Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1916)
- Date
- 1916-09-15
- Page
- Seite 441 (sequence 9)
- Language
- German
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441 eingebüßt. „«schonet nichts!" ruft Bulba seinen Leuten zu, und auch jetzt rauben, morden und notzüchtigen mitunter auch die Anführer der Kosaken und anderen russischen Soldaten. Der Fortschritt besteht nur darin, daß sie sich zur Fortschafsung des Geraubten statt der Karren der Eisenbahnwagen und der Automobile bedienen. Der „rechtgläubige" Kosak, der Polen und Katholiken fanatisch haßt"), kann selbstverständlich auch die Juden nicht leiden; aber, wie auch der echte Deutsche, der keinen Franzmann leiden kann, seine Weine gern trinkt, so bedient sich auch Bulba in seiner Not des Juden. Dieser heißt, wie der in Mickiewicz' „Herr Thaddäus", Jankiel, ist Pächter und Schankwirt wie dieser, sonst aber, nach Gogols Schilderung, dessen gerades Gegenteil: „Nach und nach hatte er alle Herren und Edelleute der Umgegend in seine Hände bekommen, unmerklich fast all ihr Geld an sich gebracht und seine jüdische Gegenwart nach allen Seiten hin sehr empfindlich fühlbar gemacht. Drei Meilen im Umkreise gab es kein Haus mehr, das sich in ordentlichem Zustande befunden hätte; alles verfiel und verdarb, die ganze Gegend war verödet und in Armut und Elend verkommen — wie nach einer Seuche oder einem allgemeinen Brande. Wenn Jankiel noch zehn Jahre in Uinan gelebt hätte, würde er wahrscheinlich die ganze Wojwodschaft zugrunde gerichtet haben." Aber das Zugrunderichten besorgen die Kosaken und andere rechtgläubige Russen jetzt viel gründlicher. Eine ähnliche Hetzrede gegen Juden und katholische Geistliche legt Gogol einem geflüchteten Ukrainer in den Mund. Die Wirkung dieser Rede ist ein „Pogrom", bei dem viele Juden getötet werden. Einem einzigen rettet Bulba das Leben, weil er ihn an seinen Bruder erinnert. Und für diese Tat verlangt er bald seinen Lohn. „In der Not geh' zum Juden!" lautet ein polnisches Sprichwort.1S) Und so geht Bulba zu Jankiel, als er sich in schwieriger Lage befindet. Er will nämlich seinen zum Tode verurteilten Sohn im Gefängnis zu Warschau noch einmal vor der Hinrichtung besuchen, und da ihm, wenn er entdeckt wird, als Rebellen das gleiche Schicksal droht — zweitausend Dukaten sind als Preis für seinen Kops ausgesetzt —, soll ihn Jankiel, dem er fünftausend Dukaten verspricht, inkognito nach der Hauptstadt Polens bringen und zu einer Unterredung mit seinem Sohne verhelfen. „Ihr Juden seid für so etwas geschaffen; ihr würdet selbst dem Teufel eine Nase drehen; ihr seid mit allen Hunden gehetzt." Jankiel stellt dem Bulba die Gefahren vor, die ihnen beiden aus der Reise und in Warschau drohen, besonders ihm, als Juden, „weil alles Schlimme in der Welt auf den Juden gewälzt wird; weil den Juden jedermann wie einen Hund behandelt; weil alle denken, ist er ein Jude, so ist er kein Mensch." Von dem versprochenen hohen Lohn und vielleicht auch von Dankbarkeit bewogen, entschließt sich endlich Jankiel, den Bulba in einem mit Ziegeln beladenen Wagen nach Warschau zu bringen, wo er ihn bei einem Juden einquartiert. Dieser verschafft ihm die Kleidung eines deutschen Grafen, denn nur als solchem und durch Bestechung der Wachen und Gesangenenwärter kann er ihm Zutritt zu seinem Sohn