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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-01 · Heft 35 (1.9.1916) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 35 (1.9.1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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410 sind sie bei christlichen Gelehrten zur Genüge gewöhnt —, lehnen wir die Notwendigkeit einer „Neufundamentierung" der Religion ab. Die in ihrer ganzen Reinheit erfaßte Vorstellung des Judentums von Gott als Inbegriff der Heiligkeit und als erster und höchster Erreger kann für sich zum mindesten den gleichen Wahrheitsgrad in Anspruch nehmen wie die wissenschaftlichen Hypothesen: das Beweismaterial für diese wiegt wahrlich nicht so erdrückend schwer, daß man von einer Ueberwindung des Gottesglaubens sprechen dürfte. Aus der Grundlage dieses seines Gottesglaubens aber hat gerade das Judentum das „höhere Menschentum" gepflegt und gefördert und wird cs auch künftighin erfolgreich wirken, ob auch noch manche Erstarrung aus alten Zeiten wird gelöst werden müssen. II. In einer Reihe für sich abgeschlossener Betrachtungen null Paul Eberhardt Religion aufbauen*). Er stellt sich damit in bewußten Gegensatz zu der Bewegung, die einen völligen Neubau der Religion als notwendig erachtet, wie sie z. B. in der eben besprochenen Schrift von E. Becker vertreten wird. Eberhardt hält das Fundament für gut, die Grundlagen der alten Religionen sind weder verfallen noch morsch; nur ein neuer Aufbau ist erforderlich geworden, weil der alte nicht mehr den Stürmen Trotz bietet, weil schon Nisse in ihm klaffen, die vielleicht gar das Fundament gefährden. Vielleicht ist seine Absicht zu vergleichen mit der unserer alten Propheten, die ja auch ihre Hauptaufgabe darin sahen, der inneren Verflachung der Religion und ihrer äußeren Durchsetzung mit unreligiösen Modewahrheiten eine Vergeistigung und Versittlichung der alten religiösen Ueberzeugungen entgegenzusetzen. Eberhardt erhebt die Forderung, daß man nach religiösem Erleben im Innersten der Seele zu pürschen lerne. Ihm ist die Religion nicht eine Funktion der Kultur, sondern absolutes inneres Erlebnis, das in gleicher Weise in dem primitivsten und in dem disferenziertesten Menschen zustande kommt und das an Innigkeit unabhängig ist „von der Größe des Objekts, an dem sie sich entzündet". Mit Entschiedenheit wendet er sich gegen die herrschende Psychologie, die analysiert und beschreibt und damit deuten will, dabei aber außer acht läßt, daß in Wahrheit Physisches und Psychisches unvergleichbar, der Dualismus „durchaus metaphysisch und gar nicht rein wissenschaftlich" begründet ist. Diese Psychologie kann nur eine -Hilfswissenschaft „für eine umfassendere, tiefer und sicherer gehende Seelenkunde bleiben". Die allein echte Seelenkunde muß vielmehr in gewissem Maße die Metaphysik zu Hilfe nehmen, kann auf erkenntnistheoretischem Wege allein niemals wahrhaft erfaßt werden. Diese, von ihm selbst nur kurz skizzierte, methodische Auffassung bietet die einzige Grundlage, um das religiöse Erlebnis zu begreifen. Mit ihr aber gewinnen auch zugleich die religiösen Probleme ihre gerechte Beleuchtung: die Antwort auf sie kann nur aus der innersten Seele heraus gefunden werden. Darauf kommt es an: das religiöse Erleben muß uns wieder bewußt werden. Es ist da; es ist sogar lebendig, nur verkennen wir seine Aeußerungen, und wir müssen wieder lernen, sie recht verstehen. Eine tief religiöse Begeisterung spricht aus den Betrachtungen, die von solchen Gedanken durchzogen sind. Sie sind wie religiöse Erweckungen, die nicht mit kleinlichen Mitteln, sondern mit einer seinen Beobachtung der geheimsten Seelenregungen das Bewußtwerden der Religion herbeiführen wollen, mit einem selten reichhaltigen Rüstzeug aus y „Der Aufbau". Blätter für Suchende aller Bekenntnisse, herausgegeben von Paul Eberhardt. Erste Folge. Verlag Friedrich Andreas Perthes A.