Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- Seite 407 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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407 wurde nochmals das Gesetz des Verbots irgendwelchen Landerwerbs für Juden verschärft. Demütigungen, Verfolgungen, Wllkürhand-- tungen nahmen kein Ende. Und doch! Sobald eine geringe Möglichkeit, ein Luftloch nur zum freien Atmen war, regten sie sich; sie wurden Arbeiter, wo es nur anging. Fabrikarbeiter, Lastträger, Handwerker (Schlosser, Schmiede, Schuster, Schneider, Schreiner, Pelzarbeiter usw.). In Amerika sind sie ja schnell in die höchsten Stellen der Finanz, Presse, Regierung usw. eingerückt, die Abkömmlinge dieser Ghettojuden. Und ihre Literatur hatte sich im stillen zu einer ungeahnten Blüte entwickelt. Davon ist ja wenig in Deutschland bekannt. Wer konnte auch mit Genuß in ihre Jargongedichte, ihre Theaterstücke, Opern und Romane eindringen? In großen Städten gibt es da, wo Ghettojuden zusamjnrenwohnen, Theater, Operettenbühnen, Opern, die nur für Jargon zugearbeitet sind. In London, New?)ork, Baltimore, San Francisco, Warschau und Lodz sind diese Stätten der Ghettoliteratur und Ghettokunst zu finden. — Nur wer ihre hochstehende Literatur wirklich kennenlernen will, sei auf die beiden Bücher „Das Ghettobuch", „Das Volk des Ghetto"?) hingewiesen. Diese Sammlung von Novellen und Geschichten jüdischer Dichter (aus dem Ghetto stannnender Künstler), von geeigneten Interpreten ins Deutsche übertragen, ist einzigartig. Die Geschichten und Skizzen dieser Autoren, von denen manche, uite Zangwill, Morris Rosenfeld. Schalom Asch heute Weltruf haben, sind erschütternd und wie eine Offenbarung. — Es sind auch einige Novellen ausgenommen, die von Außenstehenden stammen. Aber sie passen in den Nahmen sich ein. — Diese Fülle der tiefempfundenen Schicksale, Fabeln, Visionen und dichterisch echter Erscheinungen kann in der Weltliteratur bestehen. Die beiden Bücher geben mehr von der Seele, dein Wert der Vergangenheit und Zukunft dieses Ghettovvlkes wie alle Aussätze. Sie führen ans den Urgrund. Ins Leben, in die Leiden und Freuden, ihre Sorgen und furchtbaren Verfolgungen, ihre Feste und kleinen Händel, ihre Sittlichkeit und Frömmigkeit. Das Volk ersteht lebendig. Und man ist gefesselt, wie von dem neuen, unausschöpfbaren Reichtum geblendet. Da erst erkennt man die wahre Seele der Ostjuden. — Poritzkij, Kompert, Swienkochowski, Kohn, Gorki, Hans Ludwig Held, Eliaschoff, Schertag, Rosenfeld, Perez, Schalom Asch, Zangwill, Scholem Aleichem, Levertin, Pinski, Rabiuowitsch, Rotblum usw. usw. geben den wahren Weg in das Reich dieser völkischen Innerlichkeit. — Und nur wer diese Bücher gelesen, hat Recht und auch Pflicht, über den Ghettvjuden, den Juden überhaupt zu urteilen. Von diesen Ghettojuden stammen Künstler ab, deren Art und Können von den Uneingeweihten niemals dorthin zurückgeführt worden wäre. Zum Beispiel der Maler Hirszenberg; Wolmark in London; Regina Mundlak; Jehuda Epstein in Wien; Pasternak, Professor an der Moskauer Kunstschule; Kramstyk in Warschau; Herstein von der Berliner Sezession; Buchbinder; Leon Bakst, der berühmte Petersburger; Part, der Karikaturist, und so viele andere. Der größte Bildhauer Rußlands, Marc Antokolski, wurde im Ghetto geboren. Ebenso der Lehrer der Petersburger Akademie, Elias Gucusburg, dann der Direktor des Nnsea Grevin (Paris), Elias Bernstamm; Aronson; Nadelmamt; Glicenstein in Rom; Boris Schatz usw. Die Zahl ließe sich vermehren. Sie genügt anzndeitten, welche kulturell-seelischen Reichtümer das Ghettovolk birgt. Es braucht nur Lust und Sonne. Wenn man überhaupt die Kunst als Maßstab eines seelischen Urteils anlegen will, so kann die Innerlichkeit und wundervolle Milde, die reine Betrachtung menschlicher und sittlich-sozialer Probleme, wie sie aus den Schöpfungen der Ghettodichter hervorleuchten, nur werbend und überzeugend für dieses Volk eintreten. — Eine gewaltige Gesamtheit steht da. Und sie wartet ihrer Zukunft. Fürsprache geben ihre Leistungen. Ihre Werke werben für sie. Je mehr sich die Unkenntnis ihrer Art und ihres Wertes behebt, desto näher wird sich Volk zu Volk finben. — Das wird der Zukunft Vorbehalten sein. -) „Das Ghettobuch". Herausgegeben von Artur Landsberger. (Die schönsten Geschichten aus dem Ghetto.) Georg Müller Verlag, München. 