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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-25 · Heft 34 (25.8.1916) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 34 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
Seite 406 (sequence 10)
Language
German
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406 wir zählten ja das 20. Jahrhundert. Was flössen da für Tränen! Ein salziges Meer! Das ganze Judentum des Dorfes war am Bahnhof versammelt. Unser „Zirkel" nahm von uns Abschied... Es fehlen mir die Worte, jene Gefühle aussprechen zu können. Was können schließlich eisige Buchstaben sagen. Ich spürte, daß ich ein jüdisches Herz besaß, das von ebensolchen gerührt wurde. Wir weinten salzige Tränen. Ein bleischwerer Abschied. Bedauerten sie unser Schicksal, so bemitleideten wir die lernbegierige, strebsame Jugend. Wir waren alle eins;- möge der Friede ihnen neue Wege bahnen. Die Bewegung des Zuges versetzte mich in das Zimmer eines Zahnarztes. Ein Ruck und der Zahn war beseitigt. — Drei Tage darauf statteten die Moskowiter dem Dorfe einen Besuch ab. Sie hatten es, wie ich später erfuhr, dem Erdboden gleichgemacht. Was mag wohl aus all den Freunden und Bekannten geworden sein. Die Moskowiter haben sie sicherlich nicht geschont. Und das jüdische Herz dürste wohl manchen Stoß zum Fühlen erhalten haben. Aber wovon ich überzeugt bin, ist, daß dieses Herz trotz aller Kämpfe und Verfolgrlngen unverändert bleiben wird - ein traditionelljüdisches Herz auf immerdar zu bleiben. Das Volk des Ghetto X Bon Tr. Lp. - Irvin g (München), z. Z. \pi Felde. s lebt eia Volk von Millionen auf dieser Welt, dessen Seele den meisten Menschen unbekannt ist. Was sie den ihm wissen, ist nur Karikatur, und ihr Urteil darüber ist flüchtig, ahne Sachkenntnis leichthin gefällt. Tiefe Qftjuden, die in Polen zirka zwei Millionen stark sind, in Nerv Jork und Amerika, in London und England wiederum mehrere Millionen Volk ansrnachen, die eine Welt für sich in ihrer Umwelt bilden, verdienen doch nähere Betrachtung. Ein tieferes Eingehen in die Art dieser seltsam beschaffenen Menschen wird alte Vorurteile zerstören und neue Erkenntnisse, neue Schönheiten und Reichtürner entdecken lassen. Es mag wohl insgesamt zirka elf Millionen Inden auf der Erde geben. Tas find mehr als je in der Blütezeit des jüdischen Staates, in Palästina, lebten. Tie Diaspora, die Zerstreuung in alle Zonen, hat die Keim- und Lebenskraft dieser Gemeinschaft also gestärkt. Ter Krieg hat erst die Teutschen mit dem Problem des Ghettovolkes Zusammentreffen lassen. In Rußland und Polen, wo vielleicht 4 bis 5 (bis 6?) Millionen Inden insgesamt leben, fini> diese Menschen in enge, abgetrennte Quartiere, Ghetti, zusammengedrängt. Tie können infolge verschiedener russischer Verbote kein Land erwerben. Müssen also in elendestem Kleinhandel um kläglichen Verdienst vegetieren. Tie deutsche Verwaltung, die in ihrem besetzten Gebiet den Wert und die Brauchbarkeit dieser Millionen eines hochintelligenten Stammes wohl überschtug, ist mit fester Hand sofort dem Problem gefolgt und beschäftigt sich lebhaft nüt seiner Lösung: nämlich dem Ghettojuden Freiheit, Entwicklnngsnwglichkeit und Ellenbvgerrranm zu schaffen. Erst da entstand das emsige Erkunden nach dieses Volkes Wesen und Art, nach den Quellen seiner Kraft und seiner Zukunft. Ta ergab sich, daß man außerordentlich falsch seit vielen Jahren die gewaltige Volksmenge der Ostjuden (man kann sie fast identisch mit Ghettojuden setzen) beurteilt hatte, daß dieser Stamm zwei Seiten seines Wesens anfwies. Eine, die in der Qeffentlichkeit zur Schau getragen wnirde. Tas war das bekannte Bild des kriecherischen, sich überall blickenden, nach ein paar Pfennigen ringenden Handelsmannes im zerfetzten Kaftan, mit den Löckchen. Ter sprach eine scheinbar ekelhafte Mauschelsprache. Tie nähere Bekanntschaft ergab eine entscheidende Korrektur dieser Schätzung. I Dieser Artikel, der in Frankfurt a. M. erscheinenden Zeitschrift „Tas freie Wort" entnommen, entspricht freilich nicht in allem und jedem unseren Anschauungen. Er sei aber, seines warmherzigen Tones wegen und weil wir auch Ansichten Raum gönnen, die von den nnsrigen abweichen, an dieser Stelle wiederholt. Tie R e d a k t i o u. Es zeigte sich, daß die wahre Seele dieses Ghettogeschöpfs ängstlich nach anßeil gehütet, verdeckt wurde, lim