Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1916)
- Date
- 1916-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229269--72508-3284954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
80. Jahrgang Nr. 36 Berlin, 8. September I91<> Der Gemeindebote. BeHagr zur „Allsrmetnen Leitung de§ Judentums" Lnchnrt dir fünfte Lnrgssnlrihr! er Krieg ist in ein entscheidendes Stadium getreten. Die Anstrengungen der Feinde haben ihr Höchstmaß erreicht. Ihre Zahl ist noch größer geworden. Weniger als je dürfen Deutschlands Kämpfer, draußen wie drinnen, jetzt Nachlassen. Noch müssen alle Kräfte, angespannt bis aufs Aeußerste, eingesetzt werden, um .unerschüttert festzustehen, wie bisher, so auch im Toben des nahenden Endkampfes. Ungeheuer sind die Ansprüche, die an Deutschland gestellt werden, in jeglicher Hinsicht, aber ihnen muß genügt werden. Wir müssen Sieger bleiben, schlechthin, auf jedem Gebiet, mit den Waffen, mit der Technik, mit der Organisation, nicht zuletzt auch mit dem Gelbe! Darum darf hinter dem gewaltigen Erfolg der früheren Kriegsanleihen der der fünften nicht Zurückbleiben. Mehr als die bisherigen wird sie maßgebend werden für die fernere Dauer des Krieges; auf ein finanzielles Erschlaffen Deutschlands setzt der Feind große Erwartungen. Jedes Zeichen der Erschöpfung bei uns würde seinen Mut beleben, den Krieg verlängern. Zeigen wir ihm unsere unverminderte Stärke und Entschlossenheit; an ihr müssen seine Hoffnungen zuschanden werden. Mit Ränken und Kniffen, mit Rechtsbrüchen und Plackereien führt der Feind den Krieg; Heuchelei und Lüge sind seine Waffen. Mit harten Schlägen antwortet der Deutsche. Die Zeit ist wieder da zu neuer Tat, zu neuen: Schlag. Wieder wird ganz Deutschlands Kraft und Wille aufgeboten. Keiner darf fehlen, jeder muß beitragen mit allem, was er hat und geben kann, daß die neue Kriegsanleihe werde, was sie unbedingt werden muß: Für uns ein glorreicher Sieg, für Ven Feind ein vernichtender Schlag! M. F. Berlin, 5. September. Zur 50jährigen Jubelfeier der Reuen Synagoge in Berlin an: 9. September dürfte die Erinnerung an einige „große Tage" von geschichtlichem Wert, welche dieses erhabene Gotteshaus erlebt hat, willkommen sein. Zunächst seien hier die von dem damaligen Vorsteher der Berliner Jüdischen Gemeinde, Instizrat Sigismund Meyer, geleiteten Trauerseierlichkeiten für den verstorbenen Vorsteher Meyer Magnus, für Eduard L a s k e r (zu dessen Gedächtnis der damalige Rabbiner Dr. P. ft r a n k l die Trauerrede in der Neuen Synagoge in Anwesenheit einer illnstren Bersammlung hielt; die Rede ist im Druck erschienen), die ergreifende Gedächtnisfeier für den verstorbenen greisen Kaiser Wilhelm I. erwähnt, bei der das dem Andenken des ehrwürdigen Kaisers gewidmete deutsche Lied gesungen wurde: „Heile, wache, leuchte, Herr! Unser Gott". . . Nach den von dem verstorbenen Kastellan Littauer sorgfältig geführten Listen über hervorragende Besucher der Neuen Synagoge hat Kaiser Wilhelm I. mehrmals, einmal in Begleitung seines Sohnes, des nachmaligen Kaisers Friedrich, die neue Synagoge aus Anlaß von Wohltätigkeitskonzerten besucht. Einem Simchas- Thora-Gottesdienst wohnte in Begleitung seines jugendlichen Sohlles, unseres jetzigen Kaisers Wilhelm II., Kaiser Friedrich als Kronprinz bei und sprach seine Anerkennung über empfangenen erhebenden Eindruck aus. Aus den Listen des Kastellans sind als Besucher der Neuen Synagoge noch der Großherzog von Baden, der Schah von Persien, Nassr ed din, Dom Pedro, damals noch Kaiser von Brasilien, der Prinz von Wales, ferner der Herzog von Eonnaught und zuletzt (aber wahrlich nicht als letzter!) der ehrwürdige Moses Mvntefio re zu erwähnen, der, auf einer nach Rußland im Interesse seiner bedrängten Glaubensgenossen unternommenen Reise, das damals neue und vielbesprochene Gotteshaus besichtigte. . . Aus eigener Anschauung und Ernmerung sei noch die in dieser schweren Zeit doppelt denkwürdige Erinnerungsfeier zum 50jährigen Besteheil des Deutschen Reiches erwähnt, bei der Rabbiner Dr. May bäum die Predigt hielt und die, nachdem