Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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des Entsetzens, des Ekels voll, und jedes Wort das ich für dich auf meine Lippen bringen mußte, war eine gewaltige Anstrengung, gegen die mein Herz sich auflehnte und empörte." „Nur weiter, Malta," rief er trotzig. „Jawohl, ich will weiter sprechen," und ihre Stimme steigerte sich jetzt zu einem Kreischen. „Und wenn du auch tausendmal für mich gestorben wärest, ich hätte kein Mitleid, kein Erbarmen für dich empfunden, weil du mich meines Gabriels beraubt. — Ja, du, du — du hast ihn mir geraubt. Wärest du nicht mit deinen Verlockungen gewesen, so wäre er in der Heimat geblieben, und int Laufe der Zeiten hätte meine flanunende Liebe seine kalte Gleichgültigkeit überwunden, oder ich wäre ins Grab gesunken und brauchte nicht diesen gallebitteren, stechenden Schmerz zu erdulden. Statt dessen aber saß ich hier voller Verzweiflung, hoffend und betend, daß die Zauberkraft meiner Beständigkeit seine Veränderlichkeit besiegen möge, und jeden Augenblick, den ich meinen Gebeten abstehlen konnte, habe ich zu einem Fluche für dich verwendet! Ja, ich habe dich verflucht, seit ich nur denken kann!" „Wirklich? Fahre fort, Malka." „Ja, du sollst noch mehr hören! Schon in jenen Tagen, als wir drei Kinder am Strome saßen, als du mich beständig mit deinen stumpfen Fischaugen angeglotzt, während Gabriel, auf dem Rücken liegend, mit offenem Munde deinem sinn- und endlosen Geschwätz zugehört — da — da — da schon hätte ich dich am liebsten mit meinen Kinderhänden erwürgen wollen! Immer hast du es verstanden, dich wie ein Keil zwischen uns zu schieben, so daß meine Finger förmlich juckten, um dich an die Kehle zu fassen und jeden Lebensatem aus dir herauszupressen; ja, um dich dann weit, weit in den Strom zu schlendern, wie ein schädliches Gewürm, um mit Gabriel allein zu sein . . ." Sie mußte sich selbst unterbrechen, um Luft 31t schöpfen, um nicht zu ersticken. „Das war unrecht von dir, Malka," sprach er leichthin. „Warum hast du mir nicht die geringste Andeutung gemacht — ich wäre fortgeblieben." „Das war es ja gerade, warum ich dich noch mehr verabscheuen mußte," brach es wieder von ihren Lippen. „Zu meinem Schmerz mußte ich wahrnehmen, daß bu das einzige Bindeglied zwischen Gabriel und mir warst. Er kam ja nur, wenn du riefst; wärest du fortgegangen, so wäre auch er fortgeblieben; durch meine Bemühungen hätte ich ihn nimmer zurückhalten können. Du warst darum für mich eine böse, verabscheuungswürdige Notwendigkeit. Darum loderte die Flamme meines Hasses noch höher empor, wenn ich sehen mußte, wie bereitwillig er deinen Worten lauschte, während er sich nur widerstrebend zu einer Aeußerung mir gegenüber entschließen konnte. So vergingen meine Tage, so verging meine Jugend. Ach Gott! Wie oft habe ich seitdem daran denken müssen! Aber, so oft ich daran gedacht, so oft habe ich dich in den Abgrund verflucht!" Baruch schien für einen Augenblick die Ruhe zu verlieren. Er trat einen Schritt zurück und fragte mit erzwungener Gleichgültigkeit: „Du hast mich verflucht, Malka? Dann wundert es mich gar nicht, daß mein Leben so geworden ist, wie es ist." „Ja, du hast eigentlich recht, du Ungeheuer! Ich habe es verkehrt gemacht, das sehe ich jetzt erst ein. Ich hätte für dich beten sollen, dann hättest du die glänzende Stellung erlangt, und ich wäre dich für immer losgeworden. Gabriel wäre mit enttäuschten Hoffnungen, mit seinen vernichteten Plänen 31t mir zurückgekehrt, um