Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229268--72482-3284927- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
412 n ii o n X] m c F l u g sch r i f t, die mit Schreibmaschinenschrift hergestellt ist und etioas über zwei Folioseiten füllt. Auch dieses Pamphlet strotzt von allerhand Angriffen gegen den Reichskanzler und Zeichnet sich vor allem durch seinen Antisemitismus niedrigster Art aus. Wir wollen im folgenden nur einige charakteristischen Stellen dieses üblen Machwerks herausgreifen, um sie niedriger zu hängen: „Da die Zensur den öffentlichen Ausdruck der wahren Gesinnung des Volks verhindert, muß ein anderer Weg gesucht werden, auf dem ehrliche deutsch Denkende sich verständigen . . . Unverkennbar wird von der Reichsregierung eine besondere Klasse von Staatsbürgern auffällig begünstigt . . . Alle rechtsstehenden und deutschempfindenden Kreise werden sichtlich zurückgesetzt ... Das deutsche Volk soll unter jüdische Vormundschaft kommen. Ferner führt das Verhalten der Reichsregierung gegenüber einzelnen Bundesstaaten dem längst eingeschlafenen Partikularismus Nahrung zu . . . Wir können daher nicht mit Vertrauen einer Entwicklung Zusehen, die dem Abgrunde zustrebt. Wer Gelegenheit hat, die wahre Stimmung in unserem Volk kennenzulernen, wird gewahren, daß sich überall verhängnisvoll der Unwillen gegen die jetzige verantwortliche Leitung der Reichsgeschäfte steigert . . . Wer diese Ueberzeugungen teilt, der mag durch Abschrift dieses Schreiben weiterverbreiten..." „Eine Anzahl hochachtbarer Männer", heißt es zum Schlüsse, „hat sich bereit erklärt, dieses Schreiben zu unterzeichnen. Gegebenenfalls sind die Verfasser bereit, für das Gesagte einzutreten." In denselben Kreis führt uns eine Darlegung des „Badischen Beobachters". Wir wünschten sehr, daß einer unserer badischen Freunde, der mit den dortigen Verhältnissen vertraut ist, nns genauere Aufklärungen darüber sendete. Ein antisemitischer Zug. Unter dieser Ueberschrift besaßt sich die „Mannheimer Volksftimme" mit den Ausführungen im „Bad. Beobachter" über den Komin unalvorband Offenburg-Land und das starke Hervor treten der Juden in demselben. Fast erheiternd mutet es -an, daß die „Volksstimme" in dem Artikel „Rücksichtnahme auf die Zeitverhältnisse" vermißt, „die ja so mancherlei Schwierigkeiten zuwege bringen". Geradezu rührend ist es, mit welcher Sorgfalt sie >dem Kommunalverband Qffenburg-Land beispringt: „Allein man weih ja, in welcher Not sich die Behörden hinsichtlich der Sicherung genügender Arbeitskräfte befinden und man darf gegen einen Komnrunalverband nicht deshalb zu Felde ziehen, weil er auch Israeliten beschäftigt." Wir haben mit keiner Silbe getadelt, daß a u ch Israeliten beschäftigt werden: es handelte sich vielmehr um die objektive Feststellimg, daß die Israeliten so auffallend bevorzugt werden und daß ihr wenig Rücksicht auf Zeit und Umstände verratendes Gebaren einen antisemitischen Zug zur Folge habe. Die Tatsachen sind nicht wegzustreiten. Daß ausfallend viele Israeliten herangezogen werden, trifft auch in anderen Bezirken zu: so erhielten die Genehmigung zum Diehanfkauf vom Großherzoglichen Bezirksamt Freiburg am 8. März unter 39 Personen nur etwa 18 Juden, vom Bezirksamt Emmendingen dagegen am 14. März unter 41 Personen etwa 80 Juden, vom Bezirksamt Breisach am 14. März unter 51 Personen etwa 48 jüdische Handellsmänner. Wir geben gern zu, daß insofern eine stärkere Heranziehung der Inden nahe gelegen haben mag, als diese auch sonst am Handel stärker beteiligt sind. Man darf aber nicht Wer sehen, daß es sich dabei um die Uebertragung besonderer öffentlicher Rechte handelt und daß es ganz darauf ankommt, wie von diesen Rechten Gebrauch gemacht wird. Wir lvisien uns frei von jedem Antisemitismus und würden es beklagen und bedauern, wenn einer bloß deshalb, weil er Jude ist, wegen des unschönen Gebarens einzelner seiner Stammesgenossen schief angesehen oder gar angefeindet würde; aber aus die Tatsache, daß ein gewisser antisemitischer Zug in unserem Volke im Wachsen begriffen ist, mußte aufmerksam gemacht werden, damit nicht die Behörden denselben durch ungeeignete Maßnahmen noch mehr fördern. Diese Imponderabilien dürfen nicht einfach ignoriert oder totgeschv.ueg.en werden, wenn nicht zum Schaden des Ganzen das Nebel größer werden soll. Dem aufmerksamen Beobachter