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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-08 · Heft 36 (8.9.1916) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 36 (8.9.1916)
Date
1916-09-08
Page
Seite 422 (sequence 2)
Language
German
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422 Buch gegen den alttestamentlichen Religionsunterricht geschrieben hat („Das Judenchristentum in der religiösen Volkserziehung des deutschen Protestantismus" 1893), ist auch das vorliegende Buch entstanden. Es will im Gegensatz dazu dem alttestamentlichen Religionsunterricht neues Leben zuführen. Die Abneigung gegen das Alte Testament empfinde ich als altmodisch. Sie bildet den natürlichen Gegensatz zu einer alttestamentlichen Wissenschaft, die gegenwärtig auf unseren deutschen Universitäten ausgestorben ist. Wo man in Lehrerkreisen dieser Abneigung begegnet, kann man darauf schließen, daß diesen Männern in ihrer Schulzeit das Alte Testament in einer jetzt veralteten Auffassung entgegengetreten ist. Die moderne alttestamentliche Wissenschaft — alle Alttestamentler an unseren Universitäten sind mehr oder weniger modern, die Unterschiede zwischen rechts und links sind auf diesem Gebiete für den Laien ziemlich belanglos — erfüllt die, die sich eingehend mit ihr beschäftigen, mit großer Liebe zum Alten Testament und mit hoher Schätzung der religiösen Entwicklung Israels. Das, was früher störte, wird durch sie von selbst ausgeschieden, zurückgestellt, in eine andere Beleuchtung gerückt oder als Schatten erkannt, der die Entwicklung in ihrem Hauptzuge nur heller strahlen läßt. Aus dieser Wertschätzung des Alten Testaments ist dies Buch hervorgegangen. Das Alte Testament ist auch für die Schule wertvoll, und zwar denke ich dabei an alle Schulen, von der Volksschule bis zu den obersten Klassen der höheren Lehranstalten." Ter Verfasser rühmt den Wert der Prosangeschichte Israels mit ihrer Fülle packender, lehrreicher Ereignisse. „Der maßgebende Gesichtspunkt ist die besondere Begabung dieses Volkes. Wie die Griechen das Volk der Kunst und die Römer das Volk des Rechts sind, so ist das Volk Israel das Volk der Religion. Niemals wieder in einem Volke hat die Religion in so starkem Maße alle Verhältnisse erfaßt. Ihm ist es von Gott gegeben gewesen, die erste Geistesreligion der Menschheit von kindlichen Anfängen an unter mancherlei Kämpfen und Verirrungen bis an die Schwelle der Weltgeistesreligion, des Christentums, zu entwickeln. Jesus ist nur auf diesem Unterbau verständlich!" Er rühmt die Mannigfaltigkeit der religiösen Anschauungen im alten Israel und möchte, daß deren Betrachtung eine Schule der Duldsamkeit sei. „Eine solche Schule der Duldsamkeit brauchen wir nach dem Weltkriege sehr notwendig. Es darf nach dem Kriege von der evangelischen Kirche nicht heißen: Nichts gelernt und nichts vergessen." Die Folgerungen dürften wohl noch etwas weiter zu ziehen sein. Man braucht schließlich den Weltkrieg nicht zu bemühen, um Frieden unter den Parteien der evangelischen Geistlichkeit zu stiften. Für meinen Geschmack hätte auch manches harte Wort über die katholische Glaubensart in den Anmerkungen des Buches selbst vermieden werden können. Wie steht nun Tögel zum Judentum, das heute noch lebendig ist? Er redet nicht darüber. Aber einige Andeutungen lassen erkennen, daß seine Wissenschaft nicht so weit reicht. Man kann froh sein, daß er nun wenigstens seine „wissenschaftliche Phantasie" auf diesem Gebiete nicht spielen läßt. Er meint lS. X), daß das Volk der Religion ein Musterbild gebe für eine echt völkische Frömmigkeit, und fährt fort: „Gerade der letzte Gesichtspunkt zeigt nebenbei, wie irrig es ist, wenn man das Volk Israel von den gegenloärtigen Juden aus verstehen will. Das Volk Israel, das Volk der Religion, ist tot wie das Volk der Kunst, die Griechen. Wenn wir beide als Erzieher benutzen, so verletzt dies nicht unser eigenes völkisches Empfinden." Es wäre sehr zu wünschen, daß ein Mann wie Tögel sich etwas besser über religiöses Leben im Judentum orientierte. Völlig unangemessen