Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1916)
- Date
- 1916-09-15
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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443 zollen, weil kein anderer seine &ot begreifen loitb.. Im Gegenteil, einige werden vielleicht so töricht sein, ihn noch zu bemitleiden; zu diesen wird wahrscheinlich sein Freund Gabriel gehören. Bei diesem Gedanken konnte er ein leises Lächeln nicht unterdrücken. Gabriel wird ein großer Mann werden; er wird höher und höher steigen; aber so hoch er auch steigen mag, der eine Gedanke wird ihm überall Nachfolgen, daß der Anfang und Ursprung feines neuen Lebensfadens von den Fingern eines toten Mannes festgehalten und fortgesponnen wird. Und wie flink ihm das Werk von den Händen geht! Es arbeitet sich leicht, wenn man im voraus des Erfolges sicher ist. Schließlich sind die physischen, die körperlichen Kräfte doch noch die zuverlässigsten. Mag. Gabriel nur weiter mit seinen psychologischen Experimenten sich abquälen, er, Barnch, will nur der Kraft seiner Arme vertrauen. Wie angenehm, wie traulich und sicher war es doch hier. Er fühlte sich frisch und kräftig, ob er auch die letzten Nächte völlig schlaflos und die Tage mit angestrengtem Nachdenken verbracht hatte. Und es schadet auch gar nicht; morgen lvird er alles nachholen; morgen wird er ausrnhen - - schlafen immer fchlasen. Nur noch eine Unruhe quält ihn, nur noch eine Neugierde peinigt ihn: was Gabriel jetzt von ihm denkt, ob er doch noch einmal zu ihm kommen wird, um ihm die Hand zu drücken. Alles andere war ihm jetzt vollständig gleichgültig — Malta mit inbegriffen. — Aber, horch! Was war das? Wie der Springbock vor dem Reidel, spitzt er die Ohren, da er ein verdächtiges Geräusch vernommen. Schritte nahen. Als stünde er jetzt schon mit der Geisterwelt in Berührung, sollte ihm die Frage beantwortet werden, die er eben wegen Gabriel sich selbst vorgelegt; denn als er seine Augen empvrrichtete, stand Gabriel vor ihm, schwer und kurz atmend, von dem schnellen Lausen hierher; Baruch hätte vor Freude fast laut aufgeschrien. „Ich habe die Gelegenheit benutzt," begann Gabriel, „da die anderen den Dragonerleutnant zerr Bahn begleiten, nm zu dir zu kommen, weil ich nicht, ruhen kann, bis ich dich wieder gesehen." Baruch antwortete, nicht; er stieß den Bohrer aus Gabriel-? Gesichtskreis, was diesem aber nicht entging. „Was machst du da?" fragte Gabriel, ans den Kahn und auch auf den Bohrer deutend. „Ich bessere mein Kriegsschiff ans," war die lakonische Antwort.: ' - „Essieht eher aus, als wolltest du ein Loch bohren." „Vielleichtistdas Zerstören das beste Mittel-, um auszubessern." - ■. Gabriel seufzte. „Mir kommt es vor, als ob du bereits die Fähigkeit verloren hast,; zwischen' Ausbessern And Zerstören zu. unterscheiden. Wenigstens scheint lnir dieses bei unserer Freundschaft, der Fall zu.,sein." Jetzt,.da Gabriel zu .ihm gekommen, mithin auch sein letzter Wunsch, erfüllt, war,, verfiel .Baruch wieder: in-seine alte sarkastische. Art zurück. . ... - „Spare dir deine Gefühlsduseleien für Torakows Tochter," war seine hämische Bemerkung. „Ich bin nicht mit Gefühlsduseleien zu dir gekommen, wie du dich so geschmackvoll auSdrückst, sondern um von dir Gerechtigkeit zu verlangen." Er wollte gegen Bewuchs Hohn seine Barschheit setzen. „Ich bestehe darauf, daß du. deine beleidigenden Aeußsvüngen zurücknimmst." , „Du hast wirklich alle Anlagen, ein großer Mann zu werden; denn auchdie letzte , Notwendigkeit für diese Größe hast du dir schon bergelegt - - die Eitelkeit! Die Eitelkeit, die dich dazu treibt, selbst in meinen Augen gerechtfertigt