des Volkes und der Zeitverhältnisse können diese Dinge nicht entgehen, und es hieße den Israeliten in ihrer Gesamtheit -einen schlechten Dienst erweisen, bloß deshalb, weil gs ein heikles Thema ist, mit Stillschweigen darüber hinweggehen zu wollen. Der antisemitische Zug ist eine Tatsache, auf .die uns übrigens schon vor mehreren Wochen zum erstenmal ein Karlsruher Sozialdemokrat in. angesehener Stellung aufmerksam gemacht hat, indem er ohne Veranlassung unsererseits bemerkte: „Er sei kein Antisemit, aber daß der Krieg mit seinen Begleiterscheimmgen in der Heimat eine antisemitische Bewegung bringe, sei Tatsache, und man könne es auch vielen Leuten nicht verargen." Gerade 'diese Umstände müßten unsere maßgebenden Behörden im Interesse des inneren Friedens, der „Einheit und Geschlossenheit des deutschen Volkes veranlassen, alles zu vermeiden, was ungewollt eine beklagenswerte Bewegung gegen einen Teil der deutschen Staatsbürger fördern kann und fördern muß." * lieber eine schon mehrfach erwähnte Angelegenheit, den Zwangs dien st der russischen Juden in England, geben wir einer Aeußerung des „Berliner Tageblatts" Raum. Sie lautet: R o t t e r d a in, 23. August. Bekanntlich besteht in England eine Bewegung, sämtliche Russen, die sich i n E n g l a n d aufhalten, g e w a l t s a m n a ch Rußland z u r ü ck z u s ch i ck >e n. Der Minister Samuel teilte gestern im Unterhaus mit, ein Komitee russischer Juden habe sich ihm gegenüber bereit erklärt, die in England ansässigen' Russen zum Eintritt ins englische Heer zu überreden. Diejenigen, die sich einschreiben ließen, könnten sich kostenlos nationalisieren lassen. Verschiedene Unterhausmitglieder, welche die Rücksendung befürworten, ersuchten die Regierung, keine Entscheidung zu treffen, bevor das Haus im Herbst wieder zusammenkommt. * Den folgenden sehr interessanten Artikel entnehmen wir der „Frankfurter Zeitung": Dom Judentum in Polen. Warschau. Anläßlich des Jahrestages der Einnah m e Warschaus spricht sich auch die jüdische Presse über die seitdem eingetretenen Veränderungen aus. Das „Warschauer Tageblatt" hebt .die Bedeutung des Tages für das Judentum in Polen in mehreren Artikeln hervor. Es verweist auf die Bedrückungen, die dieses von Rußland erfahren hat; im ersten Abschnitt des Weltkrieges war das Leben für die Juden in Polen ganz unerträglich. Ueber den Umschwung nach dem Einzug der Deutschen äußert sich das Blatt: Die jüdischen Zeitungen durften wieder erscheinen, und die Juden erhielten in diesem wichtigen Moment die Möglichkeit, ihre Angelegenheiten in ihrer Muttersprache zu behandeln. Ter Geist Europas trat in Gegensatz zur asiatischen Tyrannei. Er zeigte sich auch sofort in dem Verhalten zu den polnischen und jüdischen Beziehungen. Zu einem guten Einvernehmen, wie dieses eigentlich unter Kindern eines Landes herrschen müßte, fehlt noch viel, aber trotz alledem ist eine Wendung zum Guten schon eingetreten. Es wurde der Burgfriede proklamiert, durch den die Hetzereien der russischen Lakaien unmöglich wurden. Sodann begann das Dürgerkomitee sich ein wenig mehr für die Juden zu interessieren. Die jüdische Gleichberechtigung, die die Juden bis dahin nur auf dem Papier besaßen, wurde praktisch durchgeführt. Die Besatzungsbehörden nahmen Juden als Beamte in verschiedenen Abteilungen an. Einige Juden erhielten auch bürgerliche Aemter in Einrichtungen, die von verschiedenen polnischen Komitees geleitet werden. Es triumphierte das fortschrittliche Prinzip, wonach Juden auch fähig sind, ein Amt zu bekleiden, ebenso wie Nichtjuden. Besondere Aufmerksamkeit fordern die neuen S p o r t v e r b ä n d e. Daß die Juden Gymnastik treiben, war den Russen gar nicht recht, da sie es für die Vorbereitung einer „Revolution" hielten . . ., heute sind Scouts- und Turnvereine geschaffen, die Hunderte von Mitgliedern zählen. Das Kommando ans Hebräisch oder Jüdisch und der Geist, der dort herrscht, stempelt diese Bewegung als jüdisch-nationale. Eine ganz neue Zeit begann für die Inden auf kulturellem Gebiet. Gleich die ersten Bekanntmachungen der Okkupationsbehörden proklamierten vollkommene Gleichberechtigung der Juden und betonten die Notwendigkeit, daß der Religionsunterricht so zu ordnen sei, daß er die gläubige Bevölkerung befriedige. Was den Unterricht anbetrifft, so wurde am Anfang die deutsche Sprache vorgeschrieben;