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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-15 · Heft 37 (15.9.1916) · p. Seite 439

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 37 (15.9.1916)
Date
1916-09-15
Page
Seite 439 (sequence 7)
Language
German
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„Und Saiten um Saiten erbeben/) Da schmettert's empor: eine ganze Janitscharenkapelle, Trommeln hört man und Becken und Tamburin und Schelle, Die Polonäse des dritten Mai! Sich hebend und senkend, Hüpfen die Töne lustatmend, das Ohr mit Freude tränkend. Die Mädchen wollen tanzen, die Burschen zucken und beben; Die Alten aber trägt es ins vergangene Leben. Und schneller immer und immer mächt'ger spielt er fort. Da — wie ein Schlangenzischen ertönt ein falscher Akkord, Wie Eisen über Glas knirscht, daß alles ein Schauer durchdringt. Daß es wie böse Ahnung in die Freude klingt. Die Hörer fragen sich alle, von Angst und Bangen ergriffen: „Sind denn die Saiten verstimmt? Hat sich der Meister vergriffen?" Der Meister vergreift sich nicht! Mit Absicht berührt er sie Stets, diese Verrätersaite, und trübt die Melodie — Stets lauter reißt er die Saite, die grimme, fort und fort; Den wider die Eintracht der Stimmen konföderierten Akkord! Da faßt es der Schließer4 5 *), bedeckt sein Antlitz mit der Hand: „Das", rief er, „ist Targowica! Ich habe den Ton erkannt!" Er spricht's, als schon lautsausend die Unheilssaite springt; Die Primen ertönen; ein wirrer gebrochener Takt — schon klingt Der Primenton nicht mehr —, nein, aus den Bässen dringt Ein tausendfältig Brausen, ein immer lauteres Kirren, Marsch, Kampf, Attacke und Sturm, Schüsse und Kugelschwirren, Der Kinder Stöhnen, der Mütter Tränen, der große Meister Entfesselte so furchtbar des Sturmes klagende Geister, Die Bäuerinnen erzittern — das Blutbad von Praga zieht Am weinenden Aug' vorüber, bekannt aus Sage und Lied."") Und das alles komponiert und spielt ein litauischer Jude! Ueberhaupt ist es die Musik und ihre Macht, die unser Dichter mit vollendeter Kunst zu schildern weiß. Selbst das Echo gewinnt ein eigenes Leben: „Er schwieg — und es geschah ein Wunderbares, Es schien, er spielte noch — das Echo war es."7) Herrlich ist auch die Schilderung der für uns jetzt als Schauplatz deutscher Heldentaten so interessant gewordenen litauischen Wälder und Seen mit ihrem Tier- und Stilleben im vierten Gesänge, sowie das Jagdlied Gustavs im ersten Fragment der „Dziady" (Ahnengeister). Doch ich muß es mir versagen, auch nur das Schönste daraus zu zitieren, da es mich von meinem eigentlichen Thema zu weit abbringen würde. 4) Ich zitiere nach der vortrefflichen Uebersetzung von Siegfried Lipianer, Leipzig 1882. Eine gute Ausgabe des Originals ist in Leinberg erschienen. B) Eine der wichtigsten Persvnen des Epos. ") Vom 3. Mai 1791 datiert die liberale polnische Verfassung, gegen welche die reaktionäre, von Rußland anfgehetzte und unterstützte Partei im Mai des nächsten Jahres die staatsverräterische Konföderation von Targowica — das Gegenstück der ein Vierteljahrhundert früher gebildeten von Frankreich schwach unterstützten Konförderation von Bar — schloß. Am 4. Mai 1794 erstürmten die Russen Praga, die Vorstadt Warschaus, wo sie ein furchtbares Gemetzel anrichteten, weder Frauen noch Kinder schonend. Sie wurden aber damals nicht, wie jetzt von Franzosen und Engländern, als Befreier unterdrückter Völker gepriesen. Und noch im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts schilderte der Engländer Thomas Campbell in seinen klessures of liope in ergreifender Weise die Greueltaten der Russen bei der Erstürmung von Praga. 