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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-01 · Heft 35 (1.9.1916) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 35 (1.9.1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
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418 j u werden, faßte Bodo gerade dort eine tiefe V v r l i e b e f ü r d a s Indent u in. Die Veranlassung dazu ist unbekannt geblieben. Sollte vielleicht die an Ludwigs Hofe günstige Stimmung für Inden und Jndentnm ihn angeregt haben, darüber nachzndenken, beide Religionsfvrmen miteinander zu vergleichen und die Vorzüge des Judentums herauszufinden t Das unsittliche Treiben der Geistlichen in der ch r i st l i ch e n Hauptstadt — welches Veranlassung gab zur Satire von der Päpstin Johanna, die Petri Stuhl besudelt hat — und ihre Unflätigkeit überall, selbst in den Kirchen, haben ihn mit Ekel erfüllt und ihn dem sittenreinen Judentume näher gebracht. Erschrick s e l b ft später, daß er und andere G e i st l i ch e in d e n K i r ch e n m i t v cr s ch i e d e n e n F r a u e n u nz u ch t getrieben haben . . . Bvdo reiste also stracks von Rom nach Spanien, ohne Frankreich und den Hof zu berühren, um dort förmlich zum Judentum überzutreten, riß sich von Vaterland, Ehrenstellen und freundschaftlichen Kreisen los, ließ sich in Saragossa beschneiden, nahm den Namen Eleasar an und ließ sich den Bart wachsen . . . Liebe war keineswegs der Beweggrund von Bodo-Eleasars Religionswcchsel, denn er heiratete erst in Saragossa eine Jüdin." Soweit Grätz. Man wird bei einer Vergleichung der Fakta, die diesem historischen Berichte zugrunde liegen, mit dem Inhalt der Novelle Boccaccios nicht verkennen, daß zwischen der Bekehrungsgeschichte des frommen Juden Abraham zum Christentum und jener des frommen Diakonus zum Judentum viele Analogien bestehen, deren augenfälligste jene ist, daß in beiden Fällendie Bekehrung infolge einerReise nach Rom und des Aufenthalts in der päpstlich en Stadt geschah. Darf da nicht die Vermutung ausgesprochen werden, daß Boccaccio nebst der zitierten Anekdote Bnsones auch die sensationelle Bekehrungsgeschichte des Diakonus Bodo vor Augen hatte, aks er seine Novelle „Der Jude Abraham in Rom" dichtete und auch in dieser, w i e bekanntlichinvielenanderenseinerNovellen aus verschiedenen Erzählungen, die durch den Schmelztiegel seiner Dichterphantasie gegangen waren, eine Novelle schuf, die dann ganz den Stempel seines Geistes trug. Daß Boccaccio den Fall des Geistlichen Bodo gekannt, entweder aus den Ehroniken oder aus diesen entstammenden mündlichen Traditionen, wird man kaum bezweifeln dürfen. Wenn Boccaccio aus dem Sultan Saladin, der in seinem Leben nicht den Boden Roms betreten, einen jüdischen Gelehrten machen konnte, der in Rom zum Christentum sich bekehrt, so mochte es ihm wohl passen, den Inhalt seiner Novelle mit den Details aus der Bekehrungsgeschichte des Priesters Bodo zu ergänzen, aber freilich mit Umkehrung des Sachverhaltes. Aus dem katholischen Priester, der in Rom durch den Anblick der Grcueltaten entarteter Geistlicher sich zum Judentum bekehrt, wird ein frommer Jude, den dasselbe Motiv zur Annahme der — Taufe bewegt. Eine geschickte Umkehrung, das ist das Ganze. Eine Kleinigkeit für einen glaubenseisrigen Dichter, der ad majorem dei gloriam, zur Verherrlichung des Christentums gern einem Juden diese Rolle andichtet, während man mit dem wahrheitsgemäßen historischen Berichte über den Fall Bodo nur Christenherzen verletzen würde. Aus der Geschichte des Decamerone ist es bekannt, daß dieses durch Stil und Sprache ebenso klassische wie durch seinen häufig schamlos zotenhaften Inhalt schmutzige Buch in der wenig prüden Zeit seines Entstehens nur bei den sittlich strengsten Personen Anstoß wegen seiner Laszivität erregte. 