Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1916)
- Date
- 1916-09-08
- Page
- Seite 429 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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genötigt sah, ihm (1845) eilten Urlaub für ein Jahr zu erteilen, der eigentlich eine Entlassung war. Erst im Jahre 1852 erhielt er auf Verwendung des Prinzen Jerome Napoleon eine Anstellung an der Bibliothek des Arsetials, die wohl ttur eine Sinekure war. Aber er blieb dort nicht lange. Der Dichter und Professor ward ganz Politiker und eifrig tätiger Patriot. Er war schon 1848 nach Italien gegangen und hatte mit sehr geringem Erfolg gesucht, eine polnische Legion zur Unterstützung der Italiener im Kampfe gegen Oesterreich zu bilden, aber erst im Krimkrieg konnte er für die Bildung einer solchen mit einiger Aussicht auf Erfolg wirken. Die französische Regierung erwartete viel von der Mitwirkung eines bei den Polen so angesehenen Dichters und Patrioten, wünschte auch den Einfluß ihrer englischen Alliierten auf diese einzuschränken. Sie schickte daher im Herbst 1855 Mickiewicz, einige Monate nach dem Tode seiner Frau, nach der Türkei mit dem, wohl aus Rücksicht auf die Engländer, plausiblen Auftrag, dort die Zustände des Unterrichts, der Bibliotheken, Literatur usw. der christlichen Völker zu studieren. Aber unser Dichter beschäftigte sich dort wenig oder wahrscheinlich gar nicht mit Unterricht und Literatur, vielmehr mit der Bildung einer polnischen Freitvilligenlegion in türkischen Diensten, zum Kampfe gegen Rußland. Der Jude Armand Lewy, der mit ihm von Frankreich gekommen war und unter den gefangenen russischeil Soldaten einen Glaubensgenossen gefunden hatte, der in türkische Dienste getreten lvar, meinte nun, daß man ein ganzes jüdisches Regiment zusammenstellen könnte, und Mickiewicz fand diese Idee vortrefflich. „Kommen wir mit ihnen dann nach Polen," sagte er, „so könnten wir nach und nach eine und die andere Judengemeinde dafür gewinnen, und dies würde auch die Bauern fortreißen, denn sie halten die Juden für ungemein gescheit". Er wendete sich an den jüdischen Bankier Camondo in Kvnstantinopel, der das Projekt Reschid Pascha vorlegte. Dieser nahm die Sache gut aus, aber der Kriegsminister war dagegen, „denn," meinte er, „wir wollen alle Untertanen des Snltans amalgamieren und nicht nach Konfessionen gruppieren". Während die Unterhandlungen darüber geführt wurden, erkrankteMckiewicz an der Cholera und starb am 26.November. Ein Brief Lewys, der bis zum letzten Moment bei ihm war, an seine Familie, gibt ausführlichen Bericht über Krankheit und Tod. Der Politiker und Mann der Tat ist ans der Höhe seines Wirkens gestorben, aber der Dichter lebt fort und ist unsterblich. Wir werden daher hier ausführlicher von seinen Dichtungen als von seinen Handlungen reden. Mickiewicz hat mehrere sehr schöne poetische Erzählungen, Balladen und andere Dichtungen verfaßt, aber für sein Verhältnis zu den Juden ist gerade sein Meisterwerk „Der Herr Thaddäus oder Der letzte Einritt in Litauen" das wichtigste und jetzt, da die Deutschen in Polen und Litauen, von polnischen freiwilligen Mitkämpfern begleitet, e i n t e i t e n, auch von, es sei der vulgäre Ausdruck erlaubt, aktuellem Interesse, geht doch seine Handlung zur Zeit des Einmarsches der großen Armee Napoleons in diese Länder vor sich. Das Thema erinnert einigermaßen an Goethes „Hermann und Dorothea", ist aber viel bedeutender und großartiger. Die großen Ereignisse treten nns hier näher, eine größere Anzahl tätiger, interessanter Personen lernen wir kennen, und ihr Schicksal