Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Neugestaltung unter der Leitung des Herrn. Dr. Jakob Pinhas als Direktor. In der Sitzung vom 24. Oktober 1813, wohl unter dem Einfluß der kriegerischen Ereignisse, wurde das etwa 500 Taler betragende Vermögen der Gesellschaft dadurch in Sicherheit gebracht, daß es in Einzelsummen von 50 Talern gegen Bürgscheine unter verschiedene Mitglieder verteilt wurde. Am 30. Januar 1814 war das Kapital dann wieder beisammen und es wurden davon 450 Taler dein Leihhause zu Cassel zur Verzinsung übergeben. Hundert Jahre hat seitdem unsere Gesellschaft in ruhiger Entwicklung verbringen und nach allen Seiten ihre segensreiche Arbeit vollbringen können. Vielfach hat uns der jetzige unheilvolle Krieg in unserer gewohnten Tätigkeit gestört; fast unsere sämtlichen Studierenden, ein Mitglied des Verwaltungsrates, viele frühere Schützlinge, viele Mitglieder stehen vor dem Feinde. Wir haben manche davon zur Ehanukazeit und auch außerdem durch Liebesgaben bedacht. Im Verein mit den anderen hiesigen Männervereinen haben wir, was von unseren bescheidenen Mitteln entbehrlich schien oder für den Augenblick nicht gebraucht wurde, auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt." Folgende Mitglieder der Gesellschaft wurden zu Offizieren befördert: Justizrat Dr. M. N o t h f e l s zum Oberleutnant, Dr. W. Rinteln, Max Elias, Dr. R. Wolfs, Dr. S. Engelbert, H. Ruhst a d t, Referendar Otto Plaut, Referendar Dr. Max G r ü n - bau m , Dr. Leo Oppenheim zum Leutnant, Paul Süß h o lz, Carl Gotth-elff, Bruno Fröhlich zum stellvertretenden Leutnant. Zahlreiche Mitglieder erhielten das Eiserne Kreuz, einige die Rote Kreuz-Medaille. Auf dem Felde der Ehre sielen folgende Angehörige von Mitgliedern: Joseph Süßholz, Theodor Kahn, Willy N u ß b a ü m , Fritz P o l l i tz , Julius L ö m e n st e r n , Rudolf B a u m a n n , Franz W e r t h e i m , Referendar Siegmund Rosenb e r g. Das Vaterland wird ihrer stets dankbar gedenken. Der Bericht fährt daun fort: „Soweit der Krieg nicht hindernd eingrifs. haben wir uns bemüht, unsere Vorstandspflichten saßungsmäßig zu erfüllen. Wir unterstützen bürgerliche Berufe, Kunst und Wissenschaft, helfen bei Errichtung von Geschäften oder Handwerken, gewähren Darlehen zum besseren Betrieb von Berufen, nehmen uns aber auch der invaliden Handwerker, Kaufleute und Lehrer an. In der jetzigen schweren Zeit haben im letzten Jahre Rückzahlungen früher gewährter Darlehen nur in geringem Maße stattgefunden. Die fatzungsmäßige Handlung der Wohltätigkeit fand bei den Stiftungsfeiern durch die übliche Sammlung und sofortige Verteilung statt. Der Verwaltungsrat der Gesellschaft wurde neu gewählt. Herrn Justizrat Dr. Ernst Arnthal, welcher nunmehr 25 Jahre als zweiter Vorsteher dein Verwaltungsrate angehört, wurde eine Adresse überreicht und ihm zugleich für seine in eifriger Weise der Gesellschaft geleisteten Dienste Dank abgestattet. Der Bericht führt die Namen auf der in den Jahren 1914 und 1915 verstorbenen auswärtigen und hiesigen Mitglieder, ferner die während dieser Zeit und zum Teil im Jahre 1916 der Gesellschaft zngefallenen Vermächtnisse und Geschenke sowie die einzelnen Beträge, die sie in den beiden Jahren für Unterstützungen und Darlehen an verschiedene Berufszweige zur Verfügung gestellt hat. Auch Kriegsausgaben, wie Liebesgaben ins Feld und 1000 Mark an das Rote Kreuz, sind genau aufgeführt. Die Jahresrechnnng schließt in Einnahmen und Ausgaben: 1914 mit 10 546,89 Mark; 1915 mit 11083,29 Mark. Dem Bericht sind als Anhang bei gegeben die Namen derjenigen Mitglieder, w elche der Versammlung vom 30. Mai 1813 beiwohnten, ans dem Stammbuch des Hoszahnarztes Mombert ein Stammbuchvers des damaligen Direktors Dr. Jakob Pinhas sowie ein Auszug aus dem ersten Protokollbuch. Der Direktor der Gesellschaft ist Herr Alexander F i o r i n o. L2 Frankfurt a. M., 25. August. Durch Verfügung des Kriegsministeriums an die Stellvertretenden Generalkommandos vom 19. August— 717. 7.16 C 4 — ist für die Begehung d c r j ü d i s ch e n Herbstfeiertage in den Kriegsgefangenenlagern und Arbei tskomm a nd o s folgendes festgesetzt worden: 1. Am Versöhnungstag Befreiung von jedem Dienst. 