Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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415 Juden Amerikas ermöglichen, mitzuwirken an der Arbeit für ihre leidenden Brüder in der alten Welt." Den Bericht des „Jüdisch-nationalen Arbeiterkomitees" erstattete Herr Dr. Max Gold färb. Dieses Komitee ist von der jüdischnationalen 2lrbeiterkolwention eingesetzt worden, die vom 5. bis 7. September 1915 in New Uork stattgesnnden hatte, und auf der alle jüdischen 21 rdeiterorgan isatioiten 2lurerikas, die mehr als 40V 000 Mitglieder zählen, vertreten waren. Auf dieser Konvention war einstimmig der Beschluß gefaßt worden, mit allen anderen jüdischen Organisationen Amerikas auf demokratischer Basis in Verbindung zu treten. Dr. Cyrus Adler erstattete Bericht über die Tätigkeit des „American Jewish Committee"; er sprach von. den Bemühungen dieses Komitees, eine gemeinsame Plattfornr aufzustellen, auf der alle amerikanischen Juden geeinigt werden können. Die vorn 2t. I. C. vorgeschlagene Plattform sei sehr einfach gewesen: Gleichberechtigung für alle Juden in der Kriegszone und die Abschaffung aller gegen die Juden gerichteten 2lusnahmegesehe. Bis jetzt sei eine Einigung jedoch noch nicht erzielt worden, und das 21.1. C. habe daher uiit verschiedenen Organisationen über eine andere gemeinsame Plattfornr verhandelt. Dr. I. L. Ai a g n e s beantragte die Ernennung einer Resolutionskommission und schlug folgende Resolution zur Kongreßfrage vor: 1. Die Konferenz erstrebt die Durchführung einer einheitlichen Aktion, erst unter den Inden Amerikas und dann unter den Juden der ganzen Welt, nur volle Gleichberechtigung der Juden aller Länder und die Abschaffung aller Sondergesetze, die gegen sie gerichtet sind, zu erlangen. Der Ausdruck „volle Gleichberechtigung" soll verstanden werden als die zivilen, religiösen und politischen Rechte einschließend und in Ergänzung «hierzu die Ausdehnung von etwa existierenden Gruppenrechten aus die Juden, sofern diese sie wünschen. 2. Für diesen alleinigen Zweck (sole purpose) begünstigt die Konferenz die Einberufung eines Kongresses der Juden Amerikas. Z. Die Konferenz gibt ihrem hier noch zu wählenden Exekutivkomitee volle Machtbefugnis zur Erreichung der in § 1 genannten Ziele; sie ermächtigt zu diesem Zwecke das Exekutivkomitee, mit allen anderen Organisationen amerikanischer Juden für die Verwirklichung dieser Ziele zusammenzuarbeiten; sie erteilt ihm dementsprechend volle Machtbefugnis bezüglich der Vorbereitungen zur Einberufung des erwähnten Kongresses der amerikanischen Juden, seine Zeit, Ort und Wahlmethode wie auch seine Konstitution im allgemeinen. 4. Die Konferenz stellt ausdrücklich fest, daß nichts von dem hier Gesagten die Autonomie irgendeiner bestehenden nationa'l-j'üdischen Organisationschädigen soll. Richter Julian Mack meinte, daß es richtiger wäre, zunächst die Delegation der Kongreßorganisationen zu hören und sich erst später mit diesen Resolutionen, die vielleicht überflüssig werden binften, zu befassen. Dr. Magnes war -der Ansicht, daß die Kongreßfrage ohne Anhörung des Kongreßkomitees behandelt werden könnte. Die Delegation des Kongreßkomitees könnte vor Abstimmung der Resolutionen gehört werden. Dr. Soilis-Cohen aus Philadelphia unterstützte den Vorschlag von Richter M a ck und die Resolution von Herrn Dr. Magnes wurde dem Resolutionskomitee überwiesen. Dr. 2lde l so n bemerkte, daß Herr Dr. G o ld fa rb in seinem Referate von einem „Treubruch des Kongreßkomitees" gegenüber dem Arbeiterkomitee gesprochen habe, und schlug vor, diesen Ausdruck in dem offiziellen Berichte über die Konferenz zu streichen. Dr. Gold färb stimmte dem zu. Dr. Cyrus Adler schlug vor, die 2lrbeit für die Erlangung der jüdischen Gleichberechtigung sofort aufzunehmen, ohne den Kongreß abzuwarten. * Die zweite Sitzung der Konferenz war ausschließlich der Kongreßsrage gewidmet und nahm einen stürmischen Verlauf. Als die vorn 2lmerikanisckpJüdischen Kongreßkomitee gewählte Delegation, bestehend aus den Herren Louis D. B r a n d e i s, Hllgo P a m und Leo Sanders, von den Herren Dr. Pereira Mondes und Mr. Dushkin geleitet, den Saal betrat, wurde sie mit anhaltendem Applaus begrüßt. Rabbi Mondes führte die Delegation mit einer kurzen Ansprache ein, und nach einer