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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-01 · Heft 35 (1.9.1916) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 35 (1.9.1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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413 jedoch nach späteren Erläuterungen imb Irl bet Praxis unterrichtete man in Jiddisch. Wegen dieser Frage ist an die Okkupationsbehörden ein Memorial eingereicht worden, und die Erörterungen darüber berechtigen zu den besten Hoffnungen. Charakteristisch ist, daß in dem Gesuch die kleinbürgerlichen Schichten Hand in Hand mit den, Proletariern unter der Führung der jüdisch-sozialen Organisation gehen. Als den Juden die Schulbildung in ihrer Muttersprache zugänglich gemacht wurde, ließen die Okkupationsbehörden eine genügende Zahl Lehrer gründlich ausbilden. Die Unterrichtskurse, die durch den Kaiserlich Deutschen Polizeipräsidenten geschaffen wurden, haben auch für die Juden großen Nutzen gehabt. Als Lektoren sind die besten Pädagogen nationaler wie zionistischer Richtung, die Unterricht in Jiddisch und Hebräisch erteilten, tätig. Der Erfolg ihrer Arbeit war, daß tausend gut vorbereitete Lehrer den Unterricht in den Schulen ausnehmen konnten, uni unter der Masse jüdische und allgemeine Bildung zu verbreiten. Der letzte große Akt für Polen ist die Selbstverwaltung, die Warschau auf Grund von Wahlen erhalten hat. Hierbei waren die Juden nicht allein gleichberechtigt, sondern durch das proportionale System war ihnen die Möglichkeit gegeben, ihr Recht wirklich anszunutzen, ohne befürchten zu müssen, durch die Mehrheit besiegt zu werden. Das Blatt bezeichnet dementsprechend den 5. August als einen wichtigen Wendepunkt; als solcher müsse er in der Geschichte der polnischen Juden mit goldenen Lettern verzeichnet werden. * Endlich sei aus einem Berliner Bericht der „Elbinger Zeitung" über „Jiddisches Theater bei unseren Kriegsgefangenen" folgende Notiz wiedergegeben: Unsere Kriegsgefangenen, sämtlich Berufsschauspieler in ihrer Heimat, spielen heute: „C h a ß j a , die Warf e". Der arme Dorsjnde Mattel Streichet bringt seine Tochter Ehaßja mit Händen und Füßen redend zu ihrer reichen Tante Fredja, um sie der bösen Stiefmutter zu entziehen. Das naive Kind will sich an die Verwandten anschließen: wird aber dort doppelt schlecht behandelt: ein Aschenbrödel. Doch sie liebt ihren Vetter Wladimir. Auch in ihrem Onkel erregt das schöne Mädchen Lenzgefühle — selbst der Bräutigam der Haustochter Karoline stellt ihr nach! Karoline ist eifersüchtig — das ergibt Offensive und Defensive mit vier Fronten. Wladimirs Eltern drohen dem liebenden Sohn mit Verstoßung, Chaßja gibt sich ihm hin. Sie verteidigt ihn sogar, als Wladimir . . . Karolines Brosche stiehlt! Das selbstherrliche Liebespaar leidet Not! Wladimir, der das Arbeiten nicht gelernt hat, treibt sich herum und wendet sich wieder an die Eltern. Als diese Chaßja und ihr Kind heimschicken wollen und mit Geld abfinden, vergiftet sie sich. Die Vorstellung dauerte zwei Stunden ohne Kulissenwechsel. Alle Theaterbesucher waren hochbeglückt und ließen ihren Beifall laut schallen, mit Herzen, Mund und Händen. Grill der Nabbmer. Ein geplantes Werk von Leopold Zunz. «opold Zunz überschickte seinem Lehrer und väterlichen Freunde S. M. Ehrenberg am 7. Juli 1820 ein ungemein wichtiges Verzeichnis aller seiner bisher erschienenen kleinen Arbeiten, aus dem man manches Neue lernt trotz Steinschneiders umsichtigen Bibliographien. In diesem Verzeichnis nennt er einen in der „Spenerschen Zeitung" 1819 Nr. 88 anonym erschienenen Aussatz „Geist der Rabbiner" und