7) Vielleicht nach Milton: The Angel ended, and in Adams ear So charming left his voice, that he awhile Thought liim still speaking, still stood fix’d to hear. Wenn wir von Miekiewicz zu F. M. D o st v j e >v s k i (1822 bis 1881) übergehen, sollten wir eigentlich nach jüdischem Brauch ein „Lehawdel" einschaltcn, denn so judenfreundlich der Pole ist, so jndenfeindlich, ja man könnte sagen, menschenfeindlich, war der zeitweilig geisteskranke Russe. Nach seinen Aeußerungen taugen alle europäischen Völker gar nichts, mit Ausnahme des auserwählten Russenvolkes. „Die Franzosen", sagt er"), „sind, bei Gott, ein Volk, vor dem einem übel wird! Der Franzose ist still (?), ehrlich, höflich, aber falsch, und das Geld ist bei ihm alles. Von Idealen keine Spur. Nicht nur Ueberzeugungen, selbst eigenes Nachdenken dürfen Sie von ihm nicht verlangen. Das Niveau der allgemeinen Bildung ist bis zum äußersten niedrig."") Mit einer an die grausame Schilderung der Höllenqualen der Heiden durch den Kirchenvater Tertullian erinnernden Schadenfreude schildert Dostojewski die Vernichtung der europäischen Kultur beim Siege des vierten Standes: „Alle diese parlamentarischen Regierungsshsteme, alle gegenwärtig herrschenden Theorien, alle zusammengescharrten Reichtümer, alle Banken, Wissenschaften und Juden, alles das wird im Nu vernichtet werden, außer den Juden (?) natürlich, die auch dann den Kopf nicht verlieren und wieder obenauf sein werden, so daß der Krach ihnen sogar zugute kommen dürfte." „... Und wenn auch alle Juden in corpore, wenn das ganze Kahal wie eine Verschwörung über Rußland steht und den russischen Bauer aussaugt'") — oh, wir sagen nichts dawider, wir sagen kein Wort! Sonst könnten wir ja am Ende gar den Vorwurf der Jlliberalität einheimsen, man würde schließlich von uns denken, wir hielten unsere Religion für besser als die jüdische und bedrängten die Juden aus religiöser Unduldsamkeit —, um Gotteswillen, was dann? Man denke nur und frage sich, was dann?" „Alle die Bismarck, Beaeonsfield, die französische Republik, Gambetta ufw., alle diese sind als Macht für mich eine Vorspiegelung. Ihr Herr, wie der Herr aller, der Herr ganz Europas ist doch nur der Jude und seine Bank. Wir werden es ja noch erleben, daß er plötzlich sein Veto einlegt und Bismarck wie ein Stäubchen von seinem Platze gefegt wird. Der Jude und die Bank beherrschen jetzt alles, sowohl Europa wie die Aufklärung, die ganze Zivilisation und den Sozialismus; denn durch ihn wird der Jude das Christentum mit der Wurzel ausrotten und die christliche Kultur zerstören. Und wenn dann nichts als Anarchie übrigbleibt, da wird der Jude an der Spitze des Ganzen stehen. Denn indem er den Sozialismus predigt, bleibt er als Jude mit seinen Stammgenossen doch außerhalb, und wenn der ganze Reichtum Europas vertan ist, bleibt die Bank des Juden. Dann mag der Antichrist! kommen und die Anarchie herrschen." > Aber herrscht nicht schon jetzt die Anarchie in Rußland? Oder sind die Pogrome, die Greueltaten der russischen Armee in Galizien und Russisch-Polen nicht auf Befehl des unumschränkten Zaren und seiner käuflichen Regierung geschehen? Und liegt nicht der Keim dazu in den Aeußerungen und Gej sinnungen Dostojewskis und seiner Geistesverwandten? Aber : es steckt Methode in diesem Wahnsinn. Dostojewski spielt, wie j die meisten Antisemiten, den Beraubten und Ausgebeuteten, z stellt sich, um einen jüdischen Ausdruck für solche Maskierung j zu gebrauchen, als Nigsel dar, um seine Grausamkeit und Raubsucht zu rechtfertigen. ") Aus einem Briefe an Strachvw vom Jahre 1862, nach der deuti scheu Uebersetznng in „Sämtliche Werke", Abschnitt 2, Literarische | Schriften Band 12.; ") In dem zu drei Vierteln aus Analphabeten bestehenden Rußland | gibt es überhaupt keine allgemeine Bildung.! l") Das haben doch die kaiserliche Familie, der Adel und die Be-! amten getan.

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