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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-25 · Heft 34 (25.8.1916) · p. Seite 405

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 34 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
Seite 405 (sequence 9)
Language
German
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405 einigen Dorsschneider, einem orthodoxen Juden, zum Abändern gegeben hatte. Ich begab mich zu ihm, um mich in das Kaisergewand zu stecken. Da reichte das Geld nicht, um den Lohn zu begleichen. Ein „glänzender" Gedanke schoß mir durch den Kops — man wird erfinderisch! —: Meinen neuen blauen Sonntagsanzug zu versetzen. „Was brauchst du einen Zivilanzug, jetzt bist du Militarist. Ein neues Leben geht cm; also fort damit," sagte ich zu mir. Lange überlegen war nicht geboten. Gesagt, getan. Und schon war ich im Waffenrock. Ein Soldat! Wer war mir gleich?! Und nun konnte ich „ausrücken" . . . Durch die staubbedeckten Straßen des Dorfes marschierten wir zum Exerzierplatz. Wir passierten unzählige Zelte, die von einem Mangel an Lebensmitteln nichts verrieten. Da waren Weintrauben, Aprikosen, Pflaumen, Nüsse und Aepfel, die einem den Mund wässerig machten. Dort lagen Walnüsse und Erdnüsse übereinandergehäust. Blechsamoware dampften und gekochter Mais verbreitete einen appetiterregenden Duft. Und die Wassermelonen — nein, weiter darf ich nicht auszählen, ich vergehe sonst vor Appetit . . . Lang war der Weg. Ungewohnt, in Reih und Glied zu gehen, ermüdete ich ziemlich rasch, aber vorwärts mußte man doch. Also ging ich ... Da war er — der langersehnte Platz. Vielleicht auch nicht. — Ich kam mir wie ein Knabe von sechs Jahren vor. Ein Lehrer vor mir, .... schreit mich an, . . . befiehlt. Eine Schule unter freiem Himmel! „Sie wissen wohl gar nicht, wo rechts und wo links ist. Sie Rind.Warten Sie ja nicht, bis ich Ihnen das beibringen werde . . . Sie Es . . ." Und so ging es vom Anfang bis zu Ende. Während eines Vormittags lernte man alle Tiergattungen kennen. Was Wunder, wenn man dann seine Kameraden so nannte. Moderne Pseudonyme! Da kam auch die langersehnte Pause . . . „Rauchen erlaubt, zehn Minuten Rast." Man blieb in Gruppen beisammen. Legte sich aufs Gras und plauderte oder dachte an . . . Ach, wie oft war ich in den Raststunden bei meinen Liebsten zu Hause. Ich sah meine Mutter um den Aeltesten in der Ferne weinen. Meine Geschwister gingen traurig und verstimmt dem Briefträger entgegen, ob nicht eine Nachricht — und sei es die schlimmste — von ihrem Bruder in der Ferne komme. Ja, meine Gedanken gingen noch viel weiter. Ich dachte an meine Brüder, die seit Kriegsausbruch in Kanada in englischer Kriegsgefangenschaft diese entsetzliche Zeit zu verleben haben werden. Wohin noch gingen meine Gedanken... Der Magen knurrte. Und als er in der Nähe Saftiges, Hungerstillendes verspürte, da ging die Jnnenrevolte los. Und ich konnte ihn nicht bezähmen. Unsere Marketender waren Juden mit Peies und langen Bärten. Sie boten Obst, Barches — es war nämlich Freitag —, Schokolade u. a. m. seil. Für ein paar Heller erhielt man einen Happen zur Stillung der immer von neuem auftretenden Hungergefühle. Es mundete gut. Die Preise waren enorm hoch. Niemand beschuldigte aber etwa die Juden, sie nähmen hohe Preise. Ein jeder kannte die Situation; man wußte, der Krieg schraube die Preise künstlich in die Höhe. In kurzer Zeit waren wir mit ihnen wie zusammengewachsen. Sie waren unsere Begleiter, wir ihre Lieblinge. Das haben sie uns beim Verlassen ihres Dorfes deutlich bewiesen. Fast einen jeden Tag in der Woche gab es andere Arten von Ueberraschungen. Am Montag zum Beispiel gab es öfters Kwaß — ein kühlendes Getränk —, Dienstag Malai, eine rumänische Maisspeise, usf., nur am Schabbes — da gab es — nichts. Unsere Freunde saßen