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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-25 · Heft 34 (25.8.1916) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 34 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
Seite 403 (sequence 7)
Language
German
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403 dem Osten hervorgerufen hat, kaum aber eine Aendevung ihrer! Richtung. Diese hatte bisher in der Haupttinie dieselbe Rich-! tung verfolgt, die alle großen Völkerbewegungen gegangen j sind, nämlich von Osten nach Westen. Doch bereits vor dem : Ausbruch des Krieges hat eine merkliche Strömung eingesetzt, die der Einwanderung der Juden in die sogenannten liberalen Staaten des Westens entgegenarbeitete. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika waren schon seit Jahren bemüht, die Zuwanderung armer Bevölkerungsklassen durch den Erlaß besonderer Gesetze einzudämmen; dadurch wurden, nachdem schon seit einem Jahrzehnt die Einwanderung aus Deutschland merklich zurückgegangen war, in den Oststaaten besonders die Einwanderer aus Rußland betroffen, und in den Weststaaten wurde das „friedliche" Eindringen der Japaner erschwert. Auch England hat schon vor ein paar Jahren begonnen, der Einwanderung von fremden „prmpsros" Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Sein völliges Versagen gegenüber den getoalttätigen Maßregeln der russischen Regierung gegen die Juden während des Krieges') wird nicht verfehlen, eine nachhaltige Wirkung auf die Sympathien der Ostjuden für England auszuüben. Es ist ganz natürlich, daß unter diesen Umständen die Idee, den Hauptstrom der jüdischen Auswanderer nach einer anderen Richtung zu lenken, neue Anhänger gewinnt. Mehr und mehr zeigt sich aus den verschiedensten Symptomen, daß man in diesem Zusammenhänge in erster Linie sein Augenmerk auf den Orient lenkt; hier begegnen sich die Wünsche und Hoffnungen der Zionisten mit denen mancher Orientpolitiker, Wirtschaftspolitiker, die von Idealisten mit denen von Praktikern. Voraussichtlich werden sich auch die großen Schiffahrtslinien Deutschlands und Oesterreich-Ungarns für diese Frage interessieren. Hoffentlich werden sie den Strom der Auswanderer noch mehr als bisher besonders nach solchen Ländern lenken, in denen sich den Leuten auch die Möglichkeit bietet, gut vorwärts zu kommen. Die jüdische Auswanderungsfrage ist durch das Vordringen der deutschen und österreichisch-ungarischen Heere nach Rußland hinein und durch die Kriegserklärung der Türkei au die Ententemächte in ein neues Stadium getreten. Diesen Umständen trug auch das Kartell jüdischer Verbindungen Rechnung, als es in dem Zyklus öffentlicher Vorträge, den es im Frühjahr 1935 im Preußischen Abgeordnetenhause veranstaltete, über das Thema „Die jüdischen Kolonien in Palästina" jemand sprechen ließ, der nicht nur den Orient, sondern auch Osteuropa aus eigener Anschauung kannte. Die anschauliche Schilderung, die der Redner, Alfons P a q » c P), von den jüdischen Kolonien auf dem Boden des Heiligen Landes, ihrer Geschichte und ihrer EntwicklungSmöglichkeiten gab, sind uns zum großen Teil schon aus des Verfassers gehaltvollem Reisebuche „In Palästina" bekannt; immerhin gibt Paguet in dem Heftchen eine gelte Zusammenfassung des Wichtigsten über Land und Leute. Besonders anschaulich erscheint mir die Schilderung eines Volksfestes, das zur Pessachzeit in der Kolonie Rehoboth gefeiert wird. Es ist recht verdienstlich von Paquet gewesen, in einem Vortrage die Aufmerksamkeit auch des größeren christlichen Publikums mitten im Weltkriege auf eine Frage gelenkt zu haben, die bisher vorwiegend in jüdischen Kreisen Beachtung gesunden hat. Für seine Stellung zur deutschen Orientpolitik bedeutsam sind die Ausführungen, in denen er sich mit der Frage besaßt, welches Interesse nicht nur die Juden, sondern alle Deutschen an der eingehenderen Prüfung der Ansiedelung in Palästina hätten. Dabei vergißt er berechtigterweise nicht, rms auch an ') Viel Material hierzu in : B. Segel, „Der Weltkrieg und bns Schicksal des jüdischen Volkes". Berlin, G. Stille. 