Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1916)
- Date
- 1916-09-15
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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440 Aber wie Bileam und die modernen Antisemiten muß auch der russische Hetzer die guten Eigenschaften der Juden anerkennen. Und dasselbe tut er in bezug auf die Deutschen, obwohl er seine Russen für höher stehender und begabter halt. „Die geistigen Ideen des deutschen Jungen", sagt er, „sind seine Ordnung, seine Lebensweise, seine Nationalität; bei uns aber, in unseren Familien ist nichts als Fäulnis. Man hat bei der Erziehung nicht im nationalen Sinne gehandelt." Da hat der moderne Bileam doch einmal die Wahrheit verkündet. Aus seinem Roman „Schuld und Sühne" („Raskolnikow", was eigentlich Ketzer, Irrgläubiger oder Schismatiker bedeutet) gewinnt man den Eindruck, daß dessen Hauptperson einige Züge des Berfassers trägt, der freilich nicht wegen einer Mordtat aus sieben Jahre nach Sibirien „verschickt" wurde, aus den aber manche dieser Benennungen ziemlich gut passen. Und wie sein Rodia Romanowitsch") Raskolnikow, der sich für einen Uebermenschen hält, in Wirklichkeit zeitweilig geistesgestört ist, so war es auch der Verfasser. Da er aber im Roman nur einmal von Juden sagt „sie häufen das Geld für sich zusammen", und die auf Pfänder leihende, Wucher treibende, von Rodin ermordete Frau eine rechtgläubige Christin ist, so haben wir uns mit ihm nicht weiter zu beschäftigen. Es mag jedoch erwähnt werden, daß darin auch erzählt wird, ein Sekretär der englischen Gesandtschaft habe seine Stiefel verkauft, weil er Geld brauchte. — Etwa zur Komplettierung der Milliarden, die England an Rußland borgtet Aber der Roman ist ja lange vor den glorreichen Taten des Vierverbandes geschrieben worden, und die echten Russen waren damals Feinde ihrer jetzigen Verbündeten. In der von einem gewissen Karl Kraus in Wien herausgegebenen Wochen- oder Monatsschrift „ D i e F a ck e l" findet sich in dem Heft vom Dezember 1915 (S. 413 bis 417) ein Aufsatz „Die Judenfrage" von Dostojewski, angeblich aus dem Jahre 1879. Ob er wirklich eine' richtige Uebersetzung ist, ja überhaupt von Dostojewski vor 36 Jahren verfaßt wurde, weiß ich nicht, judenfeindlich ist er jedenfalls. Wir sind von Mickiewiez zu Dostojewski herabgestiegen und steigen jetzt wieder zu einem Gegensatz desselben anderer Art, zu Tolstoi, hinauf, der wieder in der christlich-mystischen Stimmung und Tendenz seiner späteren Zeit manche Aehnlichkeit mit dem später von dem Mystiker Towienski teilweise beeinflußten polnischen Dichter hat. Daß der 1828 in Jasnaja Poljana (Gouv. Tula) geborene, vor einigen Jahren verstorbene Lev N. T o l st v i, nach seinen Tendenzen und seiner ganzen Geistesrichtung, kein Judenfeind sein konnte, ist beinahe selbstverständlich; aber ein richtiges Verständnis für den Antisemitismus und seine Ursachen besaß er doch nicht. Ich habe seine Werke nicht für die vorliegende Abhandlung durchforschen können und muß mich begnügen, einige Aeuherungen von ihm über den Antisemitismus anzusühren: „Dieser ist," sagt er, „ein krankhaft-schmachvolles Gefühl, das unter jenen Völkern und zu jenen Zeiten beobachtet wird und seine reichsten Früchte trügt, wenn die schmutzige Welle des Lasters die Geister lind Herzen der Menschen verfinstert. Er ist dem Vvlkscharakter fremd, wie jede Perversität; er kommt nur von oben her, wo die Menschen dem Sumpfe gleichen. Unter allen Schamlosigkeiten ist der Antisemitismus die aller ekelhafteste und höllischste Erscheinung. Hier findet man alles: die Galle des Hasses, den Geifer der Tollwut, das Lächeln des Verrats, alles was das Niedrigste der Menschenseele aus sich zeugen kann""). In einer Uebersetzung von S. Brauner mit einem Vorlvort vom Reichsdumaabgeordneten O. Pergament (Berlin, Vielleicht eine boshafte Anspielung auf die Familie Romanow. ") Gesammelte