Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
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Stande Unfern Kenntnis. Die interessanten Details von Philippsons Ausführungen können hier nur gestreift werden. So weist er z. B. daraus hin, daß Palästina, was den wenigsten Deutschen bekannt sein dürfte, mit seinen rund 30OVO Quadratkilometern nur etiva so groß wie Pommern ist. Die größten zusammenhängenden Anbauflächen bietet das einst stark bevölkerte Gebiet des Euphrat und Tigris, vor allem das Land von der Vereinigung dieser beiden Flüsse bis zum Persischen Golf, das alte Kulturland Babylonien, Irak. Hier müßten aber erst umfangreiche Wasserbauten hergestellt werden, ehe eine nicht einheimische Bevölkerung in diesen klimatisch zu den sommerheißesten Strecken der Erde gehörigen Gebieten wohnen könnte. Die schönen Pläne Willcox' zu einem Werke, das an Schwierigkeiten die Berieselung Aegyptens überträfe, werden aber von den Engländern kaum ausgesührt werden; und wer sonst sollte nach Beendigung des Weltkrieges so bald die Riesenkapitalien für diese großen Projekte zur Hand haben, fragt mit Recht Philippson".) Das die durch schlechte sanitäre Verhältnisse, ivie sie in Polen herrschen, durchaus nicht gekräftigten Juden auch keineswegs besonders geeignet sind, diese schweren Kulturarbeiten auszusühren, liegt auf der Hand. Für diese Gegenden kämen seines Erachtens daher nur Beivohner Oberägyptens oder Nordindiens wegen der ähnlichen Temperatur dieser Länder in Betracht, nicht aber Ostjuden. Dir?wri „Milchen" MorHen des Lorrsrrio. Von Gabriel E n g e l s m a n n. (Schluß.) as hat Boccaccio aus dieser knappen, dürftigen Anekdote gemacht! Seine Novelle „Der Jude Abraham in Rom" ist sicherlich eine der blutigsten Satiren aus die entarteten Mitglieder der Geistlichkeit, aber sie atmet zugleich eine tiefe. Verehrung für die katholische Religion, deren Wert so hoch geschätzt wird, als ihre unwürdigen Diener gegeißelt werden. Man sehe dagegen, welche Rolle in dieser Novelle der jüdischen Religion und ihren Bekennern zugewiesen wird: Ein frommer, redlicher, reicher und gelehrter Jude wird durch einen unwissenden chrisüichen Kaufmann ohne viele Schwierigkeiten von den Vorzügen der christlichen Religion belehrt und überzeugt; nur eine kleine Studienreise nach Rom behält sich der Jude vor! Wohlgemerkt: Nicht ein umvissender, etwa auch mit Geld oder mit Aussicht auf Ehren und Würden zu ködernder Jude ist es, der sich von einem gelehrten, ihn geistig überragenden christlichen Gelehrten überzeugen und bekehren läßt! Nein, ganz genau das Umgekehrte geschieht, obwohl es das Unwahrscheinliche und Unlogische ist. Die Novelle endet mit dem Triumphe der christlichen Religion über die jüdische. Und um diesen Triumph nur noch glänzender zu machen, werden — wie edel! — dem Juden Abraham sogar die schönsten und besten Eigenschaften in Hülle und Fülle zuerkannt. Man möchte, um dem antisemitischen Geiste der Zeit gerecht zu werden, beinahe sagen: der Jude Abraham wird mit den „unjüdischesten" Tugenden geschmückt. Er ist reich, aber weder ein Geiziger noch eine Wuchererseele. Er ist gelehrt, aber kein Rabulist. Streng religiös, aber kein Fanatiker. Und gemütvoll! Um einem 1S) Die Anbaumöglichkeiten für Körnerfrüchte in Mesopotamien führt H. G r o t h e in seiner neuesten Schrift „Türkisch-Asien und seine Wirtschastswerte" (Frankfurt a. M., Hendschel) auf das richtige Blaß zurück. lieben, christlichen Freunde ein kleines Vergnügen zu gönnen, ist der fromme, gelehrte, reiche und ehrliche