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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-25 · Heft 34 (25.8.1916) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 34 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
Seite 404 (sequence 8)
Language
German
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404 Sprache bilde das Band, das die ans fremden Ländern eingewanderten Juden mit den einheimischen, auch den jemenitischen, vereinige. Dagegen könnte die Erlernung einer anderen Sprache zur Auswanderung ans Palästina in die Länder der betreffenden Zunge crniutigen (was übrigens meines Erachtens kein Fehler wäre; denn vor altem die unzufriedenen und nicht vorwärts kommenden Elemente würden das Bestreben nach dem Verlassen des Heiligen Landes haben). Wie Blumenfeld Hebräisch sprechende Juden der deutschen Kulturpolitik dienstbar machen will, während er im sonstigen die Forderung ausstellt, „daß jeder gebildete Osmane neben seiner Muttersprache das Deutsche als europäische Sprache beherrsche und im Deutschtum den Vertreter der europäischen Kultur erblickt" (a. a. O. S. 23), ist etwas unklar. Nehmen wir an, daß das Hebräische neben den Landessprachen die hauptsächlichste Verkehrssprache der Juden Palästinas würde: Was >vird dann noch selbst die Ostjuden bewegen, den jüdischdeutschenJargvn oder gar noch das Deutsche weiter zu pflegen d Eine Ansiedelung in streng zionistischem Geiste mit Einführung des Hebräischen als Verkehrssprache müßte logischerweise das lose Band, das die Ostjuden mit dem deutschen Geistesleben jetzt noch verbindet, erheblich lockern. Denn das Hebräische wird den vom Transitverkehr mit Deutschland losgerissenen Ostjuden dann näher stehen, da es die Sprache der Heiligen Schrift ist. Die einheimischen Sprachen zu lernen, treibt sie aber der Verkehr mit den Eingeborenen; dabei ist das Türkische für die meisten von ihnen eine ganz fremde, nicht leicht zu erlernende Sprache, während das Arabische wenigstens stammverwandt ist. Wenn die Juden daneben noch das Deutsche pflegen und zum Teil neu erlernen sollten, dann würde man ihnen mehr zumuten, als mancher Ausländsdeutsche, der allmählich seine Muttersprache vernachlässigt und seine Kinder in der Sprache der neuen Heimat auswachsen läßt, zu leisten imstande ist. Die Zionisten haben im allgemeinen das Erscheinen der Paquetschen Schriften über Palästina freudig begrüßt; wenn sie ihn aber zu den Ihren zählen, dann scheinen sie mir doch das eine große Trennende zu übersehen, >vas aus der folgenden Stelle seiner Schrift hervorgeht. „Jeder Konflikt kann vermieden werden, wenn nur in Zukunft die deutsche Sprache wie das Griechische im Altertum unter allen europäischen Sprachen im Unterricht an die erste Stelle tritt «und damit den Platz ausfüllt, den bisher das Französische und Englische in Vorderasien ausgesüllt haben." (S. 34.) Wenn nun die Zionisten, im Gegensatz zu Paquet, am Hebräischen als Hauptverkehrssprache festhalten, dann erstreben sie eine Isolierung aller aus Ländern der verschiedensten Sprachen eingewanderten Juden und fördern den Internationalismus. Paquet kommt zwar in Ausführung der vorher zitierten Stelle zu der optimistischen Schlußfolgerung: „Ich möchte meinem festen Glauben Ausdruck geben, daß diese Form der deutschen Kulturpolitik in allen Kreisen nicht nur des deutschen, sondern auch des a u ß e r d e u tsch e n Judentums Verständnis und Gegenliebe finden und für die große, geheimnisvolle, glückliche Zukunst des Heiligen Landes eine der schönsten Grundlagen bilden werde." (Die Sperrungen stammen von mir.) Die Lehren der Vergangenheit berechtigen uns aber keineswegs zu einer derartigen Schlußfolgerung. Vor dem Kriege waren es vor allem Juden aus ganz Rußland, die nach Palästina eingewandert sind"). Gelingt es nun, während und ") E. N. Adler („Jevvs in many lands“ (London 1905] 3. 