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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-08 · Heft 36 (8.9.1916) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 36 (8.9.1916)
Date
1916-09-08
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
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423 und der Griechen haben ihre Größe auf ganz anderem Gebiet." Jakob ist ihm natürlich kein sittliches Borbild. „Der Israelit freut sich der größeren Schlauheit seines Abbilds gegenüber den Vertretern der Aramäer und der Edomiter. Ganz kann auch hier der Israelit seine religiös-sittliche Natur nicht verleugnen. Die Geschichte von der Himmelsleiter ist und bleibt religiös wertvoll, und daß sogar der Volksfeind Esau nicht nur ein großer Tölpel ist, sondern sich gegenüber dem schlauen Bruder am Ende besonders edel zeigt, müssen wir als besonderen Hochsinn des israelitischen Volksgeistes beurteilen!" „Wer sagt uns denn, daß wir alle Persönlichkeiten der Bibel als Musterbilder der Frömmigkeit hinstellen müssen?" Er will, wie das auch andere Methodiker empfehlen, zeigen, wie Jakobs Charakter sich läutert. Tögel ist im allgemeinen frei von jenem ängstlichen Bestreben, jede Höhe jüdischer Anschauung mit der eigenen Religionsausfassung künstlich überhöhen zu wollen und ständig auf das „Unterchristliche" im Judentum hinzuweisen. Bei dem echten Gefühl für religiöses Leben, das dem Verfasser eignet, fehlt ihm auch glücklicherweise jene überhebliche Anschauung, die man mit dem sachlich unberechtigten, aber in christlichen Kreisen üblichen Worte „pharisäerhaft" nennen muß. Bei der Betrachtung des Treubruchs (Jeremia 34, 1 bis 22) merkt er an: „Der Lebensmittelwucher im Weltkriege trotz der sittlichen Erhebung des deutschen Volkes aus den herrlichen Augusttagen 1914 gibt zu denken!" — „Von jetzt an können wir statt Jahwe ruhig Gott sagen, denn die Gottesanschauung des Amos ist der unseren genügend nahegerückt." Auch Tögel kann es sonderbarerweise nicht unterlassen, bei Psalm 137, 7 bis 9 in allerdings milder Weise auf die Distanz der besten Schichten des Volkes der Religion vom Geiste Jesu hinzuweisen. Immerhin fügt er hinzu: „Aber wir wollen die Judäer in Babylonien nicht härter beurteilen als die Deutschen, denen Ernst Lissauers Haßgesang gegen England au§ der Seele gesprochen war. Die Gefühle des Ostländers sind heißer und wilder als die unseres Volkes und doch nur gradweise verschieden von denen unseres Dichters. Wenn wir an die Engländer der Gegenwart denken, die mit Niedertracht und Lüge einen gemeinen Krieg gegen die deutsche Tüchtigkeit führen, verstehen wir die Gefühle des Psalmsängers." — Zu Jeremia 31, 31 bis 34 bemerkt er: „Sicherlich schildert Jeremia eine Höhe der Religion, die nicht überboten werden kann." — Jes. 9, 2 berechtigt den Autor nicht zu sagen: „Noch Jesaia rechnet es zu den herrlichsten Freuden im Menschenleben, wenn man Beute teilt." Jesaia spricht von Frenden des Volkes, wie sie Tögel auch hellte noch wahrnehmen kann. Ebenso unberechtigt ist es, von Jesaia zu behaupten, daß er Mitleid mit den verdorbenen Volksgenossen noch nicht kenne (S. W). Nach einer trefflichen Charakteristik des Zehn-Worte-Gesetzes meint er: „Das zehnte Gebot deutet schon mit schüchternem Finger in eine Zlckunft, in der Christus nicht nur die Taten, sondern die Gesinnungen zum Maßstab der Frömmigkeit gemacht hat. Freilich ist noch ein langer Weg bis zu der kurzen Zusammenfassung unserer Worte in die ewig letzte Form aller Religion: Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Aber es ist schon etwas Großes, auf dern Wege zur Weltreligion zu sein." Man braucht dagegen nichts zu sagen, wenn man weiß, daß diese „letzte Form" in unserer alten Bibel selbst gegeben ist. In dem Bestreben, die Darstellung lebendig und eindringlich zu gestalten, werden im Texte manchmal Vergleiche und Hinweise gegeben, die doch besser