verschaffen. Aber der letzte Wächter steckt die ihm gegebenen ") Nach Gogols vielleicht etwas übertreibender Schilderung. Er spricht auch einmal von der „schimpflichen Herrschaft der Juden über christliches Land". ,s) Kiedy bieda to do zyda, aber auch mit dem Zusatz: „ist die Not zu Ende, dann wirf ihn hinaus!" Ueberhaupt sind die meisten Sprichwörter der polnischen Bauern juden- und adelsfeindlich. (Siehe viele Beispiele in Samuel Adalbergs „Buch der polnischen Sprichwörter und fliegenden Worte" (llsitzga przyslow, przypowielsci wyrazeii przyslowiowych polskich, Warschau 1889—1894). hundert Dukaten ein und nimmt eine Aeußerung des ungeduldigen Bulba zum Anlaß, um ihn und die Juden fortzujagen. Es bleibt diesem nur die Genugtuung, die Folterung und Hinrichtung seines Sohnes anzusehen. Dann entflieht er aus Warschau, sammelt wieder sein Kosakenheer und unternimmt mit ihm seinen furchtbaren Rachezug durch ganz Polen, wie wir ihn bereits oben nach Gogols Darstellung geschildert haben. Endlich wird er von dem polnischen Heer besiegt und in grausamer Weise hingerichtet. Bor dem Tode läßt ihn Gogol prophezeien: „Ein Zar wird erstehen auf russischer Erde, und keine Macht wird es in der Welt geben, die sich ihm nicht unterwürfe." Da hat doch Bileam richtiger prophezeit. Nicht einen Gegensatz zu Taras Bulba, sondern eine Darstellung von einem anderen Gesichtspunkte bildet Heinrich Sienkiewicz' Roman „Ogniem i mieczem“ (Mit Feuer und Schwert). (Fortsetzung folgt.) LMM pup um Mp. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) Uun — nun — ja —; freilich — sie bestand damals darauf, daß ein alter Pope ein langes Geplärre bei einer Zeremonie verrichtet. — Aber was liegt daran? Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß es nur wenig Mühe verursachen wird, den ganzen Krempel ungeschehen zu machen." „Meinst du wirklich?" fragte Alma mit scheinbarem Interesse. Er ging blindlings in die Falle. „Natürlich! Und wenn du klug bist, Alma, brauchst du von diesem Brief nicht die geringste Notiz zu nehmen. Ich gebe dir mein Ehrenwort, mir liegt nichts mehr an ihr, du bist die einzige Frau, die ich liebe." „Und du wirst den Brief nicht beantworten?" „Wozu? Ich gebe dir mein Ehrenw . . ." „Aber mir wirst du doch einen Brief schreiben?" unterbrach sie seine Frivolitäten. „Tausend für einen! Wann soll ich dir schreiben?" „Morgen — daß du wohlbehalten in Petersburg angekommen bist." „Aber ich werde doch morgen noch nicht dort sein!" rief er, doch ein wenig verblüfft. „Gewiß wirst du morgen dort sein: Du wirst heute noch Ditomsk verlassen!" Er taumelte einen Schritt zurück, wie von einem Schlage getroffen. „Mit anderen Worten, du weisest mir die Tür," rief er voller Wut. „Ich tue es aber mit mehr Takt, als mein Baker es tun würde. Du kannst doch übrigens jedem sagen, daß dein Oberst dich plötzlich zum Regiment zurückberufen hat." „Aha!" rief er triumphierend. „Wie mir scheint, scheuen auch die festen Ehrensäulen nicht vor einer Unwahrheit zurück, wenn es ihnen in den Kram paßt," kam es voller Hohn von seinen Lippen. Sie schien seine Bemerkung überhört zu haben und blickte ihn gar eigenartig an. Dann sprach sie traurig: „Karol, Karol! Wie konntest du mir so etwas antun?!" Ihre Augen waren hart und trocken, und die Tränen lagen nur in ihrer Stimme. „Wie konntest du mich so erniedrigen?