Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- Seite 447 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229271--72532-3284980- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
447 immer neuer Wucht vorgenommenen Angriffen der Italiener heldenmütig und glücklich widerstehen, daß die Russen in Galizien wenig oder nichts vermögen, und daß endlich unsere Fortschritte in Rumänien sehr gute zu nennen sind, ja, daß nach einem Telegramm des Kaisers an die Kaiserin, in der Dobrudscha ein entscheidender Sieg gegen die vereinigten Russen und Rumänen erfochten worden ist. Mr alle die, welche den Glauben an die Gerechtigkeit in der Entwickelung der Völkergeschicke noch nicht verloren haben, wäre es eine Herzensbefriedigung, wenn das heimtückische, verlogene Volk der Rumänen, das seit Jahren nur zu prahlen und zu drohen, sich bezahlen zu lassen gelernt hatte, und das wähnte, überall die Entscheidung herbeiführen zu können, wenn dieses Volk, das seine Unkraft nur in scheußlicher Mißhandlung der Juden bewährte, seine gebührende Strafe empfinge. England fährt fort, die Neutralen zu knechten. Griechenland hat immer weiter unter dieser Tyrannei zu leiden, so daß eine königstreue griechische Division sich in deutschen Schutz begeben hat, aber auch Holland und Schweden haben mannigfache Vergewaltigungen zu bestehen, und es scheint, daß die Neutralen einen Zusammenschluß planen, dem Amerika freilich fernsteht, um diesen unerträglichen Druck von sich abzuwehren. Amerika seinerseits Protestiert lebhaft gegen den stets weiter geübten Postraub, kann sich aber zu energischen Maßregeln nicht ausraffen. Ob die Neutralen bei ihrer Vereinigung daran denken, Friedens Unterhandlungen vorzuschlagen, läßt sich nicht bestimmen; einstweilen ist England noch völlig abgeneigt, weil es Deutschland noch nicht so geschwächt steht, wie es lvünscht. Darauf wird es, wie wir zuversichtlich erwarten, noch lange lauern müssen. Es wird sich schließlich überzeugen müssen, da seine auf Rumänien gesetzte Hoffnungen so gut wie gescheitert sind, da auch die in Saloniki vereinigten Truppen sieh zu einer wirklichen Offensive zu schwach gezeigt haben, da seine Flotte den entscheidenden Stoß nicht fuhren kann und da seine Aushungerungspläne, die es gegen Deutschland gehegt hatte, gescheitert sind, von seiner stolzen Höhe herabzusteigen. Für diese Erwartung schöpfen wir eine neue Berechtigung aus den bisherigen Anmeldungen auf die f ü n s t e Kriegsanleihe. Diese Anmeldungen sind bisher sehr gut; die großen von den Zeitungen gemeldeten Zeichnungen haben schon eine stattliche Höhe erreicht. Aber die Großen allein können die Milliardenzahl nicht liefern, das müssen die Tausende und aber Tausende tun, die kleine Beiträge herbeischaffen; darum sei nochmals jeder an seine Patriotische Pflicht, dem Reiche zu helfen, erinnert. Jeder muß Mitarbeiten an dem großen Werke, und gerade diejenigen, die zu Hause bleiben mußten, haben die heilige Verpflichtung, dieses Opfer zu bringen, mu dem Vaterlande die Mittel zu gewähren, aus diesem furchtbaren Kriege herrlich unb glorreich hervorzugehen. * Herr Rabbiner Dr. B n e ck veröffentlicht in der letzten Nummer des „Gemeindeblattes der jüdischen Gemeinde Berlin" einen schönen Artikel: „Sei ein Segen", auf den wir auch unsere Leser Hinweisen. Demselben, Blatt entnehmen wir, wie immer mit großer Freude, die Fortsetzung seiner Berichte: Der Eindruck, deu man scheu äußerlich von bief-cn jüdischen Gesungenen gewinnt, ist ein günstiger; sie sind fast alle stattliche, aufrechte Gestalten mit hinausschauendem, klugem Auge. In der Unterhaltung eröffnet sich dann ein gewisser Einblick auch in die innere Art dieser Menschen, und auch er ist ein wohltuender. Es sind unter ihnen Männer ans verschiedenen Teilen des großen Reiches, Männer aus verschiedenen Berufen und aus allen militärischen Altersklassen, Akademiker, Handwerker und Kaustente, jüngere, die dieser Krieg erst eigentlich in die Welt hinausgeführt hatte, und ältere, die das Leben schon mannigfach umherziehen ließ. So ist z. B. einer unter ihnen, der in drei Kriegen seine Auszeichnung erworben hat, im chinesischen, im japanischen und im deutschen, in welchem das Geschick ihn nun in die Gefangenschaft geraten ließ. Fast alle beherrschen oder verstehen die deutsche Sprache, und stets wird denn auch der Wunsch nach einer deutschen Predigt geäußert. Im Anschluß an sie suchen dann nach dem Gottesdienste die Gedanken und Hoffnungen immer eine Aussprache. Eines könnte an ihnen