fehlen könnten. Bei Jeremia am Pranger: „Wir verstehen es, wie hart Bismarck seine Absetzung empfand, und hier wurde der größte Sohn seines Volkes unendlich viel schmachvoller behandelt!" - „Jammer und Klage habe man an Rahels Grabe gehört. Schlimme Zeiten künde es jedesmal an, wenn sie gesehen werde. (Der Text läßt diese Auffassung nicht berechtigt erscheinen! Sp.) Wir erinnern uns dabei der Sage von der weißen Frau im Hohenzollernschlosse. Jeremia beruhigt die Ahnfrau." Ganz amüsant heißt es von Jsebel: „Sie blieb zeitlebens die lyrische Prinzessin, so wie eine englische Prinzessin Britin bleibt, auch wenn sie einen deutschen Prinzen heiratet." Bibelworte mit Ewigkeitsgehalt werden durch eine unangebrachte Umschreibung nur trivialisiert. „Heilig, erhaben, allmächtig ist der Herr der Heerscharen" — aber gerade die dreimalige Wiederholung — ganz und nur heilig ist Gott — ist so charakteristisch. Dasselbe gilt von dem Michaworte 6, 8 auf S. 110, das in der Anmerkung S. 1.12 in seiner kurzen echten Fassung schöner und wirkungsvoller ist. Das Buch ist eigentlich für Lehrer bestimmt. Besondere Anmerkungen, die den Tert unterbrechen, weisen auf den religiösen Gehalt der Geschichten hin und geben Anregungen, ihn für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Eigentlich hätten diese Anmerkungen fehlen können, denn sie stören die Einheitlichkeit des Buches. Der tüchtige Lehrer wird durch die Darstellung selbst zu ähnlicher Gestaltung angeregt, und der Laie! entbehrt gern die pädagogischen Nachbemerkungen, so wenig schulmeisterlich auch ihre Art ist. Im Theoretischen liegt nicht die Stärke des Buches. Die musterhaft anschauliche Form, in der hier ein Bild altisraelitischer Geschichte und Religionsentwicklung nach den Forschungsergebnissen insbesondere der! protestantischen Theologie gegeben wird, macht das Buch zu : einer interessanten Lektüre für einen weiteren Kreis von Laien,! denen sie manches Vorurteil rauben und manche wertvolle l Erkenntnis schenken kann. Mr Woche. Berlin, den 3. September 1916. neue Verwicklungen dieses auch an Ueberraschnngen ungewöhnlich reichen Krieges sind eingetreten. : R um änien hat an Oesterreich-Ungarn den Krieg; erklärt, das Deutsche Reich und die Türkei, denen Bulgarien gefolgt ist, haben ihrerseits verkündet, daß sie sich mit Rumänien im Kriegszustand befinden. Italien hat,! dem Drängen seiner gegenwärtigen Verbündeten, denen es j die Treue vielleicht besser wahren wird als seinen vergangenen,! dem Deutschen Reich endlich auch den Krieg erklärt.! Durch diese Ereignisse ist nichts Unerwartetes geschehen.! Italiens Auseinandersetzung sah man lange entgegen: ein! Kriegszustand eristierte schon seit mehr als einem Jahre; nun! hat Italien freie Hand, seine Truppen auch nach Frankreich! zu senden und seine Gefährten offener, als es bisher geschah,! auf dem Balkan zu unterstützen. Eine sonderliche Gefahr er- ' wächst lins daraus nicht.! Anders steht es mit Rumänien. Eine innere Noti Wendigkeit zu seinem Eingreifen war nicht vorhanden. Sein j König, ein deutscher Prinz, ein Hohenzvller, hat gewiß nicht leicht zu den Waffen gegriffen. Er ist zu diesem Entschlüsse : gedrängt worden durch die seit Jahren säbelrasselnde große! Partei seines Landes und durch die unaufhörlichen, immer stärker werdenden Drohungen Rußlands und der mit ihm ver-! einigten Mächte. Nichtsdestoweniger liegt auch hier, wie bei! Italien, ein Trenbrnch schlimmster Art vor und, lvenn Moral in der Politik eristierte, ein fürchterlicher Beweis stärkster l Jmmoralität. Was alles diesem halbasiatischen Lande für sein j Eingreifen versprochen worden ist, wissen wir nicht; es hat so i lange gezaudert, wie nur möglich; es hat glänzende Geschäfte j mit den Mittelmächten gemacht, hat sich von den Ententestaaten! mit Munition reichlich versehen lassen und hofft nun, ähnlich

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