5 Mark. Mit 18 Bildern von Feigl. — „Das Volk des Ghetto". Im selben Verlag. Vom selben Herausgeber. Derselbe Preis. pllgr um puge. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) hast recht, Baruch," rief Gabriel, ängstlich bemüht, den Zornigen zu beschwichtigen. „Es ist auch meine Ansicht, daß es mir überlassen bleiben muß, die Rettung zu bewirken und auch die Verantwortung zu tragen. Ich habe schon mein Gehirn zermartert, um einen Ausweg zu finden — und ich tjdbe einen gefunden. Und ist der Ausgang auch zweifelhaft und verzweifelt, so ist doch nicht unmöglich, daß er zum Erfolg führt. Zumal kein anderer Ausweg vorhanden ist. — Baruch, daraus kannst du schon ersehen, daß mein Herz noch immer warm für mein Volk schlägt; denn die Hilfe, die ich jetzt plane, bedeutet für mich das Schrecklichste auf Erden!" „Nun?" fragte Baruch gespannt. „Daß ich Torakow .Vater' nennen soll" „Was willst du ihn nennen?" „Bitte, bleibe ruhig und warte, bis ich geendet," fuhr Schmulikos schnell fort; „ich liebe seine Tochter und sie liebt mich wieder." „Sie liebt dich wieder — wirklich?" Schmulikos schien diese Frage zu überhören. „Bei ihrer Liebe für mich wird sie ihre Bitten mit den meinigen vereinen, und es gibt nichts, was Torakow seiner Tochter abschlagen könnte. Ich werde ihm natürlich auch bald zu verstehen geben, daß ich ans die Mitgift seiner Tochter verzichte, die er, nebenbei bemerkt, im Kartenspiel vergeudet hat. Dazu kommt noch eine Urkundenfälschung, die er begangen, und von der ich Kenntnis erlangt; dieses alles will ich für sein Versprechen einsetzen, fortan und für alle Zukunft unsere Stammesgenossen nicht mehr zu verfolgen. Bei seiner Feigheit wird dieses alles schwer ins Gewicht fallen, und er wird einwilligen. Ja, Baruch, das will ich tun, damit der Todesschrei der Ermordeten, das Wimmern der Sterbenden mir nicht mehr in die Ohren gelle und wachend und träumend in meinem Geiste hernmspuke." Eine Weile herrschte ein tiefes, unheimliches Schweigen, dann aber stieß Baruch einen Wutschrei ans und sprang wie rasend auf. „Du plumper Wortklauber, du niederträchtiger Heuchler! Hältst du mich wirklich für so einfältig, daß ich deine Schliche nicht durchschaue? Täusche dich nicht, mein Freund, wie erbärmlich du auch bisher den schwerfälligen Baruch genasführt hast! Dein jetziger Plan ist durchsichtig genug, um dich und deine Scheinheiligkeit zu erkennen. Ich kann es mir ja denken, wie der Wurm in deinem Herzen nagt — ich weiß zwar nicht, ist es Gewisfenspein, ist es Aberglaube —, genug, er läßt es dir ratsam erscheinen, dein selbstsüchtiges Opfer zu stempeln als eine Tat voller Hingebung für eine große Sache! Aber ich kenne dich besser; du bist viel zu feig, für deine Gewalttaten offen einzustehen und für deine Verbrechen die Verantwortung zu tragen, darum möchtest du unsere Not mißbrauchen, indem du dich als Märtyrer hinstellst, auf daß wir dem Abtrünnigen Absolution erteilen, ans daß wir ihn noch gar als Held Preisen, während seine eigentliche Triebkraft nur die ist, seine Liebesleidenschaft befriedigen zu können. Nein, nein, mein Freundchen, diesmal wird es dir nicht gelingen, mich zu einem deiner Mithelfer zu überlisten, der deine Schandtat gutheißt; so tief bin ich doch noch nicht gesunken. Herrate Torakows Tochter, heirate wen dri willst, nur sollen unsere Leiden nicht als Deckmantel deiner Erbärmlichkeiten dienen!"