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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-15 · Heft 37 (15.9.1916) · p. Seite 444

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 37 (15.9.1916)
Date
1916-09-15
Page
Seite 444 (sequence 12)
Language
German
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444 Vor Jahrzehnten hat Ludwig Philippsohtt. ein Predigtrnagazin herausgegeben; das von ihm gegebene Beispiel wurde später vor: manchen anderen nachgeahmt; ist jetzt wirklich die Zeit, ein derartiges Unternehmen wieder aufleben zu lassen? Die beiden bisher erschienenen Hefte der Sammllmg lassen kein Urteil zu. Eine Forderung, die man an den Herausgeber stellen müßte, ist die, daß er die Katen der Predigten angeben sollte; eine andere, daß er bei den aufgenommenen Stücken seinen eigenen orthodoxen Standpunkt nicht zu stark hervortreten lasse; eine dritte, daß er im wesentlichen oder ausschließlich deutsch gehaltene Predigten berücksichtigte. War es denn wirklich nötig, schon in dem zweiten Hefte gerade in der gegenwärtigen Zeit eine Rede des französischen Großrabbiners Zadok Kahn, die mir recht unbedeutend erscheint, dem deutschen Publikum vorzusetzen? Aber ein abschließendes Urteil über die Sammlung wird man erst dann fällen dürfen, wenn sie weiter vorgeschritten ist. — Rede zur Weihe des Denkmals für die im Weltkriege im Dienste des Vaterlandes verstorbenen Angehörigen der Israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden am Sonntag, der: 28. Mai 1916, in der Halle des israelitischen Friedhofs. Gehalten von Rabbiner Professor Dr. I. Winter. Winters Rede ist sehr schön, patriotisch, echt jüdisch in flammender Sprache, voll poetischer Bilder. Der Abdruck einer Stelle mag zur Charakteristik der ganzen Rede genügen (S. 7): „Dieser vaterländische Stolz strömt uns aus dem Blute der Gefallenen. Sie rufen uns zu: Richte dein -Herz auf die Bahn, auf den Weg, den du gegangen bist. Ein Jahrhundert hat dich durch die Gnade Gottes, der die Herzell der Menschen lenkt, so lveit geführt. Harre aus, aus daß du gekrönt lverdest mit der Anerkennung, die dem reinen Willell und der echten Liebe für die Dauer nicht versagt bleibt. So wird wehmütiges Gedenken zu freudigem Hoffen." L. G. * Dr. Abraham Bettmann, ein ärztlicher Bahnbrecher von Cincinnati. Bon Dr. Gotthard Deutsch. (American Jewish Historical Society.) Wie Abraham Bettmann, der 1806 in dem Dorfe Welbhausen in Bayern geboren wurde und ein entfernter Verwandter des Baron v. Hirsch war, die Universität München besuchte, um dort Medizin zu studieren, 1837 ziun Doktor promoviert wurde, 1841 in Welchem: zu praktizieren begann, durch das damals in Bayern herrschende „Schutzjudensystein" -dazu gebracht wurde, dem Rate amerikanischer Verwandter folgend, nach Cincinnati überzusiedeln, um dort einer der ersten ärztlichen Bahnbrecher oder (um den im Weltkriege geläufigen Ausdruck zu gebrauchen) Pioniere des Deutschtums und Judentums in Amerika zu werden, das wird von Dr. Gotthard Deutsch in interessanter Weise auseinandergesetzt. In Bayern und in Baden wurde damals viel hin und her beraten, wie man die von der Julirevolution in Paris nach Süddeutschland hinüberschlagenden Wogen abdämmen könnte, namentlich insoweit es sich darum handelte, den Juden die Menschenrechte zu verweigern. Natürlich fand man bald die alten bekannten und beliebten religiösen Gründe als beste Entschuldigung für die Versagung dieser höchsten Güter einer neuen Zeit. Wie könne man den Juden die Gleichberechtigung mit ihren christlichen Nachbarn geben, wenn fie nicht ihre Speisegesetze, den Sabbat, die Beschneidung, den Glauben an die Gesetze