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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-15 · Heft 37 (15.9.1916) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 37 (15.9.1916)
Date
1916-09-15
Page
Seite 442 (sequence 10)
Language
German
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44ä Bedeute doch, was geschehen wäre, wencl ich dich wirklich geliebt hätte? Karol, Karol! Wolltest du deine Cousine lvirklich zu deiner Maitresse herabwürdigcn? Geschieden oder nicht geschieden, jene Frau wäre doch dein rechtmäßiges Weib geblieben! Und jetzt hast du noch die Dreistigkeit, mit deinem Ehrenwort herumzuwerfen und noch immer mir von Liebe zu sprechen!" r Er hörte ihre sauste, schwesterliche Zurechtweisung-kalt lächelnd an, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne eine Spur von Reue zu empfinden. Was er bereute, war nur seine Ungeschicklichkeit, daß sie ihm zuvorgekommen. Warum hatte er die Sache nicht schlauer ungefaßt? Warum hatte er ihr gestattet, sich von ihr abkanzeln zu lassen, ehe er ihr auch feine interessante Neuigkeit ins Gesicht geschleudert hatte? Der Peitschenhieb, den er ihr versetzen wollte, wird nun viel von seiner Kraft verlieren, da sie es als einen Racheakt seinerseits auffassen würde. Mag es. Selbst mit seiner stumpfen Waffe glaubte er ihr noch eine tödliche Wunde beibringen zu können. Drohend trat er daher dicht an sie heran und sprach: „Liebes Eousinchen, ich möchte dich etwas fragen — allerdings.'ist es nur der Wissenschaft halber gesetzt den Fall, du hättest -je Wahl zwischen deinem Vetter, der nach deiner Ansicht ein Ungeheuer ist, und dem Sohne eines Flickschusters, welchen würdest du als Gatten wählen?" „Wie kommst du auf eine solche Abgeschmacktheit?" fragte sie, nicht ohne Verwirrung, da sein zynisches Lächeln sie nichts Gutes ahnen ließ. „Weil ich nämlich der eine und dein Herr Schmulikof der andere ist!" Mit verzweifelter Kraft gelang es ihr, sich aufrechrzuhalten. Diese tückischen Augen sollten doch nicht sehen, lvas sie zu sehen förmlich lechzten. Es gelang ihr in der Tat, die äußere Ruhe zu bewahren. „Was Schinulikof auch sein mag, ich werde ihm immer die größte Achtung entgegenbringen." „Achten, ehren, schätzen und huldigen kannst bu ihn meinetwegensoviel du willst: doch heiraten wirst du ihn wohl doch nicht." Sie warf ihm einen Blick zu, der das spöttische Lächeln von seinen Lippen fegte. „Besitzest du wirklich die Anmaßung, darüber zu entscheiden, ob ich ihn heiraten werde oder nicht?" „Allerdings ist es in erster Reihe Sache deines Vaters," sprach er brutal: „allein selbst wenn er seine Einwilligung geben sollte, darfst du doch nicht vergessen, daß auch noch andere die Ehre haben, dieser altadeligen Familie anzugehören, die es nimmer gestatten werden, auf diese Weise sich mit einem - mit einem - Juden zu verschwägern." Rur die Leichenblässe gab Kunde, daß der Stoß getroffen, sonst aber blieb sie ruhig wie zuvor und sprach gelassen: „Das war sehr schön gesagt! Da ich aber auch zu dieser altadeligen Familie gehöre, so will ich dir auch mein Ehrenwort geben — und das meinige ist mir nicht so wohlseil wie manchem Mädchenjäger icnd Strauchritter —, daß ich nur einen Mann heiraten werde, der den Mut besitzt, seinem Feinde offen, im ehrlichen Kampfe entgegenzutreten, nicht aber, wie ein feiger Mörder, hinterrücks von seiner Schußwaffe Gebrauch macht!" Wie ein verprügelter Hund ließ er den Kopf sinken. „Du hast den Teufel im Leibe!" stieß er knirschend hervor und stürmte davon. „Vergiß nicht, daß dein Zug in zwei Stunden abgeht," rief sie ihm noch nach. Kanin aber war die Tür krachend ins Schloß gefallen, als auch sie gebrochen und verzweifelt niedersank. Noch eine Minute länger, und