hängt mit den großen Weltereignissen zusammen. Aber hier wie dort, im deutschen Epos, das mit dem Einbruch des französischen Revolutionsheeres in Deutschland, und im polnischen, das zwei Jahrzehnte später mit dem Eindringen der großen Armee Napoleons in Rußland beginnt, ist es das allgemein Menschliche, das uns ergreift. Beide Epen erscheinen uns fast als Vorbilder der Vorgänge der Gegenwart. Im polnischen treten die Franzosen als Befreier von der drückenden Russenherrschaft auf, im detüschen handeln die Franzosen, die angebliche» Befreier, wie jetzt die Russen: „Und es praßten bei uns die Obern und raubten im großen, Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen."9) Aus diesem Allgemeinen müssen wir uns aber begnügen, hier das speziell Jüdische hervorzuheben, das merkwürdigerweise, unter der großen Menge von Polen, Russen und Deutschen, von einem einzigen Juden, von diesem aber würdig repräsentiert wird. Aber dieser „Areudar" (Schänker und Pächter) I a n k i e l ist kein Handelsmann, kein „Faktor", wie man den jüdischen Vermittler und Agenten in Polen zu nennen pflegt. Er ist auch Künstler und Patriot, beim Gutsherrn und Sedzia (Richter) sowie bei anderen Polen beliebt. Es ist charakteristisch, daß einmal gesagt wird: „Jankiel hatte Zofia (Sophie), die Gutsherrntochter, gern", und sie wieder hochschätzte den Men Juden. Seit Jahren führt dieser Gutsherr Prozeß mit seinem Nachbar, dem Grafen Hvreszko, und jeder von ihnen hat seine Anhänger, zwischen denen es zu blutigem Streit kommt. Einmal versucht Jankiel zwischen den Parteien Frieden zu stiften und hält vor ihnen eine lange Rede, in der er sie vor der drohenden Einmischung der Russen warnt, die Kit Soldaten, Richtern und Kerkermeistern auf die Gelegenheit warten, über die Polen herzufallen. „Und was die Franzosen betrifft, so sind sie noch recht weit; ich bin ein Jude und verstehe nichts vom Kriege, aber, wie ich in der Stadt von anderen Juden hörte, kann ihre Armee nicht vor dem Frühjahr hier eintreffen: wartet also bis dahin, der Graf und der Richter laufen euch ja nicht davon." Schließlich hat er noch ein besseres Argument: „Meine Frau Sara hat mir heute ein Knäblein geschenkt, und ich lade euch alle zu einem guten Trunk ein; auch für Musik ist gesorgt, zwei Violinen, Baß und Zimbal und meine Bachurlein können fein singen, neuer Maznr und alter Met sollen nicht fehlen." Er ist nahe daran, mit diesen Lockmitteln Frieden zu stiften, aber ein hitziger Parteimann und Störsried ruft ihm zu: „Jud, mische dich nicht in unsere Angelegenheiten, stecke nicht den Finger zwischen Tür und Angel" und jagt ihn fort"). Schließlich ziehen sie doch alle ins Wirtshaus und lassen sich Met, Bier und Branntwein gut schmecken. (Fortsetzung folgt.) Die Milche fluswanderung, Palästina und das Nttjudenproblem. Von Marc Eber. III. ährend die Ansichten des Referenten des „Frankfurter Israelitischen Familienblattes" von denen Philippsons vollständig divergieren, schließen die Deduktionen Philippsons keineswegs eine Aburteilung der Ideen der Paquetschen Richtung aus. Es ist selbstverständlich, daß ein Mann wie Philippson auch die bisherigen Erfolge der Kolonisationstätigkeit in Palästina gut kennt, was der Referent des „F. I. F." in Zweifel zu ziehen versucht. Es ist aber vor allem 2) Mit Gutsagung breche ich hier das Zitat ab, das im Bilde der Vergangenheit die Gegenwart malt, aber zu meinem jetzigen Thema nicht gehört. *) Nur einmal (in Gesang VIII) entwischt dem Dichter etwas Anti semitisches, wo er die Hilferufe Zofins mit denen eines von Inden gepeinigten Kindes vergleicht.