2. Am ersten Neujahrstag sowie am ersten und achten Tage des Lanbhüttenfestes Befreiung vom inneren Dienst, soweit die dienstlichen Verhältnisse es irgend zulassen, und auf Wunsch v o n s o n st i g e r A r b e i t. 3. An den genannten vier Feiertagen Abhaltung gemeinsamen Gottesdienstes im Lager oder an den Arbeitsorten. — Mannheim, 25. August. Die Beerdigung des Shnagogenrates David Kahn fand am 14. d. M. unter Teilnahme einer zahlreichen Trauergemeinde statt. Herr Stadtrabbiner Dr. S t eckelmache r schilderte mit warmen, beredten Worten das arbeitsreiche Leben des Dahingeschiedenen und dessen große Verdienste um das israelitische Gemeinwesen in Stadt und Land. Weiter sprachen im Namen des Synagogenrates Herr Julius Ben sh eint er, namens der Gemeindevertretung Herr Emil Harsch, für den Oberrat Geheimer Oberregierungsrat Dr. Mayer (Karlsruhe) und für die liberale Israelitische Vereinigung Rechtsanwalt Dr. D ü h r e n - he i m er. Nach den üblichen Zeremonien wurde der Sarg mit den sterblichen Ueberresten der Erde übergeben. Der Verblichene war Inhaber des Ritterkreuzes erster Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen. Kahn ist 83 Jahre alt geworden, er war S o n i o r ch e f der Zigarrensabrik Kahn u. Eschelmann; seit 1878 int Ausschuß der Israelitischen Krankeutmterstützttngsvereine, 1883 im Vorstand, 1910 Vorsitzender, int Synagogettrat seit 1885, Vorsitzender 1899, dann Mitglied des Oberrats, bis er tut Dezember 1909 krankheitshalber ausschied. Der Synode gehörte er seit ihrer Errichttmg an, wiederholt als Alterspräsident. Gksterrrich-Angsrn. 2. Wien, 25. August. Der für Beerdigimgszwecke derzeit noch verfügbare Belegramn der israelitischen Abteilung des Zentralfriedhofes reicht nur mehr für einen kurz bemessenen Jeitratutt. Die Kultusgemeinde hat vor längerer Zeit von Anton Dreher einen großen Komplex im Ausmaße von 67 714 Quadratklaftern für die Herstellung eines großen Friedhofes erworben: es wurde jedoch infolge der gegenwärtigen Verhältnisse von einer Nenanlage vorläufig abgesehen ttnd es wird nur eine kleine Friedhofsartlage zur Ausführung gebracht werden, deren Herstellung in kürzester Zeit erfolgen kann und die dem augenblicklichen Bedürfnisse genügt. Die' neue Anlage umfaßt fünf Gräbergrnppen ttnd eine Zeremonietthalle. Der Stadtrat hat mm nach einem Anträge des Stadtrats B r a n n den bei der Kommissiort von den Vertretern der Gemeinde abgegebenen Aeutzerungen hinsichtlich der neuen Herstellung zugestimmt. - Der im Juni vorigen Jahres von den Russen als Geisel verschleppte Vizepräsident der Stadt Lemberg, Dr. Philipp Schleicher, ist nun als einer der ersten im Austauschwege in feilte Heimat znrückgekehrt. Am Bahnhof begrüßte ihn eine Reihe von Freunden und Kollegen aus dem Lernberger Gemeinderat, darunter auch Reichst'atsabgeordneter Dr. Steslowicz. Itt nächster Zeit soll auch die Rückkehr des Vizepräsidenten der Knltnsgemeinde, Dr. Diamand, erfolgen: die diesbezüglichen Austauschverhandlungen sind noch im Gange. Der ebenfalls aus der Gefangenschaft zurückgekehrte gewesene Rektor der Lemberger Universität, Tr. Adolf B e ck, ebenfalls Jude, weilt gegenwärtig bei seinen Angehörigen in Krakau. - - Wie aus letzterer Stadt gemeldet wird, werden die Arbeiten des offiziellen Kriegswaisenkomiiees, das Hand in Hand mit dent staatlichen Referenten für Kriegswaisenfürsorge, Hofrat B r ü ck n e r, arbeitet, systematisch fortgesetzte Ein Teil der Waisen wird in Waisenhäusern untergebracht, der andere in privaten Familien. Demnächst soll in Rzeszow eilt Waisenhaus eröffnet werden. — Das Fürsorgekotnitee der jüdischg all zischen Flüchtlinge in Lundenburg in Mähren veröffentlicht folgenden Aufruf: Fast tausend Flüchtlinge ans Galizien imb der Bukowina wurden über behördlichen Auftrag in den letzten Wollen in unserer Stadt untergebracht. Die weitestgehende Opferwilligkeit der Mitgli-eder unserer Kültusg,enternde, von denen ein großer Teil zur militärischen Dienstleistung eingerückt, ist nicht imstande, ohne auswärtige Hilfe das namenlose Elend dieser bedauernswerten Kriegsopfer zu lindern und ihr Los nur halbwegs erträglich ztl gestalten. Der staatliche Unterstüßnngsbeitrag von 1 Krone pro Kopf mtd Tag reicht infolge der horrenden Teuerung kaum zur Beschaffung der wichtigsten Lebensmittel, Brot und Milch, Hirt. Daher ist es ein Gebot der wahren und echten Nächstenliebe, die feinen Unterschied des Glaubetts und der Nationalität kennt, diesen unglücklichen Geschöpfen rascheste Hilfe zu gewähren. Es ergeht hiermit an alle ebten Menschen, die ein Herz für fremdes Leid sich bewahrten, insbesondere an jene Wohltäter, denen unsere Stadt als ihr Geburts- und Heimatsort lieb und teuer ist, an alle verehrlichen Korporationen die innigste Bitte um Gewährung eines Beitrages zu nuferem Hilfswerk. Möge ein jeder helfen, die Not dieser Aermsten der Ar tuen zu lindern, möge ein jeder tun, was in seinen Kräften steht. Lundenburg, im August 1916. Für das Fürsorgekomitee der jüdisch-galizischeu Flüchtlinge in Lundenburg (Mähren): Der Obmann: Moriz Holländer,