des Lebens Notdurft zu fristen, hatte sich der Ostjnde selbst zu einer Possensigur degradiert. Nur so siel er nicht den neidischen, gehässigen Verfolgungsmanien seiner Peiniger zu. So wurde er verachtet, gemieden, in Ruhe gelassen, nur selten -- wenigstens in früheren Zeiten — gequält. Tiefe durch Jahrhunderte hindurch beobachtete Taktik der Einkapselnng lind des Schutzsuchens hat ben Ghettojuden ihre Aeußerlichkeit geprägt. Noch dazu kam der ewige, kleinliche Kampf ums bißchen Leben, der sie in die niedrigen Handelszweige verwies und dort in großen Massen sesthielt. Damit war nach außen hin das Bild des Ghettojuden also gegeben. Und kaum nahm sich jemand die Mühe, hinter dieser verächtlichen Außenseite noch etwas zll suchen. Alan hatte fmmt eine Ahnung, daß sich reiche seelische Werte dahinter bargen. Man wußte nicht, daß diese bei den Ghettojuden gebräuchliche Sprache kein Kauderwelsch, sondern ein richtig entlvickelter deutscher Dialekt sei. Man übersah, daß sich im Ghettovolk Künstler und Philosophen aus der Gesamtheit über das Niveali gehoben hatten und daß eine Literatur da bestand, die an Menschlichkeit, Innigkeit und Reinheit der ethischen Forderungen ganz und gar vorbildlich war. Als man das alles erfuhr, erkannte man erst, welch immense kulturelle Werte in diesem Volke steckten — und daß die Negierung ain klügsten handle, die daraus den richtigen Nutzen zu ziehen gesonnen lvar. Es war ja auch von vornherein anznnehmen, daß eine Gesamtheit, die lins ein Blich, ein Gesetz, eine Sittenlehre wie die Bibel gegeben, aus dem ein Gesandter, ein Religionsstifter wie Jesus gelvorden, in dem Märtyrer und Kriegshelden, Philosophen und Künstler entstanden loaren, nicht innerlich zerfetzt sein könne. Beobachtungen ergaben zum Beispiel, daß diese Ghettojuden nach Amerika einwandern klein, häßlich und gedrückt. Schon Die nächste, in Amerika frei geborene Generation ist kräftig. Tie besten Sportslente in den gefährlichsten, am meisten Mut fordernden Techniken, wie Boren, Ringen usw., sind dann die Abkömmlinge dieser Ghettojuden. - Auch — es sei nicht verschwiegen —- Verbrecher in den schwierigen und gefährlichen „Bernsen" werden die Abseitiger: dieser Inden. An Mut und Kraft, also auch leider zum Bösen, fehlt es ihnen nicht. Sie brauchen nur Entwicklungsmöglichkeiteu. Auch das edelste Rennpferd kann, wenn man es schlecht füttert und Pflegt, wenn man es schmrrtzige, erniedrigende Arbeit tim läßt, wenn man es in einen dunklen, muffigen Stall sperrt, degenerieren. Es wird aber, wenn man ihm dann wieder günstige Lebensbedingungen eröffnet, die alte Rasse, die Tradition bewahrheiten. Deutsche Juden wunderten etwa im Jahre 1100 zuerst nach Polen. Bier Jahrhunderte lang. Sie bewahrten die alte deutsche Bürgertracht. Ter lange Rock, Kaftan, und das schwarze Mützchen sind es. - - Der Jargon, die sogenannte „Mauschelsprache", ist ein mit hebräischen Worten und auch slawischen Zutaten vermischtes Mittelhochdeutsch fränkischer und rheinischer Art, kein Kauderwelsch. Man sieht also, daß die zum Spott herausfordernden konservativen Eigenheiten dieser Ghettojuden gerade Beweise einer rührenden Treue zum alten Vaterlande sind. ----- Zirka 2 Millionen dieser Juden leben jetzt in Kongreßpolen. 214 Millionen gibt es in Amerika, durch Einwanderung aus Polen, Rußland, Rumänien, Galizien usw. Schon im Jahre 1515 wurde eine Bibel in hebräischer Sprache von Inden der polnischen Stadt Qels, mit Erklärungen in dieser Jargonsprache, gedruckt. Schon damals stand dieses Volk auf einer hohen Stufe der Bildung. Man hat dann die Inden durch mancherlei Qualen und Verfolgungen in Jahrhunderten dazu gebracht, sich einzukapseln, sich aus ihre Gesamtheit eng zu sammeln und nach außen hin sich abzuschließen. Man hat ihnen verboten, Land zu erwerben, und sie durch Pogrome, Steuern, Demütigungen zu einem scheuen, ganz von der Gunst des Augenblicks abhängigen Menschenkreis gezirkelt, der Außenstehenden dann absonderlich und unverständlich dünkte. Juden, Bettler und Zigeuner müssen in Rußland dem Paßzwang tributär bleiben. — Studieren dürfen sie nur zu 3 bis 5 Prozent der christlichen Universitätsbelegschaft. Qffiziere, Beamte können sie nicht werden. Wohnrecht haben sie nur im Ansiedlungsrayon, in großen Städten aber nur äußerst beschränkt oder gar nicht. 1863

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