sie hätte diesen Seelenkamps nicht ertragen, und lväre doch noch vor seinen Augen zusammengebrochen. Sie fing an zu grübeln, aber ihre Gedanken verwirrten sich mehr und mehr. Schnnllikof,.ihr.Ideal, ein Jude, aus der niedrigsten Sphäre hervorgegangen — dem verachteten Stamme angehörend — der Abkömmling eines Schusters - er hat es gewagt, sie zu umgarnen! — O Männer! O Schicksals. Dort eine Maitresse, hier ein Judenweib! Aber bald fand sie sich wieder. Wo war nur ihr sonst so klarer Verstand geblieben? Schmulikofs Bild ist tief in ihrem Herzen eingeprägt, und es kann da durch nichts verwischt werden. Wo auch seine Wiege gestanden haben mag — er war doch ,Er!' — Noch ist nichts verloren. Sie liebt ihn mit der ganzen Kraft ihrer Seele; nimmer wird sie von ihm lassen! — Sie wird ihrem Vater sagen, und seine Liebe für sie wird das Vorurteil bei ihm überwinden. Er wird sein Kind nicht in den Tod jagen wollen! Sie grübelte weiter und sprang plötzlich freudig auf. Ihr war jetzt noch ein anderer Gedanke gekommen. Sie war froh, daß Schmulikof ihr doch etwas verheimlicht; wenigstens hatte sie einen Fleck, eine Unvollkommenheit an diesem Muster und Vorbild des Menschen entdeckt! Und das war eine gute Vorbedeutung, eine Bürgschaft, daß die Vorsehung es doch noch gut mit ihr meint; denn diese seine Unvollkommenheit will sie als ein Opfer betrachten, mit welchem sie den Neid der Götter beschwichtigen kann. — Sie fing an, laut vor sich herzusprechen, wie ein Kind, das durch lautes Reden die Gespensterfurcht im Finstern verscheuchen will. Der Gewittersturm in ihrem Innern hatte ausgetvbt; ihr kindlich-frohes Lächeln kam wieder zum Vorschein. Freudig sah sie der Zukunft entgegen. XX. Es war kein Mondschein, aber der besternte Himmel gab Baruch genügend Licht zu der großen Tat, durch welche er Gabriels Schicksal besiegeln und die Rettung seiner Glaubensgenossen bewirken wollte. Wie ein Feldherr, der nach schweren, verzweifelten Kämpfen die Schlacht gewonnen, so blickte Baruch auf sein vergangenes Leben zurück. Er hatte viele, sehr viele Mißerfolge zu verzeichnen: Schiffbruch im Berufe, Demütigung in der Liebe, Täuschung in der Freundschaft, doch jjetzt schwelgte er in dem Siegergefühl. Die eine Tat wird alles wettmachen, die eine Tat volle Entschädigung ihm bringen. Er hatte den schweren plumpen Kahn zur Hälfte aus dem Wasser gezogen und auf die Seite umgekippt, ebenfalls eine Tat, die nur der .stärkste Mann' vollbringen konnte. Bald hatte er etwa einen Quadratsuß im Boden des Schiffes durchgebohrt; wiederum eine gewaltige Leistung in Anbetracht des ungeeigneten Werkzeuges, das ihm zur Verfügung stand. Er verspürte keinerlei Ermüdung, und trotz des Schweißes, der sich in Strömen über ihn ergoß, versuchte er sogar ein Liedchen zu brummen, soweit seine unmelodische Baßstimme dieses zuließ. Er fühlte sich sicher und ganz behaglich in seiner Einsamkeit. Die ganze Stadt lag im Schlafe versunken, es ihm allein überlassend, ihr Geschick zu gestalten, und die Zufriedenheit, die er bei seiner Arbeit empfand, gab ihm die Gewißheit, daß er es vorzüglich tat. Wenigstens soweit es das Geschick seiner Glaubensgenossen in Ditomsk betraf. Welche Aenderung zum Besseren wird sich da schon morgen bemerkbar machen! Und gar erst für Gabriel! Morgen wird sich Ditomsk kaum selbst wieder erkennen! Welche Aufregung und Bewegung! Welch scheues Flüstern, welch geheimnisvolles Hin- und Herrennen! Nur schade, daß er es nicht mehr mit ansehen kann! Darum ist es nicht mehr als billig, daß er sich seine Befriedigung vorwegnimmt. Ebenso berechtigt ist er, sich jetzt selbst zu verherrlichen, da kein anderer ihm die gebührende Anerkennung

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