zu der Zeit in der Synagoge und beteten zum Allmächtigere, der Friede möge so schnell als irgendmöglich die Völker vom Uebel befreien. Und wir — hungerten, dem Schabbes zuliebe. Auch daran gewöhnten rvir uns bald — wenn es uns auch schwer fiel. Wenigstens wußten wir, ivann der Sonnabend in der Woche fiel. Einer dieser Marketender zog rneine Aufmerksamkeit besonders auf sich. Ich wurde sein ständiger Kunde. Er erzählte mir seine Leidensgeschichte. „Ich bin 32 Jahre alt, verheiratet, habe vier kleine Kinder, die Frau ist kränklich. Der Krieg hat unserem Leben eine harte Nuß zu knacken gegeben. Ich mußte mein Hutgeschäst ausgeben, nachdem ich es zehn Jahre geführt habe. Ich neigte von Kindheit an zum Studium der Technik, doch mein Vater, ein streng religiöser Mensch, verweigerte mir die Mittel dazu; ich sollte unbedingt Kaufmann werden. Daß ich es nicht weit bringen werde, wußte ich ja. Dann zwang man mich, eine Ehe einzugehen, die wider meinen Wunsch war. Ich mußte es, wollte ich nicht dem Verderben entgegengehen. Da kam der Krieg und machte mich zum Marketender. Viel bringt der Beruf nicht ein. Ich mache es nur ans Mitleid mit den jungen Menschen. Ich habe eben ein jüdisches Herz"... Ach ja, ein jüdisches Herz! Ich empfand es. Unterdrückte eine Träne, doch den Seufzer konnte ich nicht verbergen. . . Plötzlich erscholl eine Stimme, die das Trommelfell in höchste Resonanz versetzte: „Vergatterung." Und von neuem begann das Exerzieren . . . So ging es Tag für Tag, Woche auf Woche, ich lernte allmählich die jüdische Gemeinde kennen. Die jüdischen Mädchen aber zogen meine Aufmerksamkeit besonders an. Sie interessierten mich. Sie sind anders wie unsere Berliner jüdischen Mädchen. Man darf sie auf keinen Fall unterschätzen. Ich habe oft stundenlang auf meinem Strohlager darüber nachgedacht, wie sie auf Fragen, wie: Ursachen der Entstehung der Welt, Abstammung des Menschen u. a. m., gekommen waren. Einige verlangten Auskunft über den Blitz; „der kommt doch nicht von Gott, das haben wir uns schon längst ausgebildet", meinte eine achtzehnjährige junge Schwarze. Solche Stunden waren für mich eine Erholung. Ich gewann die Ueberzeugung, daß der Mensch mehr Freiheit benötige, als sie zurzeit vorhanden ist. Und wie gut sprachen sie Deutsch, neben dem Ungarischen und Jüdischen. Ich war ordentlich stolz, solche Glaubensgenossinnen zu finden — in einem Dorf von 3000 Einwohnern mit einer Volksschule! Kinder streng orthodoxer Eltern! Das will etwas heißen. Ich hatte mich so eingelebt, daß ich des Tages Arbeit fast nicht mehr spürte. Ich freute mich aus den Abend, zählte die Stunden — ach, wie lange währten sie. Unser Kreis erweiterte sich von Tag zu Tag. Es bildete sich ein kleiner Zirkel. Fragen wurden gestellt, die wir — es waren fast durchweg Studenten aus Deutschland — beantworteten, erläuterten und zu neuen Anregungen Material gaben . . . Da trat unerwartet eine „Aenderung" ein. Ich hatte gerade Nachtwache, ich werde es nie vergessen und sollte ich so alt werden wie Methusalem. So gegen 3 Uhr früh, es war ziemlich kühl, da kam „Alarm". „Marschbereit, um 6 Uhr gehen wir fort." Befehl ist Befehl. Wo wandelten nicht meine Gedanken herum. Da war ich wieder zu Hause. Bald im Kreise meiner Glaubensgenossinnen, die nach Wissen schmachteten, bald hier, bald dort. Wie schnell bewegte sich der Uhrzeiger! Als wir ausbrachen, lag das Dorf in tiefstem Schlummer. Doch erwachte es, als unsere Schritte vernommen wurden. Im Nu hatten wir ein unübersehbares Gefolge. Vom Jüngsten bis zum Greise schlossen sich der Pilgerschar an. Je weiter wir gingen, desto größer wurde das Gefolge. Ich dachte an den Auszug aus Aegypten! Die Theiß stellte das Rote Meer dar, es brauchte allerdings nicht erst trocken gelegt zu werden. Na,

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