21. August 1844, wo es heißt: „Die Schmähartikel im „Israelit" gegen mich lese ich gar nicht; daß ich keine Antwort gebe, versteht sich von selbst." An den älteren Ehrenberg hatte Zunz schon am 4. Juli 1845 geschrieben: „Ueber mein Beschneidungsgutachten haben in Briefen Johlson und ein Pettich (?) mich angegriffen, ich sei ein Heuchler, usw. Unter allen Schimpfnamen paßt wohl der am allerwenigsten für mich. Ich bin auch außerordentlich ruhig dabei." Nur noch einmal kommt er in dem Briese vom gleichen Tage an den jüngeren Ehrenberg auf das Gutachten zu sprechen, in dem er schreibt: „Auch in meinem Gutachten über die Miloh habe ich das Wesen der Klerisei, das man uns auferlegen will, serngehalten." Charakteristisch ist, daß selbst ein so ruhiger Mann wie I. M. Jost in Frankfurt mit Zunz' Gutachten nicht einverstanden war und in zwei Briefen sich folgendermaßen darüber äußerte. Die erste Stelle vom 2. Juni 1844 lalltet: „Ich teile Deine Schlußansicht, daß die Unterlassung dieses Punktes eine freiwillige Lossagung enthalte, und glaube nur, daß die betreffenden Personen von selbst in den Schoß der Kirche eingehen, weil ihnen der Weg gebahnt ist. Uebrigens glaube ich nicht, daß die Sache viele Nachahmung finden dürfte. Es ist unvernünftig, sich und seine Kinder so zu isolieren, selbst wenn gar keine religiöse Rücksicht gegen einen solchen Entschluß riete." Die zweite Stelle voiil 24. Juni hat folgenden Wortlaut: „Ich soll Dir auf Deinen Aufsatz mehr sagen, als ich schrieb... Nach meiner Ansicht hast Tu dem äußerlichen Gesetz und dessen Verbindlichkeit etwas zu stark das Wort geredet. Wohl weiß ich die Ausdrücke eum grano salis auszufassen, doch könnte man besonders in Verbindung mit Deinem Aufsatze über Teffilin die Art Deiner Ueberzeugung, die ich zu kennen glaube, mißdeuten. Wenigstens haben mehrere von den Rabbinen selbst, die viel näher stehen, doch einige Ausdrücke zu schneidend gefllnden." Mlmlche und rulülchr Dichter und Lr?Wer über Juden. Von Dr. Marcus Landau, Wien. (Fortsetzung.) n Gogols „Die toten Seelen" und in seinem „Revisor" \ kommen keine Juden vor und wird nichts Schlechtes von den Juden gesagt. Nur die Korruption der Beamtenschaft, vom Gouverneur bis zum letzten Türsteher, sowie die niedrige Gesinnung, die Kriecherei vor Höherstehenden, die Bereicherungssücht und Trinksucht fast aller Klassen der Gesellschaft werden scharf satirisch geschildert. Wenn, wie gesagt wurde, jedes Land die Juden hat, die es verdient, so muß man, eine wie schlechte Meinung man auch von den russischen Juden haben mag, nach den Schilderungen Gogols sagen, Rußland verdient eben so schlechte Juden, wie es seine Herrscher, Beamten und Adelige sind. In diesem großen Roman, dessen Handlung vor der Bauernbefreiung vor sich geht, und dessen Voraussetzllngen den jetzt lebenden Lesern erst erklärt werden müssen, wird weniger das Beamtenunwesen als die Habsucht, Dummheit und Leichtgläubigkeit der Bürger und Grundbesitzer. verspottet und gegeißelt. Doch bekommen auch die Beamten ihren Teil ab, weil sie alle bestechlich sind. Das ganze Russentum wird an den Pranger gestellt. „Generationen gehen ins Grab," heißt es am Anfänge des zweiten Teils, „und eine schmachvolle Trägheit, ein geistloses Schassen umfaßt das unreife junge Rußland, und die ewigen Götter lasten keinen Mann erstehen, der das allmächtige Wort Vorwärts auszusprechen vermöchte." Und einige Kapitel später: „Der echte Russe, ich weiß es von mir, bedarf eines Antreibers, sonst schläft er ein und versauert." Nun, es fand sich der Antreiber, oder vielmehr es fanden sich Antreiber, die nicht schliefen, sondern im heiligen Rußland selbst mit Pogromen, im „heidnischen" Ausland mit Raub, Mord, Schändung und Folterung ihr Wachsein allzudeutlich bewiesen haben. Gogol könnte zufrieden sein. Von den Juden wird wenig gesprochen, aber ihre Gleichstellung insofern beobachtet, als sie als Schmuggler dargestellt werden, der Seelenkäufer Tschitschikow Kontrabandewaren eines Kaufmanns jüdischer Herkunft besitzt, darunter Seife, die er einst auf dem Radziwillower Zollamte aus der Freistadt B r o d y erhalten hatte.") In den „Toten Seelen" sagt ein ehrlicher Grundbesitzer: „Wir wählen von der Aufklärung, was am schädlichsten, wir haschen nach dem Oberflächlichen, den Kern lassen wir unberührt . . . Manchmal scheint es mir, als ob der Russe geradezu ein verlorener Mensch wäre." Der deutsche Verwalter eines Gutes wird von Beamten überfallen, unter dem Vorgeben einer Untersuchung wegen Hinterziehung der Branntweinsteuer. Er wird ergriffen, gefesselt und in die Stadt gebracht, wo er anderthalb Jahre in Untersuchungshaft gehalten wird. Seine junge Frau geht von Pontius zu Pilatus, ohne etwas auszurichten; erst als erfahrene Leute ihr den üblichen Weg weisen, gelingt es ihr, mit zweitausend Rubeln die Freilassung des Mannes zu erlangen. Einmal wird ein ehrlicher Mann von Petersburg als Gouverneur in die Gouvernementshauptstadt geschickt, um den Augiasstall zu säubern, aber er wird von seinen spitzbübischen Untergebenen getäuscht und betrogen. Und so, wie es jetzt ist, so ist es immer im „heiligen Rußland" gewesen und wird weiter so bleiben, „wenn nicht", wie Hogol wünschte, „der Wundermann kommt, der in der heiligen Sprache dem Russen das allmächtige Wort Vorwärts zuriefe." '") Es ist nicht uninteressant, daß der Uebersetzer dieses Romans, der sich hatte taufen lassen, um sich in Rußland aufhalten zu können, der Lohn eines frommen Juden aus Brody war. Aber während sonst Renegaten Karriere machen, hat er eine Anstellung in seiner Vaterstadt gerade wegen seines Uebertritts nicht erlangen können. Freilich ist er Arzt gewesen, und die Stelle, um die es sich handelte, stand nicht unter dem Patronat Aesknlaps, sondern Merkurs, und er war für sie ganz ungeeignet. Die Stelle hat dann ein als Christ Geborener erhalten.