er ein Gebet vor der heiligen Lade gesprochen, mit den Worten begann: „Seit Wochen geht es wie Frühlrngswehen durch die deutschen Gaue", eine Predigt, welche auf die zahlreiche Bersaimnlnng erhebend wirkte ilnd bei vielen noch heute in unauslöschlicher Erimlerung leben dürfte. Berlin, 5. September. Der Vorstand des Jüdischen Frauenbundes E. V. sendet uns das Protokoll seiner 2 3. S i tz n n g, die vor kurzem in Wilhelmshöhe stattgesunden hat. Die Tagesordnung, die 13 Punkte umfaßte, zeugt von der Rührigkeit des Jüdischen Frauenbundes und der zielbewußten Arbeit seiner Leitung. Die Sitzung wurde von Frau Dr. Frankl mit ungefähr folgenden Worten eröffnet: Unsere Arbeit hat uns in diesem Jahr öfter als sonst in Friedenszeiten zusammengeführt, und trotzdem haben sich schon wieder seit unserem letzten Zusammensein zwei bedeutsame Atomente in unserer Arbeit ergeben: 1. eine gemeinsame Reise nach Ostpreußen, 2. eine Reise nach Polen, über die Sie später ausführlicher hören werden, und aus denen Sie sehen, wie sehr die Arbeit des Jüdischen Frauenbundes an Ausdehnung und Würdigung gewonnen hat. Frau Dr. Frankl teilte ferner mit, daß das an der Gründung des Jüdischen Frauenbundes mit am Werke gewesene Vorstandsmitglied Frau Dr. Vogetstein (Stettin) sich anläßlich ihrer dauernden Behinderung, ben Vorstand ssihungen beiznwohnen, gezwungen sehe, ihr Vorstandsamt niederzulegen. Es wurde die Zuwahl der Frau Rabbiner Dr. V o g e l st e i n (Königsberg) in Aussicht genommen. Fräulein Pappenheim zeigte eine von dein Frankfurter Künstler Herrn Leo Horovitz entworfene Plakette, die Auffindung Mose darstellend, die zugunsten des Heims in Isenburg verkauft werden soll. Zn Punkt 3 der Tagesordnung ^Statutenänderung" wurde eine Kommission, bestehend aus Frau Jnstizrat Ollendorff (Breslau), Frau Justizrat Helene Meher (Stnrgard) und der Vorsitzenden, Fräulein Sidonie Werner (Hamburg), gebildet. Der den angeschlossenen Vereinen seinerzeit zngegangene Bericht IV über die Reise nach Ostpreußen wurde verlesen, die für dort angeregte ländliche Haushaltungsschule weiter besprochen und eine Kommission zur Schaffung einer solchen gewählt. In die Kommission, die die Entwürfe des „Bundes erwerbender jüdischer Frauen" vorbereiten soll, wurde Frau R o s e n b l a t t (Frankfurt a. M.) gewählt. Frau Henriette M a Y gab daun einen . Bericht über ihre Reise in die besetzten Gebiete des Ostens, ihren dreiwöchigen Aufenthalt in Lodz und Warschau, den sie hn All ft rage des H i l f s - Vereins d e r D e u t s ch e u I u d e n und für den I. F. B. genommen hatte. Frau May schilderte besonders die Arlstalten, die hier zum Wohle von Frauen lmd Kindern geschaffen sind und Frauen und Kindern dort zugute kommen, oder die sich mit „Mädchenschutz" und der nachgehenden Fürsorge befassen. Es sei besonders hervorzuheben, daß die polnischen Frauen seit langem tatkräftig an die Lösung dieser Fragen herangegangen sind, daß aber die Mittel für die Arbeit natürlich voll anderer Seite kommen müssen, und daß es große Mittel sind, die von dem Hilfsverein der Deutschen Juden (allch ans Anierika) staminen, die ihnen die Arbeit zunr Teil ermöglichte, anderenteils erleichterte. Sie schilderte das große Hilsslverk des Hilfsvereins der Deutschell Juden, der seit Kriegsbeginn 8 Millionen Mark nach Polen leitete, ein Hilfswerk, das noch stärker als bisher Interesse lllld pekuniäre Unterstützung aller Glaubensgenossen verlangt. Die Zerrissenheit Polens nach der konfessionellen wie nach der nationalen Seite erschwert jede soziale Arbeit. Bon jeder Gruppe, den Assimilanten, den Nationalisten, den Zionisten nsw., wird von neilem jede Arbeit ausgenommen ohne Zusammenhang mit Bestehendem, ohne Austausch gemachter Erfahrungen, ohne Zusammenschluß, der z. B. bei den Einkäufen für Volksküchen imb Massenspeisnngen dringend notwendig gewesen wäre. Trotzdeul ist vieles voll dem Bestehenden hoch anzuerkenllen: Arbeitsstnbeu für Mädchen, in denen sie Weißsticken, Strumpfweberei, Leinen-Handweberei, Krawattennähen, Blumenmachen nnb derartiges lernen, Handsertigkeitsunterricht