daznstehen." ■ , „Um Gottes Barmherzigkeit nullen, Baruch, hör' auf mit deinen , zynischen Selbsterniedrigungen!" rief Gabriel erregt. „Ja, ich will gerecht sein auch in deinen Augen! Noch mehr, ich will dir gestehen, daß der Beifall der ganzen Welt mich nicht für deine Vorwürfe entschädigen kann!" „Glaubst du denn, daß sie unverdient seien?" Baruch war bemüht, einen Schimmer von Weichheit in seine Frage zu legen. „Wenigstens von dir habe ich sie nicht erwartet," fuhr Gabriel mit gleicher Erregung fort; „gemeine, niedrige Naturen können wohl meiner Handlungsweise solche selbstsüchtige Motive unterschieben; von dir aber erwarte ich, daß du sie zurücknimmst, erstens, weil du mich kennst und zweitens — weil du — du bist!" „Gabriel, nimm dich in acht! Der zlveite Grund klingt beinahe wie ein Kompliment für mich." Gabriel ging auf diese Bemerkung nicht weiter ein, sondern sprach mit vollem Ernst: „Wollte Gott, ich könnte für meine Volksgenossen mehr als dieses tun, um mein Gewissen zu beschwichtigen. Doch nicht in dem Sinne, lvie du es meinst, daß es mir an Mut gebricht, für meine Taten einzustehen. Was ich getan, steht und fällt mit mir selbst; ich suche dafür keine stellvertretende Entlastung oder Vergebung. Die Rettung meines Volkes soll kein Schönheitspflästerchen für mich sein, sondern eine zwingende Notwendigkeit, aus der Stammeszugehörigkeit herausgewachsen, ob anch die Kurzsichtigen mir darum fluchen sollten. Darum wiederhole ich dir mein Anerbieten; da ich aber nichts ohne deine Zustimmung unternehmen werde, so bedenke, welche Verantwortung bu mir auserlegst. Bei alldem kann ich zwar nicht gutsagen, daß meine Vorstellungen und Almas Bitten Tvrakvws Herz zum Griten wenden könnten. Aber es ist wenigstens ein Hoffnungsschimmer;. zumal auch du nichts Besseres zu bieten vermagst. Willst du mich aber trotz alledem mit dem Hintergedanken des Eigennutzes brandmarken, dann — könntest du mich tatsächlich in diese Gemeinheit hineinpeitschen. Dann aber, Baruch, wenn das vergossene Blut unserer Brüder zum Himmel anfschreit, dann wirst du deine Hartnäckigkeit doch noch bereuen!" „Wenn ich also in meiner Hartnäckigkeit verharre — was willst du dann eigentlich tun? Natürlich schweigen und Torakows Tochter heiraten!" „Nein, reden lind Torakows Tochter aufgeben! Eins bedingt ja das andere, obwohl ohne Almas Unterstützung meine Vorstellungen nutzlos sein werden. Ich werde ihm wohl alle seine Schurkereien ins Gesicht schleudern, doch welche Maßnahmen könnte ich noch ergreifen, nm weitere zu verhindern? Darum, Barnch, bedenke wohl, ehe du mich von dir iveisest." „Gabriel, so wahr Gott lebt, du bist ein ganzer Manu!" rief Baruch mit leidenschaftlicher Begeisterung. „Spare deine Lobeserhebungen. Ich verlange Gerechtigkeit." „Die sollst du haben, Gabriel. Tri sollst sie haben; doch heute nicht," sprach er weiter mit einer Zärtlichkeit, die gerade bei ihm überwiegend wirkte. „Morgen sollst du Genugtuung haben, so laut und deutlich, wie du sie selbst nicht besser wünschen könntest. Der morgige Tag," fuhr er mit bebender, doch klader Stimme fort, „wird unserer Freundschaft ein Siegeslied singen, das dir dein ganzes Leben nachklingen lvird. Ich verspreche dir dies so wahr und so heilig, als läge , ich bereits auf meinem Totenbett! Bist du damit zufrieden?" (Fortsetzung felgt.) Litrrarikchr Mitteilungen. I s r o c I i t i f cl) c P r e d i g t b i b l i 0 t h e s. Periodisch erscheinende Sammlung ausgewählter Predigten nebst beigefügten agadischen Miszellen. In Verbindung mit namhaften Predigern herausgegeben. von Nabbiuer Wilhelm Levy. Berlin 1916, C. Boas Nachs. 2 Hefte.