Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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416 Als im Laufe weiterer Zwischenbemerkungen Herr Samuel Bla deck, Herausgeber des „Vorwärts", den Zwischenruf machte: „Schließlich gibt es noch höhere Dinge als den Obersten Gerichtshof in den Vereinigten Staaten," verließen Herr Brandeis und die übrigen Mitglieder der Delegation den Saal. Rabbi S h u l m a n unterstützte die Resolution von Dr. Magnes. Er erklärte, daß er befürchtet hätte, die Juden könnten als eine Nation erklärt werden, und deshalb wurden die Worte: „einziger Zweck" in den § 2 der Resolution eingefügt. Nur in bezug auf die Hilfsaktion für die Juden auf der anderen Seite des Ozeans könnte Einigung erzielt werden, in keinem anderen Punkte. Viele andere Delegierte, unter ihnen die früheren Opponenten des Kongresses, sprachen sich für die Resolution aus. Herr Dr. Magnes betrat von neuem die Rednertribüne und führte aus, daß in der Resolution Platz für all das sei, was die Philadelphia-Plattform enthielte, es sei nur in anderer Form ausgedrückt. Dr. Louis H. Levin aus Baltimore meinte, wenn die Resolution tatsächlich der Philadelphia-Plattform nicht konträr sei, so sollten doch alle Einzelheiten der Philadelphia-Plattform als ein Amendement zu Punkt 1 hinzugefügt werden. Dr. Levins Vorschlag wurde von den Delegierten der Independent Order Bne-Brith applaudiert. Die Resolution wurde zur Abstimmung gestellt und ohne die vorgeschlagenen, auf eine Verständigung mit dem Kongreßkomitee hinzielenden Amendements angenommen, wobei auf Antrag Louis E. Levh (Philadelpia) nur Punkt 2 die folgende geänderte Fassung erhielt: „Da die Sache, die in § 1 behandelt wird, bei den Juden völliger Einmütigkeit begegnet, begrüßt die Konferenz die Einberufung eines Kongresses der Juden Amerikas für den alleinigen (sole purpose) Zweck, geeignete Schritte zu unternehmen, um eine derartige Aktion dlirchzu führen." Für die Amendements, die den Frieden herzustellen geeignet schienen, stimmte eine sehr bedeutende Minorität, unter ihnen die nationalen Mtglieder der „Arbeiterkomitees" (Workiiigmcn s Committees)- (Schluß folgt.) Dir Milche Auswanderung, Oaiältma und das Vttjudenprsbiem. Bon Marc Eber. II. erzls Idee eines Judenstaates in Palästina scheiterte seinerzeit an dem berechtigten Widerstande der Türkei. Der „kranke Mann" schien noch keine Lust zu haben, sein Testament zu machen und dabei den Juden ein schönes Erbteil zu hinterlassen'). Als man dann auf die Idee kam, in einem anderen Erdteil Land für die Ansiedelung von Massen zu suchen, und an Ostasrika dachte, da setzte ein energischer Widerstand ein, der das ganze Gebäude des Zionismus zu zerstören drohte. Da schien es, als ob vor allem die Hoffnung auf eine Zukunft in Palästina mit der Erinnerung an seinen alten Glanz die Zionisten zusammenhielt. Wenn später die türkische Regierung den Zionisten mehr Entgegenkommen bewies, so dürfte dies wohl daran liegen, daß sie richtig erkannte, daß diese Bewegung nicht so weite Kreise erfaßte, wie Herzl erhofft hatte. Dies führt uns zu einer anderen Art der Betrachtung der Frage jüdischer Kolonisation in Palästina. Alfred Philippson") scheint mir den richtigen Weg 7) Palästina nimmt nach seiner geographischen Lage meines Erachtens eine ähnliche Stellung ein wie die deutsche Bucht für unser Vaterland. Während die kleinasiatische Küste trotz ihrer reichen Gliederung keine größeren Häfen aufweist, bietet die Syriens und Palästinas wenigstens die Möglichkeit zu größeren Hafenbauten. Die Nähe Aegyptens verknüpft auch Palästina mit dein Welthandel. ®) „Auswanderung der polnisch-russischen Juden nach der Türkei?" „Berliner Tageblatt" vom 29. Januar 1910. betreten zu haben, wenn er vorerst nür zwei Fragen zur Diskussion stellt. Die eine — mehr