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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-01 · Heft 35 (1.9.1916) · p. Seite 419

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 35 (1.9.1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 419 (sequence 11)
Language
German
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Mehrere Batterien erbeutet!" Hei! — wie das in die Ohren läutet! Wie sich da der Philister bläht! „Brav, Ihr Jungens, fast kam es zu spät! Eigentlich müßten unsre Armeen Schon am Pariser Fortgürtel steh'n! Aber das werden demnächst wir schon hören. Eines nur will uns die Stimmung stören, Das sind die zweifelhaften Auspizien Drunten in dem vertrakten Galizien! Das ist der Schafstall, in den seit Wochen Schon der russische Bär gebrochen; Das ist die unglückselige Stadt, Die er seitdem in den Klauen hat — Lemberg!" Und jetzt schelten die Stammtischstrategen. Sahen sie Euch ans den grundlosen Wegen? Sahen sie dort Eure Schützenketten Sich in das lehmige Erdreich betten? Sahen sie, wie in dem Boden, dem schwanken. Eure Kanonen und Mörser versanken? Wie Ihr sie immer wieder erhobt, Und mit den Schultern sie weiterschobt, Während drüben die Batterien Feurige Garben aus Euch spien?! Wahrlich — hätten sie das gesehn, Möcht wohl das Schmähen ihnen vergehn! Und so hieltet Ihr treu die Wacht Gegen die dreifache Uebermacht, Unentmutigt und ungebrochen Tage für Tage und Wochen für Wochen! Nur ein Weilchen noch harret aus: Glaubt — dann haun wir Euch mit heraus. Dann wird ein Markstein am Siegespfad Bis nach Warschau und Petrograd Lemberg. In seinen Kriegsglossen findet sich auch aus der Zeit zu Beginn des Krieges keine jener geschmacklosen Uebertreibungen und Ueberspanntheiten, durch die damals selbst einige unserer bedeutenden Dichter (man denke nur an Lissauer) dem Geschmack des Publikums ihre Huld erwiesen. Solchem Wortgetöse hätte auch schon jene feine Bescheidenheit widersprochen, die der Mensch Biberfeld immer bewiesen hat. Biberseld steht seit Jahren an der Spitze des Vereins Breslauer Dichterschule, und hat sich insbesondere als Herausgeber des „Ostens" hohe Verdienste erworben. Wie Biberfeld es in diesem Vereine verstanden hat, Elemente der verschiedensten literarischen Richtungen zu gemeinsamem Wirken zusammenzufassen, das war ein Meisterstück, um das Breslau von mancher anderen Stadt beneidet werden kann. Man muß Biberseld selbst einmal gehört haben, wie er es bei der Kritik vorgetragener literarischer Werke versteht, aus jeden Vorzug, aber auch auf jede Schwäche hinzuweisen, wie er immer fördernd und niemals verletzend wirkt, wie er sich selbst immer bescheiden in dem Hintergrund hält, und man wird die Verehrung verstehen, die ihm von seiten der Breslauer Literaten entgegengebracht wird. Wenn man den jüdischen Mitbürgern so oft ungerechterweise vorgeworfen hat, daß sie immer nur zersetzend und kritischwirken können, so gibt es keinen Breslauer Bürger, der nicht dankbar anerkennen wollte, daß Carl Biberseld, wie kaum ein zweiter selbstlos und unermüdlich sein Talent fördernd und aufbauend in den Dienst der Ällgemeiikheit gestellt hat. KSt, Russischer Sozialromau von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) |P r behielt seine Rnhe und sprach: „Ich habe einen besvnderen Grund für mein heutiges Kommen. Ich muß noch eine Frage an dich richten." Sie sah ihn mißtrauisch an. „Dann frage schnell!" „Hast du schon das Reisegeld beisammen, um Gabriel nach Odessa begleiten zu können?" „Warum willst du das wissen?" „Vielleicht ändern sich deine Pläne und du sparst dir das Geld, wenn du erfährst, daß er die Reise dorthin in Begleitung seiner Frau machen wird." „Seiner Frau? Lügner! Niederträchtiger Lügner!" Er zuckte gleichmütig die Achseln. „Das bin ich nicht, Malta. Außer wenn Gabriel seinen Spaß mit mir getrieben, als er mir seine Absicht mitteilte, Tvrakows Tochter zu heiraten." Ein Gemisch von Liebe, Reue und Mitleid stieg in ihm auf, als er sah, wie sie im stillen Schmerz sich wand und krümmte. Ein wildes Verlangen kam über ihn, sich ihr zu Füßen zu werfen und ihre Verzeihung anzuflehen, daß er der Ueberbringer dieser Trauerbotschaft war. Aber er besann sich noch zur rechten Zeit. Das war gerade, was er nicht tun durfte, um nicht wieder schwankend zu werden, um nicht alles wieder zu verderben. So schwer es ihm auch wurde, Malta in diesem Zustande zu sehen, er mußte sich beherrschen und seine Rolle zu Ende spielen. Malka beachtete ihn kaum und nahm sich gar keine Mühe, ihren Schmerz zu verbergen. Doch dauerte dieser Zustand nur wenige Minuten, und die wilde, ungebärdige Widerspenstigkeit in ihr gewann wieder die Oberhand. Ihr sehniger Körper straffte sich zur vollen Höhe, und ihr totenbleiches Gesicht hob sich scharf ab von dem Kranz schwarzer Haarmassen, die sich nach allen Seiten mederringelten. Mit Schaudern sah Baruch plötzlich eine Medusa vor sich, in der sich das Schreckliche und Herrliche einten r:nd zu einem schaurig-schönen Ganzen formten. „Warum hast du mir dies gesagt?" unterbrach sie das Schweigen. Er blieb ihr die Antwort schuldig. „Wenn du es mir nicht sagen willst, dann sollst du es von mir hören." Ihre Wut hatte jetzt den Siedepunkt erreicht. „In erster Reihe, weil dein hündisches Herz in meiner Oual schwelgen wollte, und dieses wollüstige Vorhaben ist dir auch vortrefflich gelungen. Sodann wolltest du in meiner grenzenlosen Niedergeschlagenheit, in dem bitteren Aufruhr meiner Seele mich abfangen und für deine verwerflichen Zwecke ausnutzen." Er fühlte, wie sein Blut bei ihren Worten wieder zu kreisen begann, und lächelte befriedigt. Sie war äljo doch kein versteinertes Bild, sondern ein Wesen von Fleisch und Blut, doch für ihn unerreichbar. Wahrlich, Malka konnte nichts Besseres sagen, um ihm fein Vorhaben zu erleichtern. Geduldig wartete er auf die Fortsetzung. „Aber ich werde dir etwas mitteilen, was ich dir bisher noch nicht gesagt habe." Sie war wieder in Raserei geraten. „So wisse es denn: Ich habe dich stets gehaßt mit der ganzen Kraft meiner Seele! Wenn ich nur deine Teufelsfratze erblickte, wenn ich nur dein faunisches Lächeln gesehen, war ich

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