herzlichen Begrüßung durch den Vorsitzenden Herrn Marshall ergriff Herr Brandeis das Wort und führte etwa folgendes aus: „Das Kongreß Exeeutiv Committee als solches hat es aus verständlichen Gründen nicht für möglich gefunden, Delegierte git dieser Konferenz zu entsenden. Wir sind jedoch erschienen, mn unsere Stellung klarzulegen unb um unserem Wunsche 2lusdruck zu verleihen, Sie in unseren Reiheil zu sehen. Die Kongreßbeweguug erstrebt die Einigung der amerikanischen Judenheit nicht in 21 ns i ch t e n, s v N'd e r n i n T a t e u. Nur ein repräsentativer Kongreß kann in wirklicher Einigkeit arbeiten und die Einsicht und den festen Willen aller für e i n Ziel formen. An alle Juden Amerikas war der Ruf zur Teilnahme an der Philadelphia-Konferenz ergangen. Wir waren indessen gezwungen, weiterzugehen, ohne durch ihre Erfahrung und Einsicht bereichert zu werden. Doch unsere Türen stehen offen. In unserem Exekutivkomitee ist Platz gelassen für alle die, die später zu uns konlmen wollen. Wir haben bisher alles nur provisorisch organisiert, um den Späterkommenden Gelegenheit zu geben, an der permanenten endgültigen Organisation teilzunehmen. Wir haben deshalb auch gezögert, ein Wahlsystem zu bestimmen, weil wir Ihr Urteil in dieser wie in anderen Fragen nicht entbehren möchten. So schnell wie möglich erwnnschen mx die Unterstützung und Erfahrung eines jeden Zweiges, einer jeden Gemeinschaft des jüdischen Volkes, bamit sich alle zusammenfinden mögen, um wirklich den Willen des jüdischen Volkes kundzntun in einer Zeit, die vielleicht die größte Krisis in der Judenheit ausmacht. Die von Herrn Dr. Magnes vorgeschlagene Resolntioll macht aber die Aussichten aus eine Einigung sehr zweifelhaft. Sie berücksichtigt gar nicht, daß w i r durch die Beschlüsse der Konferenz in Philadelphia geblmden sind, und formuliert das Programm des Kongresses wesentlich enger, als es die Konferenz in Philadelphia bereits angenommen hat. Die Kongreßbewegung tritt für nationale Rechte in all den Ländern ein, wo diese logischerweise verlangt ^rerden könnten. Dr. Magnes hat über „Gruppenrechte" nur in denjenigen Ländern gesprochen, wo sie von den Juden selbst verlangt würden. Die Inden in verschiedenen Ländern sind jedoch nicht in der Lage, diese Gruppenrechte selbst zu verlangen. Die Kongreßplattform enthält einen Punkt über Palästina, einen weiteren über eine Kommission zum internationalen Friedenskongreß, welche sich mit den Juden anderer Länder vereinen soll. Hiervon ist in der Resolution vor: Dr. Magnes nicht die Rede. Vor allem wollen w i r den Kongreß nicht binden. S i e sprechen hingegen im § 2 Ihrer Resolution über den „alleinigen Zweck", als befürchten Sie irgend etwas. Die Macht dieser Delegation ist beschränkt. Sie kann nur eine Einigung bewirken. Die Philadelphia-Plattform bindet sie. Zwingen Sie uns nicht, allein zu gehen, wir brauchen Sie, wir erwünschen die vereinigte Stärke aller Juden für unsere Arbeit, aber Sie müssen Tatsachen in Betracht ziehen, und die Philadelphia-. Konferenz, zu der zu kommen Sie sich weigerten, ist eine Tatsache." Die Rede des Herrn Brandeis machte einen tiefen Eindruck aus die Versammlung. Herr Mayer Sulzberger brach das Schweigen mit dem ärgerlichen Ausrufe: „Ich kam nicht hierher, um phantastische Reden anzuhören. Dort drüben bluten fünf Millionen Juden zu Tode und hier sprechen wir über die Organisierung der amerikanischen Judenheit." Hiermit verließ er den Saal. Herr Oscar Straus sprach sich darauf gegen einen Kongreß während der Kriegszeit aus. Herr Dr. Magnes führte folgendes aus: „Wenn Justice Brandeis vor die Juden dieses Landes mit einem Programm tritt, wie er es hier entwickelt hat, so wird er eine so große Niederlage erleiden, wie sein heutiger Empfang überwältigend war. Auf dieser Konferenz zu erscheinen und zu sagen: „Entweder kommt ihr in unsere Organisation nach unserer Plattform, oder ihr könnt überhaupt nicht hineinkommen, das ist kein Weg, Frieden und Harmonie zu schaffen." (Stürmische Zurufe aus dem 2luditorium verlangten die Zurücknahme dieser Worte.) „Es tut mir leid, wenn ich beleidigt haben könnte," sagte Dr. Magnes. „Sie beleidigten mich nicht," entgegnete Herr B r a n d e i s, „aber Ihr Ton betrübt mich, denn ich fürchte, daß Sie nicht Mitarbeit leisten wollen."