Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- Seite 408 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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408 Auch Schmulikvf war altfgesprungen, lange, ehe Baruch mit seinem vulkanartigen Ausbruch zu Ende war. Auch seine Stimme klang jetzt metallisch hart, als er sprach: „Du hast keine, EilUvendungcn gemacht, daß ich im Hanse der Todfeinde wohnte, so lange du glaubtest, dadurch deine eigenen Zwecke zu fördern." „Ich wußte noch nicht, daß du es dir zur Ausgabe machtest, ein zwiefacher Verräter zu werden: ein Verräter gegen uns und ein Verräter auch gegen sie," war Barnchs schneller Oiegenschlag. „Seit wann ist es denn deine Aufgabe, gegen die Verräter unserer Feinde zu Felde zu ziehen?" „Seitdem du dich unwürdig gezeigt, für unsere Sache zu käinpsen." „Vergiß nicht, daß ich nicht deiner Genehmigung bedarf, um meinen Plan auf eigene Faust auszusühren." „Und du vergiß nicht, daß wir keinerlei Gunstbezeugung annehmen werden von einem Menschen, wie du bist!" „Von einem Menschen wie ich bin!" Die Worte hatten Gabriel wie ein Peitschenhieb getroffen, und er wiederholte sie mit keuchender Stimme. „Baruch, soll dieses das letzte Wort unserer Freundschaft sein?" „Soweit es mich betrifft, das letzte. Doch beruhige dich, bald wird dein Gewissen mit dir ein anderes Wörtchen reden und dir eine würdige Nachrede halten, wie du sie tausendfach verdienst." XVIII. Baruch war nicht überrascht, daß keine Antwort erfolgte und daß er sich jetzt allein befand. Mit geschlossenen Angen tastete er sich zu dem Baumstumpf wieder zurück, und als er sich niedergelassen hatte, fühlte er die Stille und Einsamkeit des Grabes über sich Hereinbrechen. Seine Gedanken wanderten jetzt mehr und mehr zurück, um seiner grollenden, unzufriedenen Seele einen festen Untergrund zu geben. Ja, jetzt war das Maß voll; im Beruf gescheitert, in der Liebe gedemütigt und in der Freundschaft getäuscht, was konnte er noch vom Leben erwarten? Jetzt erst war alles von ihm gefallen, jetzt hatte er auch den Freund, das einzige Wesen von sich gestoßen, dessen Herzschläge noch mit dem seinigen in Berührung gestanden. Alles vorbei! Die langen Jahre, die sie gemeinsam gehungert, sie zählten für nichts; die durch Not und Elend zusammengeschweißte Seeleneinheit, sie war in die Brüche gegangen; die rasende Eifersucht, sie hatte die ganze Vergangenheit blitzartig aus der Erinnerung gefegt. Ja, es war die Eifersucht, die ihm vorhin diese harten Worte auf die Zunge gelegt. — Jetzt hatte es ja keinen Zweck, sich selbst zu täuschen und zu betrügen. Anfänglich hatte ein törichtes, schadenfrohes Glücksgefühl sich seiner bemächtigt, als er Gabriels Liebe für Torakows Tochter erfuhr. Endlich hatte er einen Leidensgenossen gesunden; wenigstens stand er nicht mehr allein in der Welt mit seiner unermeßlichen Herzenspein; er empfand ein hämisches, unbrüderliches Behagen, durch die Gleichheit ihrer Liebesleiden noch enger miteinander verbunden zu sein. Dann aber hörte er aus Gabriels eigenem Munde, daß dessen Liebe erwidert werde. Wie bisher, wie in jeder anderen Hinsicht, war Gabriel schon wieder der Begünstigte; abermals wurde er, Baruch, von Gabriel übertroffen, und abermals mußte er als minderwertig zurückstehen. Da war seine ganze Raserei, sein abgrundtiefer Menschenhaß zum Durchbruch gekommen. Er sann weiter, doch nahmen seine Gedanken jetzt eine andere Richtung. War es aber darum gerechtfertigt, den Freund auszugeben? Hatte denn Gabriel auch nur ein Atom zu seinem Elend beigetragen? Mußte er nicht selbst eingestehen daß Gabriel wie ein König unter den Menschen tvandeltc. tvährend er selbst tvie ein niedriger Wurm