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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-09-01 · Heft 35 (1.9.1916) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 35 (1.9.1916)
Date
1916-09-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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D. Jahrgang Nr. 35 Allgemeine Berlin, 1. September 1916 eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse vi.s. Zeiwng »«che.», wichen,II«H. I Vegründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Abon»rements«pre^L: durch den Buch- I Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rais Professor vr. Ludwig Geiger vierteljährlich 3 m. - pojnd;tcffomo 3z<t. j yetjag. Rucjolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fir Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8>V, Jerusalenier Straße *6-*9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Neue Wege zur Religion. Von Gustav Cohn.—Di eWo che. IllllJtUl.» _ Geist der Rabbiner. Von L. G. — Der amerikanisch - jüdische Kongresr. — Die jüdische Auswanderung,Palästina und dasOstjudeuproblem. Von MarcEber. — Die zwei „jüdischen" Novellen des Boccaccio. Von Gabriel Engels mann. — Carl Biberseld. Von Dr. Ernst Emil Schweitzer, Breslau. — Feuilleton: Auge um Auge. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. — Büchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Tilsit, Breslau, München, Regensburg. Cassel, Frankfurt a. M., Mannheim, Wien, Jerusalem. — Von Nah und Fern. jpmr Wege?ur Keligion. Von G u st a v Coh n. I. ie unten angegebene Schrifft) unternimmt den Versuch, einen Weg auszuweisen, auf dem der Mensch der Gegenwart wieder zur Religion gelangen könnte. Der Verfasser findet nur eine Möglichkeit: die Religion der Zukunft kann eine Verehrung einer über der Welt oder über der Menschheit stehenden Macht nicht dulden, sie muß sich auf das höhere Seelenleben im Menschen gründen. In breiter, auf der vergleichenden Religionsgeschichte anfgebanter Darstellung konnnt er zur Ablehnung der Gottesvorstellung, in der er nichts anderes als ein Spiegelbild inenschlichen Seelenlebens erkennt, Es gibt ein Göttliches nur i m Menschen nnd in der Menschheit: das höhere Seelenleben. Dieses zur höchsten Entfaltung zu führen, ist Religion. Solche Religion allein kann den Menschen der Gegenwart befriedigen, der für sein zielloses, zerrissenes inneres Leben eine Erlösung ersehnt. Es wirkt überraschend, einem mitten im Toben des Weltkrieges erschienenen Buche zu begegnen, das der Ereignisse der Zeit auch nicht in einer einzigen Zeile Erwähnung tut. Wir vermuten wohl mit Recht, daß die Abfassung der Schrift der Zeit vor dem Ausbruche des Völkerringens angehört. Dann aber mußte sich der Verfasser die Frage vorlegen, ob die Voraussetzungen, unter denen sie geschrieben war, durch das neue Erleben unberührt geblieben sind oder ob nicht die gewaltigen Erschütterungen des Lebens neue Erfahrungen gebracht haben, mit denen eine Auseinandersetzung im Zusammenhänge seiner Gedankengänge unvermeidlich sei. In der Tat steht die religiöse Bewegung in diesen letzten beiden Jahren unter einem wesentlichen anderen Zeichen als in der ruhigen Entwicklung des Friedens. Der Drang des Menschen nach Religion hat seine Richtung geändert. Fragen, die man längst als überlebt abgetan hatte, sind wieder aufgetaucht und mit starker Wucht an den Menschen herangetreten. So nimmt die Frage nach einem Gott in der Geschichte, das Problem der Vorsehung, einen breiten Raum im Denken h „Religion in Vergangenheit nnd Zukunft", Von Carl Becker. 226 S. Berlin SW 68, Hugo Steinitz Verlag. 1015. gerade unseres deutschen Volkes ein: man glaubt an den Sieg der gerechten Sache, nnd dieser Glaube hat unserem Volke eine machtvolle innere Stütze gegeben. — Zahllose Kämpfer haben draußen, im Banne der Schmerzensschreie Verwundeter und im Angesichte des Todes neben sich oder im inneren Erleben nach einer glücklich vorübergegangenen Gefahr, die Frage erwogen: Zufall oder Fügung! — Zahllose Eltern, Gattinnen und Kinder haben im Schmerze um das von ihnen verlangte Opfer um einen Gott gerungen. — Man hat wieder zur Bibel gegriffen. Glaubte auch der Verfasser, daß diese Erscheinungen seine Forderung der Seelenreligion nicht erschüttern, so mußte er sie dennoch einer Prüfung unterziehen und das Ergebnis mitteilen. Auf der anderen Seite berührt es eigenartig genug, wenn man gerade in dieser Zeit die „Religion der Zukunft" auf dem höheren Menschentum zu begründen fordert. Wohl keine „Tatsache" ist in diesem blutigen Ringen so sehr ins Wanken geraten wie gerade das „höhere Menschentum". Vor Ausbruch des Krieges allerdings stand es in hoher Wertung. Die Möglichkeit dieses Krieges aber nnd alle seine Einzelerscheinungen, Völkerrechtsbrüche, brutale tierisch-rohe Grausamkeit und Zerstörungswut, infamer Trenbruch eines Bundesgenossen, die geradezu teuflische Prägung des Begriffes „heiliger Egoismus" nnd dessen Widerhall in einem ganzen Volke — alles das hat manchen in seiner festen Ueberzeugung von der bislang schon erreichten Höhe des Menschentums schwankend machen müssen. Auf so wenig festem Grunde aber kann eine Religion nicht begründet werden: sie erfordert Voraussetzungen, deren Tatsächlichkeit ihr von vornherein eine Verbreitung sichert, eine gläubige Bekennergemeinde, die ihr folgt, weil sie innerlich folgen muß. — Insofern die „Seelenreligion" den Anspruch erhebt, eine selbständige Religionsbildung zu bedeuten, möchten wir jedoch auch für eine Zeit, wie sie vor Ausbruch des Krieges bestand, die Möglichkeit, ihre Absicht zu verwirklichen, in Zweifel ziehen. Sie richtet sich ja fast ausschließlich an den Verstand und bietet dem Gemüt nur wenig. Es heißt, das Wesen der Religion verkennen, wenn man ihr einen intellektualistischen Untergrund geben will; das wird Weltanschauung, aber nicht Religion; zur Religion gehört das Gefühl der Demut, der Ehrfurcht: der Demut vor einem Unerreichbaren, der Ehrfurcht vor einem Unvergleichbaren. Will aber die „Seelenreligion" sich damit genug sein lassen, innerhalb der geschichtlichen Religion das seelische Moment stärker hervorbrechen zu lassen, gegen die Erstarrung anzukämpfen, die aus dem Tiefsten und Erhabensten äußere Aborte und Handlungen macht, so werden freudig alle an ihrer Anerkennung Mitarbeiten, denen es Ernst ist um die Religion. Für das Judentum insbesondere, über dessen vielfach schiefe Beurteilung bei Becker wir uns nicht wundern dürfen.— wir

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