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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-08 · Heft 36 (8.9.1916) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 36 (8.9.1916)
Date
1916-09-08
Page
Seite 430 (sequence 10)
Language
German
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m and) zu untersuchen, ob Palästina ein Feld für die Einwanderung von großen Massen von Juden bietet. Ilm dies zu beurteilen, tut man gut daran, einen Blick auf die Vergangenheit der Judenheit in Palästina während des 19. Jahrhunderts zu werfen. Als Sir Moses Montefiore zum erstenmal nach Jerusalem kam, lebten dort nur 250 Juden")! Die Verwüstungen, die ein Erdbeben in Tiberias und Saffed angerichtet hatte, waren der Anlaß zu seiner Reise nach Palästina gewesen. Die Verfolgungen, denen die Juden in Rußland und der Türkei während der folgenden Jahrzehnte ausgesetzt waren, veranlaßten Montefiore, sich der mittlerweile stark angewachsenen jüdischen Bevölkerung Palästinas tatkräftig anzunehmen. Er und Baron Edmond de Rothschild erlangten auch vom Sultan die Ermächtigung zu Landerwerbungen. Während mm im Laufe der Jahrzehnte die jüdische Bevölkerung Palästinas auf etwa 1O0 000 Seelen anwuchs — genaue Statistiken fehlen hier wie überall in der Türkei —, gelang es kaum 9000 Juden auf dem Lande anzusiedeln, wo sie größtenteils ein gutes Auskommen haben. Demnach wohnt immer noch der bei weitem größte Teil der Juden in den Städten. Dort verrichten sie zwar alle Art von Arbeit, mühen sich redlich ab — trotzdem sind Tausende von ihnen auf die „Chaluka" (milde Spenden, die aus aller Herren Länder nach Palästina gesandt werden) angewiesen oder erhalten eine jährliche Unterstützung, die zwischen 10 und 30 Frank schwankt. ^Woraus erklärt sich nun dieses Mißverhältnis zwischen der jüdischen Bevölkerung in den Städten und ans dem Lande? Einer der Gründe dafür ist, wie oben erwähnt, der, daß sich die Juden nach ihrer ganzen Vergangenheit nicht sonderlich für die Landarbeit eignen; Handel, Gewerbe und Handwerk aller Art liegen ihnen näher. Sodann leiden sie unter der Konkurrenz der eingeborenen, kulturell inferioren arabischen Bevölkerung, die von den palästinensischen Grundbesitzern den jüdischen Lohnarbeitern immer mehr vorgezogen wird. Die zumeist in frühem Alter heiratenden Juden können, da sie eine — häufig recht zahlreiche — Familie miternähren müssen, den arabischen Landarbeitern auf die Dauer schlecht Konkurrenz machen"). Dazu kommt, daß die wegen ihres Glaubens verfolgten Juden gerade Jerusalem, die Stadt ihrer Urväter, aus religiösen Gründen auffudjen; gar manche von ihnen zieht es nach dieser Stadt, mtt* um dort nach einem wechselvollen Leben in Resignation dem Tode entgegenzugehen. Statt nun, was näher gelegen hätte, schon vor 50 Jahren anzufangen, die alteingesessene jüdische Bevölkerung, die mit den Verhältnissen des Landes vertraut war und ailch die Sprache der Einheimischen etwas kannte, richtig auf Stadt und Land zu verteilen, hat man, besonders unter zionistischer Fahne, neue Auswanderer nach Palästina gezogen; viele von ihnen verließen schon bald wieder das Land, in ihren Erlvartungen bitter getäuscht. Daß bei der jetzigen Berussverteilung die Lage der palästinensischen Juden während des Krieges, zu einer Zeit, wenn der Nationalismus über den Internationalismus die Oberhand gewinnt ltnb die Menschen in aller Herren Länder mehr als sonst mit jedem Heller und Pfennig rechnen müssen, sich sehr verschlimmert hat, ist ganz selbstverständlich. Ebenso klar ist es, daß das Land auch noch nach dem Kriege sich erst im Laufe vieler Jahre erholen kann. Wie würde sich aber die Lage der Juden dort gestalten, wenn statt, wie bisher, nur Hunderte oder Tausende jährlich auf Adler a. a. C. 5. 56. 