sein müdes Haupt in meinen Schoß zu legen. Verkrüppelt, todeswund, mit blutendem Herzen wäre er zu mir gekommen, aber — er wäre doch gekoinmen. Doch das überstieg meine Kraft! Wie hätte ich ein Gebet für dich über meine Lippen bringen, wie meinen Mund zu einem Fluch für Gabriel auftun können! Nein, ich habe für ihn gebetet, und er ist in seiner ganzen Herrlichkeit zurüügekommen und darum für mich verloren!" Baruch hatte schon längst aufgehört zu lachen, denn jetzt war er in der Verfassung, die er für seine Riesentat gebrauchte; jetzt trug er nur noch einen gefühllosen Stein in seiner Brust; jetzt bedurfte es nur noch einer einzigen Drehung der Schraube, und auch die Seele war herausgepreßt. „Malka," sprach er mit unheimlicher Ruhe: „ist es nicht komisch, daß all diese Herrlichkeit, wie du Gabriel nennst, die du so inbrünstig für ihn erfleht, das Glück einer anderen begründen soll?" Doch diesmal hatte er über das Ziel hinausgeschossen. Er sah den Tigerblick, den sie ihm zuwarf, er sah auch den Griff nach der langen, spitzen Schneiderschere — aber er legte die Hände auf den Rücken, um den Stoß nicht aufzuhalten. Warum denn nicht? Die Sache könnte auch so zu Ende geführt werden. Doch nein; sein Tod allein würde das Unheil von seinem Volke nicht abwenden, dadurch würde Torakows Haß nicht aus der Welt geschafft werden. Nein, es mußte bei seinem Vorhaben bleiben. Sie schien seine Gedanken zu erraten, der Tigerblick verschwand und die Schere blieb aus ihrem Platze. Baruch brauchte nichts mehr zu fürchten. Menschen mit Tränen in den Augen begehen keinen Mord, und er sah, daß Malka jetzt weinte. „Baruch — ist — es — wirklich wahr? Er zögerte eine Sekunde, ehe er sprach: „Malka, es ist so wahr, wie — dein Haß gegen mich." „Dann glaube ich es," seufzte sie kaum hörbar. Auch er seufzte tief auf. Ach, welche Wonne zu wissen, daß man nichts, rein nichts mehr zu verlieren hat! Endlich! Endlich! „Warum wartest du noch?" fragte sie scharf. „Geh!" „Erst gib mir deine Hand." „Nie! Nimmer!" „Gib mir deine Hand, Malka!" Von seinem gebieterischen Befehl, den er mit knirschenden Zähnen gegeben, bezwungen, mußte sie unwillkürlich gehorchen. Es war dies sein erster Sieg über sie und sicherlich auch sein letzter; aber es genügte ihm. Er hatte sein Mannesrecht eingelöst, er hatte das Weib bezwungen. Vielleicht, wenn er diesen Weg schon früher eingeschlagen . . . Doch jetzt war es in jedem Falle bereits zu spät. (Fortsetzung folgt.) Mchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Religionsgeschichtliche Volksbücher für die deutsche christliche Gegenwart. Begründet von Friedrich Michael Schiele. II. Reihe, 21., 22. Heft. Paul Fiebig, Das Judentum von Jesus bis zur Gegenwart. 1. bis 4. Tausend. Tübingen 1916, I. C. B. Mohr (Paul Siebeck). Berliner Fürsorgearbeit während des Krieges. Vortrüge und Berichte aus dem Ausbilduugslehrgang der Zentrale für private Fürsorge E. V., Berlin. Berlin 1916, Verlag von Franz Bahlen, W 9, Linkstraße 16. XXIII. Jahresbericht der Israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien für das Schuljahr 1915/16. Voran geht: Die hermeneutische Onantitätsrelation in der talmudischen Literatur. Von Rektor. Professor Dr. Adolf Schwarz. Wien 1916. Verlag der Israelitischtheologischen Lehranstalt, II. Tenrpelgasse 3. Dr. M. Poppelauers Volkskalender sür Israeliten aus das Jahr 5677 (1917). Mit literarischen Notizen und einem Gedenkblatt versehen. 57. Jahrgang. Verlag von M. Poppelauer, Buchhandlung, Berlin C, Neue Friedrichstraße 59.