ist die Bemerkung auf S. 63: „Mit Wohlgefallen betrachten wir die Heldengestalt Ahabs, der für sein Vaterland so tapfer kämpft und für sein Volk auf dem Felde der Ehre fällt. Wir sehen deutlich, wie wir von den Juden der Gegenwart absehen müssen, um die Israeliten der alten Zeit zu verstehen. Diese waren ein tapferes Bauernvolk." Es steht auf der gleichen Linie, wenn Tögel S. 151 schildert, wie die auf Gelderwerb bedachten Juden sich bald an das reiche Handelsleben der Stadt Babylon gewöhnten, und sortfährt: „Die ersten „Juden" in der Welt treten auf die Bühne des Welthandels." Er hätte diesen Namen hier um so weniger so tendenziös gebrauchen sollen, als er ja im folgenden schreibt: „Freilich für ihr Volk und seine Religion waren sie verloren. Bald schwammen sie fröhlich im Getriebe der babylonischen Kultur. Aber es war gut so. Ihr Volk reinigte sich so von lauen und unlauteren Gliedern. So wurde die Verbannung in doppelter Weise der prophetischen Religion zum Heile!" Tögel meint in der Vorrede, die alttestamentliche Frömmigkeit in ihrem Kerne sei durch das Neue Testament nicht beiseite geschoben, sondern von diesem umschlossen. „Sicher steht die Liebe des Neuen Testaments hoch über der Gerechtigkeit des Alten; aber auch diese ist notwendig. Der Weltkrieg beweist es. Gerechtigkeit ist es, was uns das Schwert in die Hand gedrückt hat . . . Aus dem Neuen Testament lassen sich wohl die Weherufe Jesu gegen die Pharisäer -und die Austreibung der Wechsler aus dem Tempel auf unseren Krieg anwenden. Aber die Feindesliebe? Im Lazarett ja, aber im Kampfe, in der großen Völkerkriegswelt? Dagegen das Alte Testament! Krieg und Kriegsgeschrei erfüllt es vom Anfang bis zum Ende (? Sp.), Kriege, um Raum zu schaffen für das eigene Volk, Kriege gegen übermächtige Weltmächte, Krieg um heilige Güter, um Freiheit und Heimat, um Glaube und väterliche Sitte." Wir können diese wohlwollende Kontrastierung nur zum Teil gelten lassen. Im Kerne jüdischer Religionsanschauung liegt das Weltfriedensideal des Messianismus, das dem Autor nicht fremd ist, wenn er in seiner Weise sagt: „Von dem unendlichen Ziele Jesu, die Menschheit zu einer großen Familie im Vaterhause Gottes zu vereinen, sind auch wir noch weit entfernt" (S. 151); eine Feindesliebe, die zeitweilig aussetzt, oder sich gar nur aufs Lazarett beschränkt, ist sicherlich nicht jüdisch-religiös. Ich empfehle dem Autor zur Lektüre Hermann Cohens Ausführungen über Liebe und Gerechtigkeit, insbesondere über die Feindesliebe im „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur", 3. Bd., 1900, S. 99 ff. Welch großen Wert das Alte Testament auch schon für die unteren Klassen der Volksschule hat, kann Tögel nicht genug betonen. „Wir haben in diesen Erzählungen die Einkleidung der einfachsten religiösen und sittlichen Wahrheiten in außerordentlich anschaulicher und für Kinder anziehender Form. Nirgends in dem gesamten Weltschrifttum gibt es einen Stoff, der für die religiöse und sittliche Bildung kleinerer Kinder geeigneter wäre als z. B. die Josephsgeschichte. Das israelitische Volk zeigt sich auch darin als das Volk der Religion, daß in seinen Volksgeschichten die Religion und die Sittlichkeit eine außerordentlich große Rolle spielen. Man vergleiche die Gestalt Abrahams mit Achill und Siegfried!" (S. VIII). Diese Gedanken werden S. 73 in der Anmerkung noch weiter ausgeführt: „Die Ahnensagen Israels sind ein unersetzbares religiöses Bildungsmittel für kleinere Kinder. Nirgends in dem gesamten Weltschrifttum haben wir einen Stoff, der in so schöner und schlichter Weise die grundlegenden religiösen und sittlichen Eigenschaften in anschaulicher Form darböte." „Welches andere Volk hat eine so erhabene Verkörperung der Frömmigkeit geschaffen wie Abraham?" „Wo in der ganzen Welt hat ein Volk unter seinen Helden Gestalten von so hoher sittlicher Reinheit aufzuweisen wie Joseph? Siegfried in seinem kindlichen Uebermut und seiner rührenden Vertrauensseligkeit reicht nicht an ihn heran. Die Helden der Deutschen

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