sagt darüber: „Es hat in Deutschland großes Aufsehen erregt, eine zweite Auflage erlebt, und in Beziehung darauf schrieb der Fürst Hardenberg den Vertretern der alten Synagoge, daß der Rabbinismus bereits in öffentlichen Blättern gehörig gewürdigt worden." Ganz offenbar ist damit das Schreiben Hardenbergs gemeint vom 12. August 1819, abgedruckt in meiner „Geschichte der Juden in Berlin" Band II, S. 231 ff., worin der Passus vorkvmmt: „Die rabbinischen Gutachten ... sind eben deshalb, und insofern sie nicht in der mosaischen Religion begründet sind, als verwerflich und den bürgerlichen Zustand der jüdischen Glaubensverwandten sehr verschlimmernd in öffentlichen Schriften bereits beurteilt worden." Der gänzlich unbekannte Aufsatz von Zunz lautet folgendermaßen: G e i st der Rabbiner. Wir machen hiermit das Publikum auf eine Schrift aufmerksam, die unter obigem Titel erscheinen wird und worin der Verfasser, dem Gange der Geschichte streng folgend, auf das Resultat gekommen ist, daß der gegenwärtige Rabbinismus ein entartetes Institut von Unwissenheit, Hochmut und Fanatismus geworden, welcher dem besseren Streben der Juden wie den menschenfreundlichen Maßregeln der Regierungen schnurstracks zuwiderlaufe. Es ist daher in demselben die frühere — etwa bis auf die Reformation reichende — gelehrte von der späteren barbarischen Periode sorgfältig zu scheiden. Die heutigen Rabbiner aber verstehen ihren eigenen Talmud nicht einmal. Als der neueste Beleg sind am Schlüsse des hier angekündigten Werkes Auszüge aus dem kürzlich zu Hamburg gedruckten, gegen die dortige deutsche Synagoge gerichteten Dib're-hab'rith (Worte des Blindes) gemacht, von denen wir hier einiges mitteilen. Zwanzig Rabbiner, aufgefordert von den sogenannten drei jüdischen Richtern in Hamburg, die so wenig wie jene Rabbiner Sprach- und Sachkenntnis besitzen, loszuschlagen auf die deutsche Synagoge, schreiben Briese. Zwar scheuen sie das Tageslicht — wie denn (S. 93) ein Rabbiner in Mähren weitläufig sich ärgert, daß der sündhafte Verfasser des Sendschreibens (Rießer, Hamburg 1819) in der „Sprache der Völker" geschrieben —; aber sie fürchten auch die Entbehrlichkeit, welche der Rabbinerzunft von der deutschen 'Synagoge droht. Was tun sie nun, die Söhne der Weltlichter (Meorim haggadolim)? Nachdem sie herausgebracht, daß Gegengründe da, wo keine zu finden, schwierig zu sein pflegen und Ueberzeugung ihres Unsinns unmöglich, fluchen sie den Anhängern des deutschen Gottesdienstes und schimpfen vorläufig wie folgt: „Diese schamlosen, unwissenden, niederträchtigen Epikuräer — dieses Gesindel von Neuerern, Freigeistern und Bösewichtern, diese rebellischen, frechen, greuelvollen Dummköpfe — die Verführer, Müßiggänger, blinde Idioten, Seelenverkäufer, Pest, obskure kleine Füchse ufw. nsw." Nebenher werden die drei Dinge (Aenderung der Gebetsformeln, Einführung der deutschen Sprache und der Orgel), worüber (S. 76, 85, 86, 88, 90) die Erde nicht eilfertig genug platzen kann, höchst sinnreich also umgestoßen: „Wir seien", meint der Paduaner (S. 47), „zu ohnmächtig, im Gebet etwas zu überschlagen und auch nur ein Haarbreit vom Talmud abzuweichen! in den Wörtern (S. 49) stecke eine verborgene Sympathie und furchtbare Geheimnisse, Bergen, die an Haaren schweben, vergleichbar." Das meint auch der Hanauer (S. 73) und der Breslauer (S. 25), und der göttliche Jsaac Loria, versichert der aus Mainz (S. 3), habe es durch die Kabbala bestätigt. „Daher", sagen Livornos Rabbiner, „sei das neue Hamburgische Gebetbuch und — wie der Presburger (S. 67, 30) Dr. Leopold Zunz, 50 Jahre alt.

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