politische — läßt er (aus richtigem Taktgefühl) offen: ob nämlich die Türkei, die bei einer Bevölkerung von etwa 21 Millionen nur 9 Millionen eigentlicher Türken im Lande wohnen hat, mit der Zuwanderung eines neuen Fremdvolkes von 2 bis 3 Millionen einverstanden wäre"). Mit diesen letzten Worten trifft Philippson den Hauptpunkt, der zur Diskussion steht (Philippson beginnt auch seinen Artikel damit; ich wollte nur den zweiten Punkt, da er mit meinen vorhergehenden Ausführungen zusammenhängt, vorwegnehmen). Er geht von folgender Erwägung aus: Eine Auswanderung von einigen Zehntausenden von Juden aus Polen könnte der Not kaum auf die Dauer steuern, da die östlichen Juden durch den starken Geburtenzuwachs bald wieder dieselbe Volksdichte erreichen würden; daher könne nur eine Massenauswanderung helfen. Abgesehen davon, daß sie große Geldsummen erforderte, die jetzt schwer aufzutreiben sind, wäre die Hauptfrage die, ob das O s m a n i s ch e Reich'") in der Lage ist, große Völkermassen aufzunehmen. (Wie die türkische Regierung sich dazu stellt, wurde oben berührt.) Philippson beschränkt sich dabei auf sein eigentliches Arbeitsgebiet, die Geographie. Nun ist dazu zu bemerken, daß er einer der Berufen st en zur Beantwortung der Frage nach den Möglichkeiten der Ansiedelung in Vorderasien ist. Alfred Philippson, Professor der Geographie an der Universität Bonn, gilt als einer der besten Kenner der Mittelmeerländer, besonders Griechenlands und Vorderasiens"). Wir betonen dies um so mehr, als das „Frankfurter Israelitische Faunlienblatt" Philippsons Artikel als „Professorenweisheit" abfertigen zu können glaubt. In welchen BerufSzweigen könnten nun die Juden in Vorderasien Unterkommen? Der Handel ist schon überfüllt, indem sich Griechen, Levantiner, Armenier, „die gerissensten Händler der Welt", darin teilen. Die Industrie ist klein, wenn auch der Entwicklung fähig, was aber Jahrzehnte erfordert. Bleibt der Ackerbau übrig* * * * * * 7"). Da fragt sich nun der sachkundige Geographieprosessor, ob in Vorderasien genug anbaufähiges Gebiet für Millionen von Menschen vorhanden ist, und kommt — um dies vorwegzunehmen — zu einem negativen Ergebnis nach dem jetzigen ") Die ablehnende Haltung, welche die türkische Regierung gegen die „Deutsch-Jsraelitisch-Osmanische Union" einnimmt, stellt jedenfalls ihren vorläusigeri, während des Krieges gewählten Standpunkt dar. — Sehr interessant sind auch die Ausführungen E. Schairers „Das türkische Bevölkerungsproblem" in der „Deutschen Levante- Zeitung" 6. Jahrg., Nr. 13, S. 508: „Bon vornherein möge hier bemerkt werden, daß eine Einwanderung deutscher Kolonisten in größerer Anzahl für die Türkei nicht in Betracht kommen kann . . . Nicht viel anders, vom türkischen Standpunkte aus betrachtet, steht es mit einem Gedanken, der ebenfalls nicht neu ist, aber gerade in letzter Zeit aus besonderen Anlässen heraus öfters neu diskutiert worden ist: die Verpflanzung jüdischer Kolonien in das Gebiet des Türkischen Reiches. Was die Türkei braucht, sind mohammedanische Einwanderer, und zwar in erster Linie türkischer Abstammung . . ." “) Philippson saßt das Problem also weiter als die Zionisten. ") Kürzlich ist als XII. Heft der Jäckhschen Orientbücherei seine vorzügliche populär-wissenschaftliche Uebersicht „Das Türkische Reich" erschienen (Weimar, Kiepenheuer). 7") Daß übrigens den Juden der Gegenwart der Ackerbau sehr nahe stünde, wäre vorerst noch zu bezweifeln; obwohl sie auch iu Polen aus dem Lande wohnen, möchte ich dies gegen die Zionisten behaupten. Zwar haben die Juden auch im Altertum ihr Land bestellt, doch liegen ihnen Handel und Gewerbe, die alle im Ghetto lebenden Juden zu treiben gezwungen waren, naturgemäß näher. Daran hat auch die Auswanderung nach Palästina wenig geändert, wie später gezeigt werden wird.