Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1916)
- Date
- 1916-09-08
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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432 -- Furchtlos trat baS Mädchen jetzt dicht zu ihm hin, um ihren Worten noch ein größeres Geivicht zu geben. „Jawohl," sprach sic: „Schmulikvf ist ein Jude, hier geboren und erzogen. Wir spielten zusammen als Kinder, und sein Vater war ein Flickschuster und wohnte im zweiten Hanse in der schmalen Gasse." „Ein Jude! Der Sohn eines Flickschusters!" brüllte er immer noch ausgelassen. „Das wird ja eine köstliche Neuigkeit für die reizende Komtesse Torakolv sein!" „Das wollte ich Ihnen sagen," sprach sie und schickte sich an, wieder zu gehen. „Ach, nein, Lied der Lieder," rief er übermütig, indem er sie an sich zog, „so darfst du nicht von mir gehen. Du hast mir einen großen Gefallen getan, darum darfst du es nicht in der Art tun, wie man einem Hunde einen Knochen hinwirft. Freilich war ich vorhin etwas ungehalten; aber dn darfst auch nicht so zimperlich sein. Mir liegt nämlich jetzt eine ganz faule Geschichte schwer im Magen. — Aber du wirst sehen, sobald ich diese erledigt habe, schicke ich dir Geld und lasse dich Nachkommen, und ehe drei Monate um sind, schaffe ich dir den schönsten Dragoner zum Mann." „Das ist sehr nett von Ihnen," sagte sic mit erzwungenem Lächeln, um seine Brutalität nicht noch mehr zn reizen, und ängstlich bemüht, ihre Entrüstung vor ihm zn verbergen. „Du brauchst dich gar nicht zu bedanken, Königin von Saba. Was ich verspreche, das halte ich auch. — Und nun will ich die gute Neuigkeit meiner Cousine nicht länger vorenthalten." Kaum uhu Malta wieder allein, als sie vor Scham und Ekel über sich selbst, fast ohnmächtig nach dem Gebüsch stürzte. Jetzt erst, nachdem es geschehen war, kam ihr ihr Verrat, ihre ganze erbärmliche, niedrige Gesinnung zum Bewußtsein. Nun hätte sie sich umbringen können. Sie glaubte ersticken zu müssen. Sie riß das Kopftuch von sich und, unter heiseren Wutausbrüchen, zertrat sie es mit ihren Füßen. Aber dieser Allsbruch dauerte nicht lange, lind bald warf sie wieder den Kops empor. Nein, es tat ihr nicht leid; gar nicht. — Hatte er sie nicht stets wie eine Fremde, ja wie einen Feind behandelt? Hatte er denn nicht auch ihr Herz, das unter seiner Pflege ein Blumengarten geworden wäre, mit Füßen getreten, zil einer elenden und öden Sandwüste gemacht? Nein, sie hatte keine Ursache, sich Vorwürfe zu machen — im Gegenteil, Loblieder müßte sie sich singen, daß sie eine solche Tat vollbracht: sie hatte ihr Gewissen mit dieser Niedrigkeit belastet, um zu zeigen, wieviel ihre verschmähte Liebe ihr wert war. — Und als wollte sie sich selbst beim Wort nehmen, brach sie jetzt in ein hysterisches Lachen aus . . . Karols Fröhlichkeit war viel ausrichtiger, wenn er es auch noch weniger demonstrativ zeigen wollte. Aber seine Augen stammten in boshafter Freude, sein Gang war federleicht, als fürchte er sich, den Gegner vorzeitig zu vernichten und sich dadurch den Hauptspaß zu verderben. Bald stand er vor Alma, die, wie sie ihm sagte, schon eine ganze Weile aus ihn gewartet hatte. „Wirklich?" fragte er mit einer gewissen Wollust. „Ja," erwiderte sie ruhig; „ich muß mich nämlich bei dir entschuldigen für ein Unrecht, das ich dir angetan. Als du am Nachmittag mit Krax nach der Laube gekommen warst, war ich der Meinung, daß du nur ausspionieren wolltest, wohin ich mit Gre . . . mit Herrn Schmulikvf gegangen war. Inzwischen aber habe ich erfahren, daß du nur einen Brief gesucht hast." „Hat er es dir gesagt?" „Nein. Ich erfuhr es durch die Gärtnersfrau, die mir den Brief, den sie zwischen den Sträuchern fand, brachte. Ich habe nun das Vergnügen, dir dein Eigentum wiederzuzustellen, wobei ich aber ans jeden Finderlohn großmütig