2) Deutsche Orientbücherei, herausgegeben von E. Iackh. Heft IX. j „Die jüdischen Kolonien in Palästina." Weimar, G. Kiepenheuer. , das zu erinnern, was bereits vor den jüdischen Ansiedlern die Teiilpler-Bauernkvlvnien geleistet haben. Paquet kommt zu folgenden Vorschlägen: Die Juden sollen als Träger deutscher Kultur in Palästina verwendet werden, nachdem ihnen auf dortigen deutschen Schulen die Kenntnis der deutschen Sprache beigebracht worden ist. Die deutsche Sprache soll dann die Stellung einnehmen, die im Altertum das Griechische gehabt hat. Die bisherigen Erfolge der Kolonisierung Palästinas ermutigen nach Paquet zu einer intensiven Ansiedelung. Als Kolonisatoren in größerem Maßstabe kämen Ostjuden, schon wegen ihrer Sprache, vor allem in Betracht. Man erinnert sich dabei, daß die Mehrzahl der Ostjuden im Mittelalter aus Deuts ch l a n d nach dem Osten ausgewandert ist und daß sie in ihrer Umgangssprache, dem Jüdisch-Deutschen, die Spuren ihrer Herkunft noch in die Gegenwart hinübergerettet haben, wenn auch diese Sprache als Mischsprache oder als eine Fortbildung des Mittelhochdeutschen unter fremden Einflüssen aufgesaßt werden mußZ. Wohin auch immer Juden Westrußlands gewandert sind, haben sie neben dem Hebräischen das Jüdisch-Deutsche hinverpslanzt. So haben deutsche Kolonisten, sobald sie in ein Land kamen, in das schon Juden aus Westrußland eingeivandert nmrcu, den Boden für das Deutschtum gewissermaßen vvrgeackert gefunden. Von diesen Gedankengängen mag Paquet ansgegangen sein, als er, der auf allen seinen Reisen im Osten und Westen jüdische Kultur stets gut beobachtet hatte, an die palästinensische Frage herantrat. Dort fand er den Boden bereits vorbereitet durch den Teil der Judenheit, der seit zwei bis drei Jahrzehnten Palästina seine besondere Aufmerksamkeit znwendet - die Zionisten. Diese sind zwar durchaus nicht die ersten jüdischen Kolonisten Palästinas gewesen. Indem sie aber das Interesse der Inden speziell auf Palästina lenkten, gaben sie der jüdischen Kolonisationstätigkeit eine ganz neue Richtung. Bisher waren die Inden in Länder eingewandert, in denen sie nur die günstigen Bedingungen für ihr Vorwärtskommen neben Duldsamkeit für ihre Religionsausübung suchten. Während die in Rußland verfolgten Juden mit bewundernswerter Zähigkeit an ihrer spezifisch jüdisch-religiösen Kultur festhielten, assimilierte sich ein großer Teil der in andere Länder ausgewanderten Juden sehr bald. Da trat nun herzl Mitte der 00er Jahre des vorigen Jahrhunderts mit seinen neuen Ideen aus. Tie Juden sollten in Palästina einen neuen Staat bilden. Damit würde die jüdische Auswanderung auf eine ganz neue, national-politische statt rein wirtschaftliche Basis gestellt werden; denn man sollte nach demLande zurückwandern, in dein dieJndcn einst ein mächtiges Reich gebildet hatten. Die Mehrheit der Juden erkannte sogleich das Verfehlte, das im Vortragen eines solchen Banners lag. Durch Zufall kamen mir kürzlich wieder die schönen „Essays und Erinnerungen" von Theodor Gomperz zu Gesicht; es sind jetzt gerade 20 Jahre her, daß dieser große Gelehrte in einem Brief an „Die Zeit" es ablehnte, Herzls Judenstaat" zu besprechen; u. a. meint er: „So weit also wäre es gekommen! Der Strom der Geschichte, so fordert man ernsthaft, soll zu seiner Quelle zurückfließen." Noch jetzt sind diese Worte — auch wenn man die Erfolge jüdischer Kolonisation in Palästina richtig ivürdigt - beachtenswert, gerade im Hinblick auf die von Paquet aufgeworfene Sprachenfrage. Man greife zu einer nenen Darstellung des Zionismus; da vertritt z. B. Kurt Blu men feldH den Standpunkt, daß das Hebräische in Palästina als v o r h e r r f ch e n d e Sprache angesehen werden soll. Denn die Kenntnis dieser h Näheres z. B. bei Heinr. Locwe in den „Süddeutschen Monatsheften", Februar 3936. ') „Der Zionismus, eine Frage der deutschen Orientpolitik". Berlin, G. Stille; auch „Preußische Jahrbücher", Bd. 163, Heft 1.

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