Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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411 geschehen. Nirgends ist ein Zurückweichen der Unsrigen erfolgt, sondern auf allen Kampfplätzen haben sie nicht nur den Ansturm tapferer, an Zahl und an Kampfmitteln überlegener Gegner abgewehrt, sondern sind, vor allem auch auf dem mazedonischen Kriegsschauplatz, wohin nun auch die Italiener ihre Truppen gesendet haben, in siegreichem Vorrücken begriffen. Freilich hat inzwischen Rumänien an Oesterreich-Ungarn und Italien an Deutschland den Krieg erklärt, allein diese Kriegserklärung entmutigt uns so wenig, wie sie uns überrascht. Wir betrachten den schnellen Entschluß unserer Regierung, den rumänischen Vertragsbruch mit der Kriegserklärung zu beantworten, als korrekt und weise, vertrauen auf Gott und Deutschlands ungeschwächte Kraft und sind der festen Zuversicht, daß die Hoffnung unserer 'zahlreichen Feinde, uns zu besiegen, auch ferner zuschanden werden wird. Und wenn sie auch sortfahren, von ihrem Sieg zu prahlen, den baldigen Niedergang Deutschlands zu prophezeien und von deO Länge der Zeit den Erfolg zu erwarten, der ihnen durch Waffengewalt nicht möglich geworden ist, sie müßten, wenn sie nicht vorzögen, der Wahrheit ebenso dreist ins Gesicht zu schlagen wie dem Recht, offen bekennen, daß ihre Rechnung eine falsche gewesen und daß ihr frevelhaftes Unternehmen, Deutschland und die mit ihm verbündeten Mächte unter sich zu zwingen, gescheitert ist. Aber zu dieser Einsicht, zu einer solchen Erkenntnis ist noch ein langer Weg, und ehe dieser, der den Jrregehenden sauer genug werden muß, angetreten, ja zurückgelegt worden ist, kann an einen Frieden, der von ihnen ebenso innig ersehnt wird wie von uns, nicht gedacht werden. Wenige Tage, nachdem dieser Bericht die Presse verläßt, wird der Prospekt der für Anfang September in Aussicht genommenen fünften deutschen Reichskriegsanleihe erscheinen. Durch eine solche werden unserem Volke schwere Opfer zugemutet. Aber sie müssen gebracht werden, so sehr sich dadurch auch die Schuldenlast des Reiches mehrt und so entsetzlich auch die Verpflichtungen für die Zukunft damit werden. Die Berichte über die Entwicklung unseres Handels und unserer Industrie sind glänzend, die Einnahmen der großen Gesellschaften, nicht nur derjenigen, die unmittelbar für Kriegserzeugnisse arbeiten, sondern auch unserer Banken, sind ins Kolossale gewachsen; viele Private sind trotz der Teuerung, durch kluge Benutzung der Umstände, zu Wohlstand, ja zu Reichtum gelangt. Diesen allen ist es kein Opfer, sich dessen zum Wohle des Reiches zu entäußern, was sie in den Bedrängnissen der Allgemeinheit sich zu verschaffen in der Lage waren. Sie werden, des sind wir gewiß, dem Reiche geben, was das Reich braucht. Aber auch alle diejenigen, die aus dem Krieg und durch ihn keine Vorteile für sich erlangt, sondern nur Verminderung ihres Einkommens, ja unwiederbringliche Verluste erlitten haben, müssen bedenken, daß in der Wohlfahrt des Vaterlandes ihre eigene Sicherheit begründet, ihre Zukunft erhalten ist. Ein jeder muß bedenken, daß er zur Zeichnung dieser Anleihe, die wir, nicht prahlerisch wie unsere Feinde, Sieges-, sondern Kriegsanleihe nennen, verpflichtet ist. Sage keiner, daß er nicht zeichnen könne. Zeige niemand sich kleinlich und bedenklich für die Zukunft, denn es geht um ein Unabweisbares und um ein Heiliges: die Sicherung des Vaterlandes, die Stärkung «unserer Stellung, den Fortbestand unseres herrlichen, unvergleichlichen, vielgeliebten deutschen Landes. Keine Entbehrung, kein Opfer darf für diesen herrlichen Zweck gescheut werden. # Ein solcher Appell richtet sich zunächst au unsere Glaubensgenossen. Sie mögen sich in ihren vaterländischen Gefühlen nicht beeinträchtigen, in ihrer Gebefreudigkeit nicht zurückdrängen lassen durch die leider nicht wegzuleugnende