Werke, Ausg. Raphael Löwenseld, Berlin 1891. Aehnlich: „Ueber die Juden", deutsch von S. Brauner, Berlin.' ohne Jahreszahl) werden ferner Ansichten und Aeußerungen des großen Menschenfreundes aus Rußland über Antisemitismus, Zionismus und Pogrome mitgeteilt, zu denen wir uns einige Bemerkungen hinzuzusügen erlauben: Gras Lev Tolstoi sieht den Kampf der Antisemiten und Pogromisten gegen die gequälten Juden nur in den hohen Kasernen der dunstigen Städte toben, einen Kampf, in den sie, „grausam wie sie sind", auch unser gutmütiges und kluges Volk hineinhetzen, unser Volk, dem immer der böse Sinn der Unduldsamkeit gegen die anderen fehlte"). „Diese Galle speienden Schriftsteller und die ihnen gespannt zuhörenden seelenlosen Beamten wollen dem Volke Furcht einflößen und schrecken es mit dem Juden, dieser finstern Gewalt." Er schildert dann die Judenfreundlichkeit der Bauern und meint, daß die Juden nur wegen ihres Glaubens verfolgt werden. „Der Jude braucht sich nur zum Kreuze zu bekehren und er erhält alle Rechte, darunter auch das Recht, sich auf dem Lande niederzulassen und zu arbeiten"). Sehr scharf spricht sich Tolstoi gegen die Zionisten aus, zu deren Verteidigung sich vielleicht doch manches sagen ließe; aber es ist nicht unser Beruf es an dieser Stelle zu tun. In Nikolaus Gogols „Taras Bulba" finden wir die Kosaken, abgesehen von der Verschiedenheit der Bewaffnung und der Taktik — wenn von einer solchen bei ihnen die Rede sein kann — ganz so wie die der Gegenwart, obwohl die Handlung im siebzehnten Jahrhundert vor sich geht: dieselbe Trunk-, Raub- und Mordsucht, dieselbe Unehrlichkeit und Intoleranz"). Und das ist historische Tatsache, nicht Erfindung des Dichters, aber auch nicht die scharfe Satire des russischen Beamtentums wie in den „Toten Seelen" und im „Revisor", eher wie einer zärtlichen Mutter sanfter Tadel eines ungezogenen Kindes. „Taras marschierte mit seinem Aufgebot durch ganz j Polen, brannte achtzehn Städtchen und etwa vierzig Kirchen! nieder und drang bis in die Nähe von Krakau vor, erschlug I viele polnische Edelleute, plünderte die reichsten und schönsten j Schlösser; der uralte Meth und Wein, der so sorgfältig in den herrschaftlichen Kellern ausbewahrt worden, wurde von den Kosaken verschüttet und auf den Boden gegossen. Die kostbaren Stoffe, die Paradekleider und sonstige wertvolle Gegenstände, welche sich in den Schränken befanden, wurden mit den Säbeln zerhackt oder verbrannt. Die Kosaken schonten weder die schwarzäugigen Frauen noch die weißnackigen, rosenwangigen Mädchen; nicht einmal vor den Altären fanden sie Schutz. Taras verbrannte sie samt den Altären. Mehr als eine schneeweiße Hand erhob sich gen Himmel inmitten der Feuerflammen, begleitet von dem herzzerreißenden Jammer, der sogar die kalte Erde gerührt und das Gras der Steppe vor Mitleid zur Erde gebeugt hätte. Aber die grausamen Kosaken hatten kein Erbarmen, und die jungen Kinder aus ihre Lanzen spießend, schleuderten sie dieselben zu den Müttern in die Flammen."'") Man glaubt eine Schilderung neuester Zeit aus Galizien oder der Bukowina zu lesen. Denn die Kosaken haben sich in den seitdem verflossenen dritthalb Jahrhunderten kaum zivilisiert, jedenfalls nichts an Raubsucht und Grausamkeit Ein kluges Volk läßt sich nicht von lügnerischen Schwätzern betören und ein gutmütiges nicht zu Verfolgungen aushetzen. MJ Das Verbot sich auf dem Lande nioderzulassen ist nicht das einzige und nicht das schwerste, das die Juden bedrückt. Volle Gleichberechtigung genießt in Rußland auch der getaufte Jude nicht, selbst nicht seine christlich erzogenen Kinder und Enkeln. “) Aus den zahlreichen Schilderungen der Kosakengreuel in der Gegenwart will ich hier die „Erlebnisse einer polnischen Gutsbesitzersgattin in Ostgalizieu" in der „Neuen freien Presse" vom 15. September 1915 besonders hervorheben. Nach der Uebersetzung von Wilhelm Lange.