15) Bgl. den Aufsatz „Jerusalems dritte Zerstörung" im „Israelit" 55. Jahrg., Nr. 49, 3. Dezember 1914. Dem anonymen Verfasser, einer bekannten Persönlichkeit, die in Palästina schon seit Jahren ansässig ist, verdanke ich vielfache Anregung und Belehrung in schwierigen Jragen, besonders auch manche statistische Angaben, die ich hier geinacht habe. einmal ein großer Teil der drei Millionen Ostjudeu nach Palästina auswanderte? Wo könnte diese Menschenmenge Unterkommen finden außer in einer hochentwickelten Industrie? Zwar versprechen die Ausdehnung des Bahnnetzes von Palästina und die Hafenbauten der Küste ein Aufblühen besonders der Städte, doch würde dies in erster Linie dem Import von Waren förderlich sein, nicht aber direkt ihrer Herstellung im eigenen Lande; denn nur eine gutentwickelte Industrie kann heutzutage mit dem Import europäischer Waren erfolgreich konkurrieren. — Uebrigens sollte man auch zur Diskussion stellen, ob die palästinensischen Juden selbst einen Massenzuwachs wünschen. Jedenfalls haben sie schon jetzt durch den Krieg — wie alle daran Beteiligten — so gelitten, das; gar viele von ihnen nach Friedensschluß wieder von vorn anfangen müssen. DerReferent des „Frankfurter Israelitischen Familienblattes" meint auch, daß Philippsons Ansichten die Bestrebungen Deutschlands, die auf eine „wirtschaftliche Regenerierung" der Türkei zielen, durchkreuzen. Es kommt meines Erachtendarauf an, wie man sich diese wirtschaftliche Regenerierung denkt. Entweder wünscht man sie durch Zuführung großer Volksmengen aus Deutschland herbeizuführen oder durch Einführung von Reformen, besonders auf dem Gebiete der Verwaltung und des Erziehungswesens. Ich glaube, daß bie Regierungen im neugeordneten Europa kaum ernstlich daran denken werden, nach dem Kriege, der schon so große Opfer an Menschenleben gekostet hat, Auswanderungen zu fördern. Viel eher scheint es mir möglich, eine Besserung der Verhältnisse im vorderen Orient durch die Einrichtungen von Schulen, Universitäten, technischen Hochschulen usw. herbeizuführen — das ist es auch, was die Türkei vielfach von um Deutschen fordert. Es gilt vor allem das niedere Schulwesen, das vor dem Kriege noch größtenteils in den Händen unserer Feinde lag"), durch die Begründung von Hunderten von deutschen Schulen deutschen Einflüssen zugängig zu machen. Als nüchterner Betrachter der Verhältnisse Vorderasiern wird man wohl zu dem Schlüsse kommen, daß, ehe eine Abwanderung von Millionen Juden dorthin erwogen werden kann, die Vorbedingungen dazu noch gründlich geprüft werden müssen. Wenn man jetzt für jüdische Arme Geld sammelt, denke man zuerst nach über die edlen Mahnrufe Montefiore^ und darüber, daß ihre Nichtbefolgung bzw. Ablenkung durch die Zionisten ein großer Fehlgriff gewesen ist.- Statt neue Judenmassen nach Palästina zu ziehen, sollte man lieber für ein gutes Vorwärtskomwen der dort befindlichen Juden Sorge tragen. Durch den Ausbau der Volks-, Handwerker- und Ackerbauschulen sollte man ihnen Gelegenheit bieten, sich emporzuarbeiten, da sie nur als gelernte Arbeiter über die zumeist kulturell tiefer stehende einheimische Bevölkerung den Vorrang gewinnen können. Denn das Elend, das unter den Juden auch in den Großstädten Englands und Amerikas herrscht, ist größtenteils darauf begründet, daß ungelernte Arbeiter schwer vorwärts kommen können. Statt also jetzt große Geldsummen für die Auswanderung von Juden aus Westrußland zu sammeln, erscheint es mir rationeller, dieses Geld dafür aufzuwenden, das vorhandene wertvolle Menschenmaterial dem Lande selbst, das jetzt einer neuen Zukunft entgogensieht, zu erhalten. In meinem obigen Ueberblick über die Geschichte der zionistischen Bewegung habe ich die Ansicht ausgesprochen, daß die Mehrheit der Zionisten in dem Augenblick, als die Idee einer Kolonisationstätigkeit in Ostafrika austauchte, dagegen heftige Oppositionspolitik betrieben hat, weil das politischlB) Vgl. u. a. den in der Fußnote 6 erwähnten Artikel von Klötzel.

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