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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-08 · Heft 36 (8.9.1916) · p. Seite 425

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 36 (8.9.1916)
Date
1916-09-08
Page
Seite 425 (sequence 5)
Language
German
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425 Rußland müssen die Bestrebungen der russischen fortschrittlichen Parteien betreffend Polen unterstützen. „Dziennik Kijewsti" vom 11. August zitiert einen Brief Zobotinstijs an die Redaktion der „Times", in welchem der Vorschlag getnacht wird, daß man aus den inEn g l a u b wohnende it russis ch e it I n de n e i ne besondere Le g i o it errichte und dieselbe ain S u e Z k a n a l verwende. Der Schreiber erinnert daran, daß dank feinen Bemühungen eine jüdische Legion, aus ägyptischen Juden zusammengesetzt, bei Gallipoli gekämpft h a t und vom Obersten Patterson in seinem Buche „Mit den Zionisten in Gallipoli" wegen ihrer Tapferkeit belobt wurde. # Die folgenden verschiedenen Zeitungen entnommenen Nachrichten mögen ohne weiteren Kommentar hier aneinandergereiht werden: Die russischen Juden in England. Haag, 29. August. „Reuter" meldet aus L o u d o n : In der neutralen Presse sind Gerüchte erschienen, wonach die englische Regierung auf Ersuchen der russischen Regierung mehrere Schiffsladungen russischer Juden nach Rußland zurückgesandt habe, wo sie Militärdienst tun sollen. Man spricht von 300 000 Juden: 25 000 sollen schon in Archangelsk angekommen sein. „Reuter" hört von befugter Seite, daß die russische Negierung von der englischen nicht die A u s l i e f e r u n g r u s s i scher U n t e r - tanen, ob jüdischen oder anderen Glaubens, die in England wohnen, verlangt hat. Auch ist kein Schiff mit Juden nach Archangelsk unterwegs oder dort bereits angekommen. Kein einziger russischer Untertan ist gegen seinen Willen gezwungen worden, England zu verlassen, utn in Rußland Militärdienst 311 tun. Die russischen Untertanen int dienstpflichtigen Alter (es kommen etwa 25 000 bis 30 000 in Frage) können sich jedoch freiwillig dem englischen Heere zur Verfügung stellen. Die lieben russischen .Juden ft ix England. Die „Libre Parole" vom 17. August beglückwünscht England 311 dem Entschluß, die flüchtigen russischen Juden entweder an Rußland auszuliefern oder in das englische Heer einzustellen, und hofft, daß Frankreich dem Beispiel folgen werde. Wenn die Russen aus Wladiwostok kämen, um in Frankreich zu kämpfen, sei es sinnlos und ungeheuerlich, daß russische Untertanen, die in Frankreich lebten, von jeder Militärpflicht frei blieben. Man möge ihnen die Wahl lassen, ob sie in das russische oder französische Heer eintreten wollten, denn es könnten ja politische Flüchtlinge unter ihnen sein. Leider seien aber noch mehr gemeitre Verbrecher unter ihnen. Frankreich habe diese Flüchtlinge, selbst die anarchistischen Verbrecher, tticht ansgeliefert, aber wenn diese die französische Gastfreundschaft so hoch schätzten, so hätten sie auch die Pflicht, Frankreich 31t verteidigen. Unterließen sie es ans Feigheit oder Selbstsucht, so müßten strenge Maßregeln gegen sie ergriffen werden. Stockholm, 29. August. Aus Petersburg wird gemeldet, daß der „Gazetta Polska" zufolge die russischen Regiernngskreise eine Reform der Gesetzgebung über die Rechte der Juden als nicht aktuell bezeichnen. Die jüdische Frage habe bisher das Gebiet der rein akademischen Diskussion nicht verlassen und sei noch nicht geklärt. Die Frage der Erlaubnis für die Juden, Grtmdbesitz in Rußland ztt erwerben, scheide von vornherein aus. Ein n e tt t r a l e s Urteil über die Z u st ä n d e i nt besetzten Russisch-Polen. Berlin, 30. August. Im Aufträge des Dänisch-jüdischen Hilfskomitees für die notleidenden Juden hat der Großhändler Alfred Heymann ans Kopenhagen vor kurzem das von uns besetzte Russisch-Polen besucht. Seine in der „Nationaltidende" und im „Politiken" über diese Reise veröffentlichten Eindrücke geben Zeugnis von der freudigen Ueberraschung eines Neutralen, der anstatt räuchertder Trümmerhaufen, verwüsteter Städte und menschlichen Jammers in den besetzten Landesteilen nichts anderes als Ordnung, Wohlfahrt, n e tt erwach t e s W i r ts cha f t s l eb e tt u n d Z tt - s r i e denheit vorfand. Er ist im besonderen des Lobes voll über die zahlreichen wohltätigen Einrichtungen, Heime, Hospitäler, Speiseanstalten zugunsten seiner jüdischen Glaubensgenossen-und deren Kinder. Er hat die von dem Gener-algonverneur getroffenen wirtschaftlichen Einrichtungen