des Talmuds und besonders au eine zukünftige Rückkehr nach Palästina aufgäben! Diese engherzigen Anschauungen — die man ja auch jetzt schon aus der mittelalterlichen Rumpelkammer wieder hervorzuholen sucht, um rechtzeitig Gründe zur Hand 31t haben, den Juden die Gleichberechtigung nach dem Weltkriege verweigern zu können — haben damals und später noch viele andere große und freie Geister nach Amerika getrieben, uw sie keinerlei Hindernisse für ihre geistige und politische Betätigung fanden. Als Bettmann im hohen Alter von 95 Jahren in Cincinnati starb, konnte er auf eine erfolgreiche ärztliche und soziale Tätigkeit zurückblicken. Unter den vielen Ehren, die ihm zuteil geworden waren, befand sich auch die Mitgliedschaft der Akademie der Medizin in Cincinnati. Daß er auch eine schöne dichterische Anlage besaß, beweist ein von Dr. Gotthard Deutsch mitgeteiltes Gedicht, eine „ Älterselegie". Die poetisch verklärte Lebensweisheit eines FünfundneunDgjährigen, die sich darin ausspricht, verdient allgemein bekannt zu werden: - Einsam immer mehr: Wo ich auch bin. Trag' ich des Alters schwer Lastenden Sinn. Freuden sind all' entslohn: Lieb' und Gesang, Jugendgenossen schon Such' ich, wie lang! Aber die Lust, das Leid, Die mich verzehrt. Durch die Vergangenheit Sind sie verklärt. Doch auch der Zukunft Spur, Traurige Fracht, Welkende Blätter nur, Sternlos die Nacht. Frage nicht, trage stumm, Dir hast gestrebt; Bald sind die Tage um, Die du gelebt. Sieh', wie der Vogel tut, Schwärmet und singt, Doch, wenn es dännnert, ruht, Schattenumriugt. Schlummert im grünen Wald. Rühret sich kaulu, Einzelne Laute lallt Er noch im Traum. Einmal im Morgeuschein Liegt er im Moos Und ist die Lust und Pein Immerdar los! Weiter im schönen Wald Singet der Chor. Schweigen wird der auch bald. Grämst du dich, Tor? Sanitätsrat Dr. S ch e r b e l (Lissa i. P.). # — V 0 m wahren Lebe n. Gedanken und Themen zu Predigten für das ganze Jahr. Von Dr. phil. S i eg f r i ed G el l es, Rabbiner der Synagogengemein.de Lissa in Posen. 1916. Verlag von Louis Lamm, Berlin. Das ansprechende und interessante Büchlein, das aus der Praxis des Kanzlerredners entstanden ist, bietet keine Sammlung von ausgearbeiteten Predigten oder Andachten, sondern eine Zusammenstellung voil Gedanken zu den einzelnen Wochenabschnitten der Thora. An einen Satz des Schristwortes anknüpfend, arbeitet der Verfasser einen erbaulichen Gedanken scharf und treffend mit wenigeg schlichten Worten aus, und wenn auch gewiß manches Näheliegende mit unterläuft, kann man der großen Mehrzahl der Betrachtungen das Lob nicht versagen, daß sie von gereiftem Denken und tiefem Empfinden ebenso zeugen wie von gutem Geschmack. Sie beweisen vor allem, daß man mit dem alten Grundsatz nicht zu brechen braucht und daß die jüdische Predigt — entgegen den Gewohnheiten vieler modernen Redner — durchaus dem Vorbilde des Midrasch folgend, an die Auslegung des Schristworts anknüpfen soll. Bücher wie das vorliegende zeigen, daß es wohl keinen Gedanken und keine Stimmung gibt, zu denen ein geschickter Prediger nicht aus t>en: hergebrachten Wege gelangen könnte. Der Fachmann wird die Veröffentlichung gewiß mit Nutzen losen, der Laie aber nicht nur, um nach des Verfassers Wiunsch einen Blick in die Werkstatt des Predigers zu tun und zum Bi'bellesen angeregt zu werden, sondern er wird aus der Lektüre Bekehrung und Erbauung in reichen: Matze schöpfen. Gold mann (Oppeln). Druckfrhtrrbrrichtigllng. Im „Gemeindeboten" der vorigen Nummer S. 1, rechts oben in der ersten Zeile ist statt „zum 50jährigen" zum 25jührigen Bestehen zu lesen.

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