Tatsache, daß sich der Antisemitismus sehr laut gebärdet und dreist hervorwagt. In welchem Tone solche Angriffe gemacht werden, lehre folgendes Pröbchen der „Deutschen Tageszeitung": Es war wieder nichts damit. Nach den: westfälischen Musketier und dem Feldrabbiner der Fliegerleutnant, nach dem ersten Eisernen zweiter und dem Eisernen erster der Pour le m4rite — und jedesmal verunglückt! Das „Berliner Tageblatt" hatte über den jüngst mit dem Orden Pour le merite ausgezeichneten Fliegerleutnant Frankl einen langen Lebenslauf gebracht, worin der Vater des braven Fliegers mit dem Vornamen Isidor bedacht und des weiteren erzählt worden war, daß Frankl, der Sohn, seine Laufbahn als Lehrling in einem Getreidegeschäft begonnen habe. Die im selben Hause Mosse erscheinende „V o l k s z e i t u n g" hatte genau denselben Wortlaut gebracht, mit einer Einschaltung den Vater des Fliegerleutnants aber zum verstorbenen jüdischen Kaufmann Isidor Frankl umgewandelt. Aehnlich so die übrige dazu gehörige, in solchen Dingen wie Kletten zusammenhaltende Presse. Dieser Beharrlichkeit, diesem Durchhalten im Aufspüren gewisser Stammesberühmtheiten scheint jedoch andauernd Pech beschieden m sein. Denn auch in diesem Falle war es wieder einmal nichts. Wie Frau Berta Frankl dem „Berliner Tageblatt mitteilt und wie dieses an einer versteckten Stelle es wiedergibt, hieß ihr Mann nicht Isidor, sondern Emil; auch sei ihr Sohn nie Lehrling in einem Warengeschäft gewesen. — Die Freude war also auch hier von kurzer Dauer. Das „Berliner Tageblatt" wird es an der gebührenden Antwort nicht fehlen lassen. * Herr Dr. N. Spanier in Magdeburg schreibt uns: Im Anschluß an die an Sie gerichtete Zuschrift des Herrn Sanitätsrats Dr. Scherbel (Lissa) (Nr. 33 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. August), worin u. a. „das M a ß h a l t e n für die erste Segensquelle des Judentums" erklärt wird, möchte ich mir die Bemerkung erlauben, daß das nicht durchweg für empfehlenswert erachtet werden darf. Plumpen Angriffen auf das Judentum und seine Bekenner kann nicht in zarter Weise begegnet werden, ebenso wie ein grober Klotz nur durch derbe Werkzeuge bearbeitet werden kann. Ich fand seinerzeit in einem Werke von Lic. Dr. theol. E. Thomas, Seminarle'hrer (jetzt Seminardirektor), betitelt: „Geschichte des Alten Bundes. Ein Handbuch zum geschichtlichen Verständnis des Alten Testaments. Besonders für Lehrer" folgende Behauptung: „Am meisten zog aber die Gestalt Jakobs an, auf die die Israeliten, teils unabsichtlich, teils willkürlich dichtend, viele Zügeihres eigenen Charakters, Schlauheit, List, Hang zum Betrüge und zur Intrige . . . übertrugen." Eine solche Infamie, die die antisemitische Sinnesart und wissenschaftliche Methode des Verfassers genügend kennzeichnet, wird Lehrern aufgetischt, damit diese Lüge in zarte Kinderseelen verpflanzt werde, um urwüchsige Antisemiten zu züchten. Auf solche Lehrtätigkeit paßt das Wort des Propheten Jeremia (48, 10): „Verabscheuenswert ist derjenige, der das Werk Gottes mit Lug und Trug betreibt." Bei solchem Treiben kann von „Maßhalten" keine Rede sein; derartigen Behauptungen kann man nicht schroff genug entgegentreten. Dieser Hang zu Verallgemeinerungen ist in der antisemitischen Welt sehr verbreitet. Wie lächerlich wäre es, für die Betrügereien und Mordtaten einiger Christen die gesamte Christenheit verantwortlich zu machen! Wie absurd, das unwissenschaftliche Gebaren eines 'Geminardirektors sämtlichen Seminardirektoren aufzuhalsen! * Wie offen in Sachsen, einem Hauptmittelpunkt judenfeindlicher Bestrebungen, diese Gesinnung sich wieder geltend macht, wird durch die nachstehende Mitteilung des „Berliner Tageblattes" erhärtet: Die P a ur p h l e t l i t e r a t u r. Aus dem Königreich Sachsen erhalten wir von dem Leiter eines Jndustrieunternehulens eine demselben Angegangene neue