-G., Gotha. der Philosophie wie aus der Lebensbetrachtung, aus der Geschichte wie aus den Gestaltungen und Forderungen der Gegenwart wenig aufdringlich und doch eindringend wirken können. In jedes Problem wird so tief wie nur denkbar einzudringen versucht, von allen Seiten werden Lichtstrahlen darauf geleitet, um es mit möglichster Klarheit und Helle, dem Suchenden sichtbar, hervortreten zu lassen und den Weg, zu einer inneren Gewißheit darüber zu gelangen, möglichst von allen Widerständen zu befreien. Und an keinem Problem wird vorübergegangen: Die Frage nach dem Wesen des Bösen und des Uebels, nach der Bedeutung des Opfers — im geistigen Sinne — und der Freiheit, Mystik und Aberglaube, Sünde und Reue und viele, viele andere Gedankenkreise finden ihre Beachtung. Der im Augenblick drängendsten aller Fragen: „Die Religion und der Krieg", wird der Verfasser in einer besonderen Abhandlung gerecht. Einige diesem Stücke entnommenen Zeilen werden am besten die Weise Eberhardts kennzeichnen. „Gott ist auch im Kriege, aber den Krieg führst du! Darin liegt alles. Gott ist im Kriege, weil er, mag Morden und Blut ringsum sein, ewig und unzerstörbar, sowohl in dir wie in deinem Feinde, das erhält, was eben ewig und unzerstörbar ist: das Beste der Seele. Und du führst den Krieg, weil auf Grund deiner Einsicht sich Ungerechtigkeit, Haß, Neid, Bosheit, Niedertracht zwischen dich und den anderen gestellt haben. Aber bedenke wohl, beides gehört zusammen und darf doch nicht miteinander verwechselt werden ..." — Ob für die Verwirklichung der Endabsicht, die Eberhardt verfolgt: reine Religion ohne besondere Bekenntnisse, Lehren und Dogmen, schon der Boden genügend vorbereitet ist, mag dahingestellt sein: dem Streben, „mit suchender Seele das letzte in uns zu erkennen", werden diese Betrachtungen glückliche Hilfe leisten, und wir können allen ernst Suchenden empfehlen, sich in sie zu vertiefen. Sie Woche. Berlin, den 29. August 1916. as große Ereignis, das der vergangenen Woche seinen Stempel verlieh, ist die glückliche Rückkehr des H a n d e l s u n t e r s e e b o o t s „D e u t s ch l a n d" nach Bremen. Was uns bei dieser Tatsache erfreut, ist nicht bloß der Gewinn der großen und für Deutschland notwendigen Ladung, nicht nur die Errettung des mutigen Kapitäns König und seiner wackeren Mannschaft aus schlimmer Gefahr, denn die Engländer und Franzosen haben während der drei Wochen, in denen das Schiff unterwegs war, alles getan, um das Schiff anzuhalten und in ihre Gewalt zu bringen, nicht nur der ungeheure Triumph deutscher Erfindungsgabe und Technik, sondern es ist ganz unbeachtet der Verblüffung und der ingrimmigen Wut unserer zahlreichen Gegner einerseits der ungeheure moralische Erfolg bei allen Neutralen, die dadurch zur Bewunderung Deutschlands hingerissen werden, anderseits die Konstatierung der Tatsache, daß der Anspruch Englands, das Meer zu beherrschen und unser Vaterland vom überseeischen Verkehr auszuschließen, gründlich vernichtet worden ist. Die glückliche Rückkehr dieses einen Schiffes bedeutet eine neue Phase in diesem ungeheueren Kriege und wird ihren gewaltigen Eindruck auf unsere Feinde nicht verfehlen, obgleich diese vorgeben, das Ganze sei unbedeutend, und obgleich sie sich bemühen, die Wichtigkeit dieser heroischen Tat zu verkleinern. Von Heldenmut und wackeren Taten unserer Truppen und ihrer Verbündeten ist in Ost und West zu berichten. Ueberall, an der Somme und an der Maas, in Galizien, in dem italienischen Grenzgebiet und in Mazedonien ist Ungeheures

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