in der Lebensmittelversorgung, die Tätigkeit der Hilfskomitees, die Maßnahmen der Zivilverwaltung in den Städten geprüft und schildert in Worten größter Anerkennung das Ergebnis, ttnt schließlich auf die „unbeschreibliche Fruchtbarkeit" des Bodetts und die zu erwartende glänzende Ernte hinztlweisen. Wie Deutschland sich um das Wohl der Bewohner der besetzten Landesteite ernstlich ttttb mit Erfolg bemüht hat, ist in Deutschland bekannt. Die uns hier zuteil gewordene sachliche Anerkennung eines unvoreirtgeuoinm-enen Dänen wird int neutralen Ausland ihre Wirkung nicht verfehlen. Russische Judenverfolgungen in Galizien. Die nette rttssische „Verwaltung" der besetzten Teile von Galizien hat, tute ein Stockholmer Bericht nteldet, damit begonnen, womit die unselige Bobrinskische „Vertvaltnug" Galiziens vor Jahresfrist bei Austreibung der Russen abgeschlossen hatte, nämlich mit eitter abermaligen Versagung der Juden aus den okkupierten galizischen Ortschaften. Tie russische Regierung verfährt dabei außerordentlich human: sie hat nämlich dem jüdischen Wohltätigkeitskomitee zu Kiew, w'.e mir vott dort berichtet wird, anbesohlen, „für die aus dem besetzten Galizien auszuweisenden Inden Arr-esthäuser auf Kosten des Komitees, aber unter polizeilicher Attfsicht einzurichten". Die russische Regierung ist aber freundlich genug, das jüdische Hilfskomitee 31t Kiew damit Zu tröstett, daß die etwas sonderbaren „Arrestanten" in dett Kiewer Arrestantenhäusern nicht allzu lange bleiben würden! Mau gedettke sie nämlich nach einiger Zeit weiter nach Sibirien abzuschieben. # Amerikanische Blätter kommen — soweit sie dem englischett Postraub entgehen — mit großer Verspätung hier an. Die letzten hier eingelangten amerikanisch-jüdischen Zeitttngen geben ein Bild von dem geradezu heldenhaften Widerstand, den die führenden Persönlichkeiten der amerikanischen Judenschaft gegen die Versuche der ententesreundlichen amerikanischen Finanziers, die Juden zur Beteiligung an der russischen Anleihe zu veranlassen, entgegensetzten. Das ablehnende Verhalten des Jacob H. Schiff, des Chefs der Firma Loeb, Kuhn u. Co., wurde wiederholt verzeichnet. Heute liegt uns ein Brief vor, den der Präsident des „American Jewish Committee", Rechtsanwalt Lotlis M a r s ch a l l, aus eine Einladung des Finanzkomitees, sich an der Aufbringung einer Anleihe von 50 Millionen Dollar an Rußland zu beteiligen, an das Komitee richtete. Die Antwort entspricht der Zumutung, die an die Juden gestellt wurde. Sie lautet: „Ich lehne es ab, die mir dargevotene Gelegenheit ztt ergreifen, dentt wenn ich es täte, so stünde das, meiner Meinung nach, nicht int Einklattge mit meinen Pflichten als a nt e r t k a tt i s ch e r Bürger. Ich bin vielmehr der Meinung, daß Sie und Ihre Genossen ixt der Anleihe durch Ihren Schritt bewiesen haben, daß es Ihnen an „Patriotisrnus" mattgelt." Marschall rekapituliert die Geschichte der Kündigung des russisch-amerikanischen Handelsvertrages, dessen Erneuerung bekanntlich daran scheiterte, daß Rtkßland die Gleichberechtigung „gewisser amerikanischer Bürge r" mit den übrigen Amerikanern tticht anerkennen wollte, und weist darauf hin, daß sämtliche politischen Parteien der Vereinigten Staaten gegen die Haltung Rußlands Stellung nahmen, und zieht daraus den Schluß: „Es fiel mir schwer, ztt glauben, daß es irgendeinen amerikanischen Bürger mit Selbstachtung geben könne, der so wenig Rücksicht nimmt auf die Ehre seines Landes, auf den Stolz der amerikanischen Bürgerschaft und auf die Achtung, mit welcher andere Rationen derselben zu begegnen verpflichtet werden müssen, daß er in Handelsbeziehungen trete mit einem Staate, mit welchem unser Volk den Vertrag gelöst hat ans Gründert, welche bei jedeut rechtlich denkenden Menschen Zustimmung gefunden haben. Ihre und Ihrer Genossen Handlung ist eine Beleidigung für nufer Volk, ein nicht geringeres Verbrechen, das diejenigen begehen, welche sich mit einer auswärtigen Macht verbünden, um unser Land zu erniedrigen. Durch Ihre Handlung haben Sie Rußland in Dem Glauben bestärkt, daß es unsere Regierttng tticht ernst und aufrichtig meinte, als sie die Forderung stellte ttnd darauf bestanden hat, daß die amerikanischen Bürger, ohtte jeden Unterschied, in gleicher Weise behandelt werden, weil auch wir keine Klassenunterschiede in unserer Bürgerschaft machen. Sie führen ein falsches Spiel mit dent Willen des amerikanischen Volkes mtd vergewaltigen seine gewissenhaften tteberzeugungen.

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