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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-08 · Heft 36 (8.9.1916) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 36 (8.9.1916)
Date
1916-09-08
Page
Seite 428 (sequence 8)
Language
German
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428 z u einer Entscheidung und gaben der sicheren Hoffnung A u s d r u ck, daß ihre Berichte von den in Kürze e i n z n ö e r u fo n dc n Körperschaften, die sie vertraten, g e n e h m i g t lv c r d c n \v i't r d e lt." Nicht nur für die amerikanische Iudenheit, sondern für die Iudenheit der ganzen Welt ist es von höchster Bedeutung, daß auf diese Weise eine Einigung in der Kongreßfrage zustande gekommen ist. * Wie sehr die Gemüter in Amerika nach den mehrtägigen, zum Teil mit großer Schärfe geführten Verhandlungen erregt waren und mit welcher Spannung das Ergebnis der Sitzung des Friedens- (onritees erwartet wurde, zeigt folgendes kleines Stimmungsbild, das wir der New Jorker jüdischen Tageszeitung „Die Wahrheit" entnehmen: „In der Zeit, in der das Friedenskomitee seine Sitzung hinter verschlossenen Türen abhielt, versammelten sich in anderen Räumen der Aeolian Hall die Mitglieder des „Kongreß-Exekutivkomitees" und der „Konferenz der amerikanisch-jüdischen nationalen Organisationen". Jedes Komitee faß in einem besonderen Raume, und durch eine Wand waren die Vertreter verschiedener Weltanschauungen und Richtungen im Iudeutume getrennt, die doch zusainmrengelömmeu waren mit i>em tiefen Wunsche, sich in einer Zeit des nationalen Unglücks zu vereinigen. Die Stimmung unter den Delegierten in beiden Zimmern war eine ernste. Es wurde wenig gesprochen. Man schwieg und blickte immer wieder nach dem Zimmer, in welchem sich das Friedenskomitee eingeschlossen hatte. In aller Augen lag die Frage: Wird von dort Frieden für uns kommen oder werden wir auch jetzt Weggehen als Angehörige zweier feindlicher Lager und wird die Wand, die uns jetzt trennt, niemals fallen? Die Stunden rückten vor. Es war' schon elf Uhr, uub viele loa reu unruhig, weil sie annahrnen, daß das Friedenskomitee nicht zu einer Einigung kommen würde. Plötzlich Hort man Schritte. Die Tür öffnet sich, und herein treten Eolonel Cutler, der Vorsitzende des Friedenskomitees, und dessen Mitglieder. Alle stehen auf. Jeder ist gespannt. Man versucht iu den Gesichtern der Komiteemitglieder zu lesen. Und noch ehe der Vorsitzende seinen Bericht erstattet, sieht man schon au ihren abgespannten, aber freudigen Gesichtern und tl)ren glücklich-strahlenden Augen, daß die Einigung erzielt ist. Das Komitee erklärt, daß beide Parteien zu einer Verständigung gekommen sind imb daß, obschon die Einzelheiten der Einigung und die Einzelpnnkte, ans denen das Kompromiß beruht, noch nicht bekanntgegeben werden sollen, die angenommene Einigungsbasis eine derartige ist, daß beide Parteien sie als Sieg für ihre Prinzipien betrachten können. „Das ist der glücklichste Tag unseres Lebens," hörte man von den Vertretern beider Richtungen, „der heutige Tag ist ein historischer!" Und Männer, die zuvor mit Erbitterung gegeneinander gestritten hatten, drückten sich herzlich die Hand und wären sich fast um den Hals gefallen. Die angenommene Einigungsbasis muß noch von den beiden Exekutivkomitees gutgeheißen werden; niemand zweifelt aber daran, daß dieses geschehen wird, und man glaubt, daß beideOrganisationen sich unter dem Namen „Jüdisches Kongreszkomitee" vereinigen werden." *** Dolnilche und rulükche Dichter und Erzähler über Juden. Von 3)t. Marcus Landau, Wien, ie Mehrzahl der Juden lebt jetzt in Rußland und Galizien zwischen Russen, Polen und Ukrainern, deren gemeinsamer, mehr oder weniger starker Gegensatz zu den Juden —- wir wollen das abgedroschene Wort Antisemitismus nicht gebrauchen - durch den von Pfaffen geschürten konfessionellen Haß verstärkt wird. Es ist nun eine die Regel leider bestätigende Ausnahme, daß sich Toleranz, Gerechtigkeit, ja mitunter sogar Wohlwollen für die Juden und Anerkennung ihrer guten Eigenschaften wenn nicht eben bei den höheren Klassen, doch bei vielen hervorragenden Dichtern und Dichterinnen der genannten Völker findet. Ich glaube daher, daß es von Nutzen wäre, unsere Glaubensgenossen, zu deren guten Eigenschaften auch die Dankbarkeit gehört, mit diesen Persönlichkeiten besser bekanntzumachen. Ich will, indem ich sie den Lesern vvrstelle, nicht die chronologische, sondern die nationale Anordnung beobachten und beginne mit dem größten, vielleicht judeiifreundlichsten Dichter der Slawen, mit A d a in M i c k i e w i c z. Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß er seine Jugend in Orten verbrachte, die jetzt der Schauplatz gewaltiger, blutiger Kämpfe sind, und daß die Sehnsucht seines Lebens, ein freies Polen, für das er gekämpft und gelitten hat, der Erfüllung nahe zu sein scheint. Am 24. Dezember 1798 in einem Dorfe bei Nowogrodek in Litauen als zweiter Sohn eines wenig bemittelten adeligen Advokaten geboren, studierte er auf dem Gymnasium zu Nowogrodek und dann von 1815 bis 1829 an der Universität Wilna, die noch damals ganz polnisch war und an der dreißig Jahre früher ein Deutscher, der berühmte Adam Georg Förster, Naturgeschichte vorgetragen hatte. Sie ist der Russisiziernng nur dadurch entgangen, daß sie, nachdem viele Studenten und Professoren verfolgt worden waren, im Jahre 1832 von Zar Nikolaus aufgehoben wurde. Mickiewicz aber war schon 1820 zum Professor der polnischen und lateinischen Literatur am, wie es scheint, damals noch polnischen Gymnasium in Kowno ernannt worden. Im Jahre 1824 wurde er nach Entdeckung einer geheimen Verbindung polnischer Studenten gelinder als andere behandelt und nur strafweise nach dein Lyzeum von Odessa versetzt. Er bezog das Gehalt als Professor, hatte aber keinen Unterricht zu erteilen. Zwei Jahre später ging er nach Moskau, wo er sogar eine Anstellung in der Kanzlei des Generalgouverneurs erhielt. Die Polen wurden bis zur Revolution von 1830 von der russischen Regierung noch ziemlich gelinde behandelt. Alan scheint gedacht zu haben, sich ihrer, trotz der Heiligen Allianz, gegen Preußen zu bedienen. Aber für Mickiewicz begann der Aufenthalt iur Stiefvaterlande immer unerträglicher zu werden. Er erbat und erhielt 1829 die Erlaubnis zu einer Reise ins Ausland „zur Herstellung seiner Gesundheit". Die Erlaubnis wurde bald zurückgezogen, glücklicherweise als er sich bereits eingeschifft hatte, und er hat das heilige Rußland nie wieder betreten. Er bereiste 1829 und 1830 Deutschland, die Schweiz und Italien. Am 18. August 1829 traf er in Weimar ein, wo er sich einige Wochen aufhielt und von Goethe und der dortigen Gesellschaft sehr gut ausgenommen wurde. Der Dichterfürst ließ sein Porträt von Schmeller für seine Sammlung malen'). Erst nach der Niederschlagung des polnischen Aufstandes von 1830, an dem er sich nicht persönlich beteiligte, gelangte er im April 1831 an die Grenze seines Vaterlandes, das er begreiflicherweise nicht mehr betrat. Er ging, wie die meisten der am Ausstande Beteiligten, nach Paris, wo er sich trotz seiner Armut am 22. Juli 1834 mit Celine, der Tochter der von Goethe hochgeehrten Virtuosin Maria Szymanowska vermählte. Seine Lage verbesserte sich erst, als er im Jahre 1839 die Professur der lateinischen Literatur in Lausanne und ein Jahr später die der slawischen Literatur am College de France in Paris erhielt; letztere nicht ohne Opposition eines gelehrten Kammerdeputierten, der die russische, polnische, ungarische (!), dalmatinische und steierische (!) Literatursprache als Dialekte der slawischen erklärte. Aber politische und religiöse Einschaltungen in Mickiewiczs Vorträgen erregten wieder lebhafte Opposition gegen ihn, so daß der Unterrichtsminister sich y Ich weiß nicht, ob die ausführliche Schilderung dieses Besuchs in der französischen Biographie Mickiewicz' von seinem Sohne Ladislaus (Paris 1888) den deutschen Goethe-Forschern bekannt ist. Da ich ein solcher nicht bin, muß ich mich mit diesem Hinweis begnügen.

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