verzichte." >' Karol erbleichte ein wenig, bemühte sich jedoch seinen Gleichmut zu bewahren. Er zerknitterte das Blatt, ohne es zu lesen. *=• „Ich danke dir recht schön, Eousinchen. Aber der Wisch pcrdicnt es wirklich nicht, daß du dich so sehr bemühst." „Sv? Mir schien er recht interessant zu sein." ' „Dann hast du ihn wohl gelesen?" rief er erregt. ‘ „Nur einen Teil." „Ein solches taktloses Benehmen hat dir wohl Herr Schmulikvf beigebracht? Seit wann gehört es denn zum guten Ton, fremde Briefe zu lesen?" „Mein lieber Karol, das war ein Unglück, vor welchem inan sich mit dem besten Ton nicht schützen kann. Ich will dir eine Erklärung nicht schuldig bleiben. Als die Frau mir den Brief gebracht hatte, las ich die Ueberschrift, ,Mein lieber Mann!' Ich glaubte natürlich nicht anders, als daß es ein Brief Mamas sei, den sie an Papa geschrieben, während er sich 'auf seiner letzten Inspektionsreise befand, und den er bei seiner ständigen Zerstreutheit verloren. Ich las den Inhalt, um den guten Papa gelegentlich zu necken. Aber je mehr ich las, desto unverständlicher wurde mir der Inhalt, der auf Sachen anspielt, die mir absolut unbegreiflich waren. Auf diese Weise, lieber Vetter, bin ich in deine Geheimnisse hineingestolpert, ehe ich noch wußte, daß es solche waren. Nun aber will ich dir allch meinen Glückwunsch zu dem Besitz einer solch interessanten Gattin abstatten und dir zugleich meine Freude ausdrücken, daß dein Töchterchen schon das erste Zähnchen so leicht bekommen hat." „Aber, Alma, ich gebe dir mein Ehrenwort, daß hier ein Mißverständnis vorliegt. Sie ist nämlich eine ganz verteufelte Here! Ich hatte sie nach Paris geschafft und ihr an einem Theater eine gute Stelle besorgt, was mich natürlich ein Heidengeld gekostet hat. Und nun ist sie dort ausgerückt und wieder nach Petersburg gekommen." „Aber sie spricht doch von dir als ihrem rechtmäßigen Gatten?" (Fortsetzung folgt.) Sprrchsss!. Auf die Ausführungen des Herrn Kollegen Dr. Rosenberg zur Inspektion des jüdischen Religionsunterrichts in Nr. 33 dieser Zeitung möchte ich folgendes erwidern: 1. Von einer einseitigen Behandlung dieser Frage in Nr. 28 dieser Zeitung kann man wohl nicht sprechen, denn gerade die Berliner Schut- Verhältnisse bieten den besten Belveis dafür, daß die Rabbiner nur . mit Rücksicht „auf die gefährdete Autorität die Inspektion abgelehnt .haben". 2. Tie religiösen Parteien sind einer Inspektion keineswegs hinderlich; das beweist die Inspektion des Religionsunterrichts, den die Lehrer erteilen. Auch die verschiedenen Richtungen im Christentum haben bisher eine Inspektion des Religionsunterrichts ermöglicht. 3. Auch die fehlende religiöse Oberbehörde rechtfertigt den Beschluß des Rabbinerverbandes nicht. Der Bericht über die stattgefundene 'Inspektion geht an die Vorgesetzte Behörde des Rabbiners — an den ..Gemeindevorstand. Dieser wird gern von einem erfahrenen Schulmann den Bericht über seinen Rabbiner entgegewnehmen-. Sind Mängel in dem Bericht festgestellt, so weiß auch der Gemeindevorstand, daß kein Meister geboren wird. 4. Die Inspektion besteht wesentlich darin, daß der zu Inspizierende angeregt wird, sich methodisch zu vervollkommnen. Auch die beste pädagogische Vorbereitung während der Studienzeit schafft nicht den fertigen Lehrer. Wäre die Inspektion aus Grund einer guten Ausbildung überflüssig, dann mühte sie zunächst für den Lehrer abgeschafft werden, denn dieser wird doch ausschließlich auf den Lehrberuf vorüber eitet. 5. Ju meinem Artikel steht nicht, daß der Minister im Jahre 1896 aus religiösen Parteigrüuden die Inspektion abgelehnt hat,, sondern aus verfassungsmäßigen Bedenken. Der Einspruch der Adaß-Jißroel- . Gemeinde ist 1912 erfolgt. Wie daraufhin der ablehnende Bescheid zustande gekommen ist, kann gegenwärtig nicht erörtert werden. Ein Rabbiner.