zunächst auffallen. Ein russisches Staatsgeftihl, das man in diesen Menschen zunächst nicht so lebendig erwarten würde, ein Stolz auf dieses Land, ein Glaube an dessen Macht und Kraft und an dessen Zukunft kommt bei ihnen, fast ohne Ausnahme, zu einem bestimmten Ausdruck. Sie sprechen nicht nur -gern und selbstbewußt von der besonderen Heimat, aus der sie stammen, sondern ebenso sehr mit einem gewissen starken Ton, einem Torr des Glaubens, von der Bedeutung und Bestinnnnng Rußlands. Was schlecht ist, so wiederholen sie dann immer, ist Schuld der schlechten Beamten, im Kern des Volkes liege viel Gutes, und uüt dem Optimismus, der dem Juden innewohnt, daß das Gute durchdringen und Rußlands Zukunft seine Größe sein werde. Aber deutlichen Vorstellungen von dem, was nun sein soll oder geschehen wird, begegnet man bei keinem. Klarer und bestiunnter sind die Wünsche, die der Zukunft der jüdischen Bevölkerung gelten. Besonders eine Erwartung, eine Sehnsucht tritt hier neben der nach einer größeren Freiheit hervor, das Verlangen nach einer Verbesserung des Unterrichtswesens. Sie wird denn auch jeder, der im Lande umhergehört und sich umgesehen hat, innig erhoffen. Eines vor allem würde durch sie gebracht werden: eine Verlängerung der Kindheit. Jedes Jahr einer hellen, warmen Schulzeit schenkt und bewährt, zumal dort, wo um ein enges Elternhaus die trübe Sorge ihren Schatten legt, ein Stück Kindheit und Jugend und läßt die Frische werden und wachsen, von der der Mensch dann zeitlebens zehren soll. In den: kleinen Städtchen mit seiner Kinderfreiheit auf Straße, Feld und Flur ist die Natur immer die Helle, weite Stube der Kindheit. Aber in den größeren und großen Städten hier im Osten ist unter den Bildern, in denen das harte Los der jüdischen Bevölkerung vor das Auge tritt, das ergreifendste das, welches die Kinder zeigt, die fast eine Schule nur kennen, die kindheitslose schule des Lebens. Wer dort einmal an einem Kellerfenster, das den Laden bedeutet, ein Mädchen von vier oder fünf Jahren, in ein weites Tuch gehüllt, neben dem kleinen Kram hat sitzen sehen, um nach den Käufern Ausschau zu halten mit dem Auge, in dessen Blick Kindheit und Alter zu fämpfen scheinen, der hat erfahren, was not tut, und alle die Mißhelligkeiten, die Eifersüchteleien und Zwiste in der jüdischen Gesamtheit, die nicht schwinden wollen, müssen gegenüber dem, was dieses Bild sagt und fragt, so unsagbar kleinlich und auch so lieblos erscheinen. Eine rechte Schule, in der die Kindheit ihren Daseinsrallm hat, ist hier ein Gebot dos Lebens. Die Sehnsucht nach dem Wissen, nach dem Licht braucht kaum geweckt zu werden, sie ist die große Freiwilligkeit, die sich in allen regt. Was not tut, ist das Kindheitsgebiet für alle, der Platz, um tut Licht frei atmen zu können in den Jahren, in denen die Brust sich dehnen kann. -- Die Gottesdienste galten in diesen Tagen vor allem dem Rückblick ans die zwei Jahre des Krieges, die nun dahingezogen sind, zählend zuerst nach den Tagen, dann nach Wochen und zuletzt nach Monaten rechnend. Manche unter denen, die zur Andacht versammelt waren, haben diese beiden Jahre fast ununterbrochen im Felde durchlebt, sind um zwei Schicksalsjahre älter geworden, und sie stehen als die Alten, die Erfahrenen neben denen, die erst Monate hier draußen durchschritten haben. Auch manche unter den Rabbinern, denen das Amt des Feldgeistlichen übertragen worden war, gehören zu diesen Alten schon, unb sie können die Erfahrungen überdenken. Es ist ihnen ergangen, wie so vielen, die diese Zeit vor neue Aufgaben gestellt hatte. Was zuerst ein Suchen und Tasten war, oft ein bloßes Ausschauen und Hoffen, ist nach und nach zu einer geregeltere Arbeit, zum Amte mit seiner bestimmten, geordneten Bahn geworden. Zielbewußt ist von denen, die damals hinanstämen, wohl keiner gewesen. Erst durch Irrtum und Umweg, durch neues Versuchen und Anfängen ist jeder zu einem Ziele gelangt, jeder nach seiner Eigenart, nach seiner persönlichen Veranlagung. Es ist eine alte Erfahrung: erst die Arbeit selbst belehrt über die Arbeit; erst wenn man in die Tätigkeit hineingetreten ist, lernt man ihre Bedeutung, ihren Raum und ihre Möglichkeiten kennen. So ist es in der geistigen Regsamkeit. Tie besten Gedanken stehen nie von vornherein da, sondern in der Arbeit des Denkens steigen sie hervor; ein Gedanke bringt den anderen herbei, oft einen ganz anderen, als man gemeint, und man findet und entdeckt anderes, als man gesucht hat. So ist es in der praktischen Tätigkeit