dahinkroch? War denn nicht Gabriel von der Natur selbst zu etwas Großem geschaffen? Konnte er sich auch nur in einer Hinsicht mit jenem messen? Er wollte ja wahr sein gegen sich selbst, ohne Be schönigung; nun denn, hatte er nicht den Zerfall mit dem Freunde absichtlich, im Scheine eines falschen, gleißnerischen Stolzes herbeigeführt, um sich einbilden zu können, daß er trotz allem noch nicht zu arm sei, um nicht doch noch etwas aufgeben, noch etwas entbehren zu können? Doch mochte dem sein wie ihm wolle; jetzt war alles erschöpft, jetzt endlich war seine Seele leer, jetzt hatte er absolut nichts mehr zu ver lieren. — Tiefer und tiefer sank sein Haupt in die hornharten Hände und trotz der geschlossenen Lider fühlte er die Tränen hervortröpfeln. Er machte keinen Versuch, sie zu «unterdrücken, er schämte sich ihrer nicht. Selbst „der stärkste Mensch der Welt" darf weinen, wenn das Herz zwischen den Mühlsteinen der eigenen Kraft und Härte zermalmt wird. Einige Augenblicke ließ er seinem Gram freien Lauf, dann aber war er auch mit seinem Schmerz fertig und für die kommenden Ereignisse gewappnet. In seiner kühlpraktischeu Denkart sagte er sich selbst, daß keiner umhin könne, Gabriel Schmulikvf zu lieben — selbst eine Malta nicht, und die Tochter eines Torakow erst recht nicht. Gabriel könne nichts dafür. Er hatte also dem Freunde ein bitterschweres Unrecht zugefügt, und darum war er ihm eine Genugtuung schuldig, eine Genugtuung, die der Größe der Beleidigung entspräche. Neben der großen Tat seines Lebens, die er morgen vollbringen werde, hatte er vorher noch dafür zu sorgen, daß Gabriel das Weib seiner Liebe heimführe; aber nicht, wie Gabriel denkt, als nebensächlich — um Torakows Haß zu beschwichtigen — das wird er ja selbst besorgen —, sondern als Denkmal der allbezwingenden Liebe, als einen Triumph des standhaften Herzens, das gekämpft, aber auch siegreich aus dem Kampfe hervorgegangen ist. Solche Siege müffen geschaffen werden, schon um den versinkenden Idealismus und Optimismus wieder an die Oberfläche zu bringen. Baruch wollte jetzt neben dem „stärksten Menschen" auch der größte Moralist werden. Um aber ein solches weithin leuchtendes Siegesdenkmal zu errichten, mußte gekämpft, mußte gelitten, mußte auch ein Opfer gebracht werden. Wer aber wäre für ein solches Opfer besser geeignet als Torakow? Durch seinen glühenden Haß hatte er ja bereits drei Flammen entfacht: Gabriels Liebe, Baruchs Rache und die Unterdrückung der Stammesgenossen, und es wäre ein Wunder, wenn er aus diesem dreifachen Höllenfeuer «unversehrt hervorgehen sollte. Mit Gelassenheit und Ueberlegung, ohne Spur von Zagen und Verwirrung verfolgte Baruch diesen Gedankengang immer weiter, fest überzeugt, daß er zum Ziele führen werde. Als er etwa eine Stunde später sich endlich erhob, geschah es mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel zuließ. Seine Gedankenkette war vollendet, und nun wollte er noch das letzte Glied schmieden — Malka. Noch ein einziges Mal wollte er sie sehen; nicht etwa, um sich abermals zu überzeugen, daß sie ihm weltenfern entrückt, unerreichbar war, sondern, um sich noch den letzten Aufschwung zu der großen Tat zu geben, der ihn mit vogelartiger Leichtigkeit über den breiten Abgrund hinwegträgt, der die menschliche Unmöglichkeit von der ewigen Unabänderlichkeit trennt. Malkas Anblick sollte ihm die Kraft verleihen, auch das scheinbar Unmögliche zu vollbringen. Mit festen Schritten, wie es dem Ueberbringer einer wichtigen Botschaft geziemt, betrat er die wacklige Treppe, die zu Malkas Stübchen führte. „Ich habe es dir «doch streng verboten, hierher zu kommen!" begrüßte sie ihn bei seinem Eintritt. (Fortsetzung folgt.)