'Auch die Frommen fühlten sich weniger durch den frivolen Inhalt der Novellen als dadurch verletzt, daß es zumeist Mitglieder des Klerus waren, denen die häßlichsten Laster zugeschrieben wurden. Ja, als endlich die empörte Geistlichkeit (1573) sich gegen einen Neudruck des Decamerone stemmte, gestattete mit Erlaubnis des Papstes eine ad Iroe eingesetzte Kommission nur eine „gereinigte" Ausgabe des Werkes, die unter der Oberaufsicht des päpstlichen Beichtvaters die Purifikationsarbeit unternahm. Diese aber bestand nicht etwa darin, daß man -die laszivsten Stellen eliminiert hätte, sondern darin, daß man aus den geistlichen Personen weltliche, z. B. aus einem Abt einen Ritter, aus einer Aebtessin eine Edelfrau nsw. usw. machte. Diese durften dann ungeniert weiter allen natürlichen und auch unnatürlichen Lastern frönen, deren heitere Schilderungen einen so breiten Raum in Boccaccios Novellen einnehmen . . . Wie wenn Boccaccio, der, als er ein Betbruder geworden, seinen Decamerone bitter bereute, diese Umwandlungsarbeit geahnt hätte — in einer Novelle hat er vielleicht selbst schon diesen Personenwechsel vorgenommen. „Der Jude Abraham in Rom" war vielleicht nur der umgetauste — „Diakonus Bodo in Rom". Dieser so gewaltsam getaufte Abraham steht übrigens mit seinem Schicksal in der Literatur nicht vereinzelt da. Es ist dem „Inden" Shylock, der fluchbeladen, mit dem Kainszeichen der Unmenschlichkeit, das ihm ein Shakespeare aus die Stirne gedrückt, durch die Reiche der Dichtung wandelt, nicht anders ergangen. Auch der „Jude" Shylock büßt für eine Bestialität, die, wie historisch sestgestellt ist, einst von einem Christen an einem — Inden verübt wurde. Car! Mberfeld. Aon Dr. Ernst Emil S chwcitzer, Breslau. or mir liegt ein Büchlein „Kriegsglossen" von Carl Biberfeld. Der Verfasser hat jüngst seinen 60. Geburtstag gefeiert und seine Heimatstadt Breslau hat sich an der Ehrung des verdienten Mannes beteiligt. Selten ist eine Festlichkeit so einträchtig von den Offiziellen, wie von den Bürgern, wie von den Literaten begangen worden. Außerhalb Breslaus ist Biberfeld wenig bekannt; nur wer etwa einmal als ein Kongreßteilnehmer in der Residenzstadt an der Oder weilte, wird sich des geistvollen Mannes erinnern, der es wie kaum ein zweiter versteht, formvollendete, zündende Toaste zu improvisieren. Wie Biberfeld es weiß, eben Gehörtes aufzufangen und in einem wahren Feuerwerk wieder vor Augen zu führen, das macht ihm nicht so leicht ein zweiter nach. Und daß er der Verfasser der offiziellen Festspiele ist, daß er allwöchentlich seine beliebten gereimten Glossen zu den Tagesereignissen in den Zeitungen veröffentlicht, weiß in Breslau jedes Kind. Biberfeld gehört zu Breslau, wie Glaßbrenner zu, Berlin gehörte, oder wie etwa jetzt der Name Molnar mit Budapest verbunden ist. Biberfeld ist ein Gelegenheitsdichter, aber gerade in der weisen Beschränkung seiner dichterischen Tätigkeit liegt seine Kraft. Er greift nicht wie viele andere nach Kronen, die ihm versagt sind, er begnügt sich, als feinsinniger und geistvoller Zuschauer zu den Zeitereignissen Stellung zu nehmen. Er ist während des Krieges derselbe geblieben wie vor dem Kriege. Geistreich, ohne nach Witzen zu haschen, kraftvoll ohne Chauvinismus. In jedem seiner Gelegenheitsgedichte spürt man den seinen Geschmack, die unerbittliche Selbstkritik, die starke dichterische Schulung. Als Muster seien hier einige Strophen aus dem schönen Gedichte wiedergegeben, in dem Biberfeld in harter Zeit gegen unberechtigte Nörgelsucht Stellung nahm. Lemberg. Wieder lesen sie mit Behagen: „Zwei Armeekorps im Westen geschlagen,

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