Jude auch zur Taufe bereit . . . Sollte Boccaccio, der tiefe Seelenkenner, das Bild eines s v l ch e n Juden wirklich für eine echte Originälzeichnung gehalten haben? Hat er einen Juden gekannt, dem er bei einer solchen Motivierung den Uebertritt zum Christentum zugetraut hätte? Hat er — abgesehen von der Anekdote Saladin betreffend, die kein Wort von Bekehrung und Taufe weiß — vielleicht von einer ähnlichen, unter Juden vorgekommenen Bekehrungsgeschichte gelesen oder gehört? Wir glauben kaum. Wohl aber dürfen wir annehmen, daß Boccaccio, der notorisch ungemein belesen in alten Geschichtswerken nnd Chroniken war, von einer anderen höchst merkwürdigen h i st o r i s ch beglaubigten B e k e h r u n g s g e s ch i ch t e g e w u ß t h a t, in der gleichfalls e i n e .R e i s e nach Rom, der Aufenthalt in der päpstli che n Stadt und der dadurch gewonnene Einblick in das Leben und Treiben der römischen G e i st l i ch k e i t das entscheidende Moment spielten. Ueber den Fall, den wir meinen, haben (wie Grätz in seiner Geschichte sBand V, S. 218] bemerkt) „die Chroniken berichtet, wie über Kalamitäten von Heuschreckenschwärmen, Kometenerscheinungen, Ueberschwemmungen und Erdbeben". Das sagt wohl genug und würde, im Stile unserer Zeit von einem Ereignis der Gegemvart sprechend, bedeuten, daß der Fall ungeheuere Sensation erregt hat. Und man wird zugeben müssen, mit Recht, wenn man die nachstehenden, dem genannten Historiker folgenden Mitteilungen unbefangen liest: „Es war zur Regierungszeit Kaiser Ludwig des „Frommen", der seiner religiösen Gesinnung dieses Epitheton verdankte, bei seiner milden Gesinnung aber auch den Andersgläubigen in seinem Reiche, also auch den Juden ein gütiger, gerechter Fürst war. Er wurde in dieser Haltung wohl auch durch seine edle Gemahlin, die Kaiserin Judith, bestärkt, die geradezu eine besondere Hinneigung für das Judentum und seine großen Gestalten empfand. So kam es, daß die Juden des fränkischen Reiches — das auch Deutschland und Italien einschloß — einer Religionsfreiheit sich erfreuten, die einen Lichtpunkt in der Geschichte der Juden bildet. Was Wunder, daß sich in jener Zeit kirchliche Fanatiker fanden, denen die freundliche Behandlung der Juden ein Dorn im Auge war. An der Spitze der geistlichen Judenhasser stand Agobard, Bischof von Lyon, und er wendete sich mit verschiedenen Schriften an den Kaiser, um ihn gegen die Juden aufzuhehen, die ärger als die Ketzer und noch mehr als diese zu meiden seien. „Ludwig blieb aber den Juden gewogen, obwohl sein frommes Gemüt durch den Uebertritt eines seiner Lieblinge zum Judentum tief verwundet wurde und diese Tatsache ihn hätte gegen sie erbittern können. Die Bekehrung des Edelmannes und hohen Geistlichen Bo do zum Iudentnme hat zu ihrer Zeit viel Aufsehen erregt. Der Fall war in der Tat von außergewöhnlichen Umständen begleitet und geeignet, fromme Christen fortan stutzig zu machen. Bodo oder Puoto, aus einem alten alemannischen Geschlechte, weltlich und geistlich unterrichtet, war Geistlicher geworden und nahm den Rang eines Diakonus ein. Der Kaiser war ihm sehr gewogen und ernannte ihn zu seinem Seelsorger, um ihn stets bei sich zu haben. In fromm katholischer Gesinnung hatte sich Bodo die Erlaubnis erbeten, nach Rom ziehen zu dürfen, dort den Segen des Papstes zu empfangen und an den Gräbern der Apostel und Märtyrer zu beten. Der Kaiser gewährte ihm diesen Wunsch, entließ ihn und gab ihm reiche Geschenke. Aber an sta tt in der Haupt stadt der Ch rist e n h ei t in seinem Glauben ge stär kt