49) schützte schon auf seiner Reise im Jahre 1888, daß die Hälfte der in Jerusalem ansässigen Juden ans Rußland stamme; mindestens 10 000 sprächen Jüdisch-Deutsch. Seitdem hat die Zahl der russischen Juden besonders infolge der Verfolgungen, bciim sie in Rußland ausgesetzt lvaren, bedeutend zngenvmmen. nach dem Kriege, die Inden Polens durch bessere Lebensbedingungen noch mehr an ihre Heimat zu fesseln, dann werden ihre Glaubensgenossen aus den anderen Teilen des jetzigen Zarenreiches die Hauptmassen der Einwanderer bilden, sofern ihnen nicht über Nacht Gleichberechtigung und günstige Auspizien zuteil werden, was kaum zu erwarten ist. Eine Einwanderung aus Großrußland würde aber das Ende jeder Hoffnung auf eine baldige Gesundung der Verhältnisse in Palästina bedeuten. Denn die Juden Groß-Rnßlands sind viel zu wenig mit deutscher Kultur in Berührung gekommen, als daß man erwarten könnte, daß sie je deutsche Kulturpolitik treiben. Sofern sie Kultur besitzen, werden sie östlichslawisches Kulturempfinden haben. Ich kann daher in diesem Punkte den Optimismus Paquets nicht teilen, daß auch außer deutsche Juden der deutschen Kulturpolitik „Verständnis und Gegenliebe" entgegenbringen werden. Wer kann den von europäischer Kultur wenig berührten Juden Zentral- und Südrußlands verwehren, daß sie russische Politik treiben, ähnlich wie die Litwaki in Polen? Haben doch auch die französischen Juden (selbst zur Zeit der Dreyfus-Affäre) unter dem Segel der Alliance Israelite Universelle in erster Linie französische Politik getrieben"), obwohl die A. I. U. von den Inden aller Länder finanziert worden ist. Das jüdische her?. (Erinnerungen.) Von Elias Nacht, Berlin. s war im Dorfe N. . . . in Südungarn. Ein Dorf von ungefähr 3000 Einwohnern, wovon aber mindestens 2000 Juden waren. — Wir waren dort stationiert, da unsere Garnisonstadt mit Anfang des Krieges von den Russen besetzt war. Es waren herrliche, warme Septembertage. Die Berge umzirkelten das Dorf, wir lagen im Mittelpunkt des Kreises. Die Theiß sprudelte am Fuße der unvergeßlichen Karpathen. Ich lag noch tief im Schlummer und träumte von Stroh, Staub, Ratten und Mäusen, als plötzlich ein Kamerad die Liebenswürdigkeit hatte, „Auf, auf" zu brüllen. Während ich mir den Schlaf aus den Augen rieb, warf ich einige Blicke um mich. Eine Scheune, dunkel... ich ganz tief im Stroh ... nur der Kops steckte hervor — einige unartikulierte Laute berichteten von tierischen Nachbarn. Wenn ich mich nicht täusche, waren es Kühe und Schweine — ich weiß es nicht genau, da mir das musikalische Ohr in jenem Augenblick fehlte. Nach weiterem Umsehen erblickte ich noch einige Kameraden, die ebenso vorsorglich im Stroh lagen — man mußte vorbauen, um nicht einige Ratten und Mäuse als Leibgenossen zu bekommen. Um weitere Forschungen zu machen, fehlte es mir an Zeit, da das „Weckgespenst" plötzlich wieder erschien: „Auf, auf." Da hieß es sich sputen, um nicht . . . Es war mein erster Tag beim Militär. Inoffiziell war ich noch Zivilist, trug ich doch noch meinen Sonntagsrock. Ach ja, der Mensch ist ein Gewohnheitst.. . Man wollte ja noch vor dem Ausrücken „Toilette" machen. Nun, ein Brunnen war ja vorhanden, ein Taschentuch ebenfalls, Seife — überflüssig. Die zehn Finger stellten einen glänzenden Kamm dar, die Handfläche — die Kopfbürste und der Zeigefinger — die idealste Zahnbürste des zwanzigsten Jahrhunderts. In fünf Minuten war ich ein Gentleman. „Ausrücken" konnte ich noch nicht, da ich meine Montur, die ein wenig zu sehr in die Länge und Breite gegangen war, zum *) Heber die Arbeit der A. I. U. im Orient vgl. den Aussatz von C. Z. Klötzel in der „Deutschen Levante-Zeitung" 6. Jahrg., Nr. 9, S. 347 ff.

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