Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- Seite 402 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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402 schäften ausgestattet tvordeu wäre. Der in Geldverlegenheiten geratene Sultan erinnert sich des Juden als eines reichen Mannes, der in Alexandrien Wuchergeschäfte betrieben und der so geizig ist, daß von ihm ans freien Stücken keine Hilfe zu erwarten ist. Der raffinierte Sultan steht vor -der Wahl, von dem Juden das Geld mit Gewalt zu erpressen oder von ihm gegen Wucherzinsen ein Darlehen zu verlangen. Er verflicht aber lieber ein drittes: durch Schlauheit ihn in eine Lage zu versetzen, die es rechtfertigt, das Geld ihm strafweise abzunehmen. Der Sultan ist kein Jdealmensch, aber immerhin sympathischer als der wucherische, geizige Jude. Wucher und Geiz, das sind einmal, auch bei Boccaccio, obgleich dieser wußte, wie stark der Wucher von den Christen in Italien zu seiner Zeit betrieben wurde, die typischen Eigenschaften, die nach der literarischen, nur allzulange sich erhaltenden Mode traditionell der Seele des Juden angeheftet werden, wie später seinem Gewände der gelbe Fleck. Diese Mode macht Boccaccio mit, wie ihr auch Shakespeare, um den noch größeren Dichter zu nennen, ohne weiteres huldigte. Boccaccio, der sonst so folgerichtig handelnde Charaktere zu zeichnen vermag, gerät bei der Zeichnung seines Melchisedech übrigens in einen argen Widerspruch mit sich selbst. Es ist nicht einzusehen, weshalb er den klugen, scharfsinnigen Juden just zum geizigen Wucherer gemacht; es ist aber auch nicht zu begreifen, warum er d i e s e m Juden, nachdem er sich durch seine Weisheit aus der ihm vom Sultan gelegten Schlinge gerettet. Plötzlich so viel Edelmut beilegt, daß er ihn freiwillig sich erbieten läßt, dem Sultan mit allem zu dienen, was dieser braucht. Für einen durch Geiz berüchtigten Wucherer ist das ja gar nicht so übel gehandelt. Boccaccio mußte so durch die Novelle noch einen anderen Widerspruch sich zum Vorwurf machen lassen. Er, der als fanatischer Betbruder endete, aber auch zu jener Zeit, wo er sittenlose Geistliche zu verspotten sich erlaubte, als glaubenseifriger Katholik galt, entging nicht der Beschuldigung, daß seine „Drei Ringe" eigentlich eine Schmähung der christlichen Religion enthalten. Das ist zu viel gesagt, aber man wird zugeben müssen, daß in dieser Novelle keineswegs der christlichen Religion eine Superiorität vor den anderen zuerkannt wird. Es gibt aber noch eine andere Novelle im Decamerone, deren Held ein Jude ist, die aber bisher kaum noch kritisch, mit Hinblick auf das jüdische Element, geprüft worden ist und die doch, nach ihrem ganzen Inhalt, eine solche Auseinandersetzung geradezu herauszusordern scheint. Es ist die zweite Novelle des Decamerone: „Der Jude Abraham in R o in." Zunächst sei hier ihr Inhalt in Kürze mitgeteilt. Ein reicher, wackerer Kaufmann in Paris, Jeannot de Sevignv, stand in Geschäftsverbindung mit einem steinreichen, ehrenhaften Juden namens Abraham, der auch „ein großer Gelehrter im jüdischen Gesetze" war. Jeannot tat es leid, daß sein ehrlicher jüdischer Freund dereinst verdammt sein sollte, und er redete ihm inständigst zu, den Jrrtümern des jüdischen Glaubens zu entsagen und zu dem wahren christlichen Glauben überzutreten. Der Jude antwortete, daß er keinen anderen als den jüdischen Glauben für recht und heilig halte und daß er darin leben und sterben wolle. Jeannot kam aber immer wieder auf den Gegenstand zurück und versuchte, „so gut oder schlecht es ein Kaufmann versteht, auseinanderzusetzen, daß und warum der christliche Glauben besser als der jüdische sei." Nun war zwar der Jude „ein großer Gelehrter im jüdischen Gesetze", gleichwohl rührte ihn die „aufrichtige Freundschaft Jeannots so sehr, daß er ansing, an den Reden desselben Geschmack zu finden". Aber er bestand immer noch hartnäckig auf seinem Glauben. Endlich aber ließ er sich zu dem Zugeständnis bewegen, er wolle nach Rom reisen, um den Papst, die Kardinale und Bischöfe, ihr Leben und Betragen kennenzulernen. „Finde ich", sagte er, „dies so beschaffen, daß ich daraus wie aus deinen Worten mich überzeugen kann, euer Glaube sei wirklich besser als der meinige, so werde ich Christ, wo nicht, so bleibe ich ein Jude." Abraham zieht nun nach Rom und wird dort von seinen Glaubensgenossen auf das ehrenvollste empfangen. Ohne jemandem den Grund seiner Reise zu entdecken, begann er das Leben des Papstes, der Kardinale, der Prälaten und sonstigen Hofleute zu beobachten. „Was er als scharfblickender Mann selbst wahrnahm und worauf andere ihn führten, überzeugte ihn bald, daß die ganze Klerisei, vom Größten an bis zum Niedrigsten, den schamlosesten, selbst unnatürlichsten Lüsten frönte, ohne sich Zaum und Zügel anzulegen." Er sah ferner, daß Schlemmerei und Trunksucht, Habgier, Schacher mit Kirchenwürden und „noch manches andere, das man lieber verschweigen mag," die damalige Geistlichkeit in Rom kennzeichne, und nachdem er genug gesehen, beschloß er seine Rückreise nach Paris. Da angelangt, berichtete er vertraulich seinem Freunde Jeannot, was er in Rom erfahren und fuhr dann fort: „Soviel ich urteilen kann, scheint euer Oberhirt und sein ganzer Troß, nach seinem Beispiele, alles aufzubieten, um die christliche Religion, deren Stützen sie sein sollen, zu zerstören. Ich aber sehe, daß dies nicht in Erfüllung geht, sondern daß eure Religion sich vielmehr täglich mehr auSbreitet und herrlicher erscheint. Daraus schließe ich billig, daß der heilige Geist vor allein anderen als die wahrhaftige sie stützt und hält." Der Schluß -er Rede aber war, daß Abraham erklärte, jetzt wolle er Christ werden: „Gehen wir in die Kirche," ruft er aus, „daß ich dort nach dem Gebrauche eures heiligen Glaubens die Taufe empfange." Jeannot, der nach dem Berichte alles eher als dieses Resultat erwartet hatte und auch schon bei der Romreise Abrahams in der Kenntnis der römischen Verhältnisse auf das Scheitern seiner Wünsche gefaßt war, fühlte sich als den frohesten Mann der Welt, führte seinen Freund in die Kirche, wo dieser den Namen Johannes annahm und die Taufe empfing. Als Ouelle für diese Novelle Boccaccios gilt gemeinhin eine kurze Anekdote, die Busone de Rafaeli, ein Freund Dantes, in einem 1311 geschriebenen Romane erzählt. Da heißt es, kurz und trocken, wie Sultan Saladin gelegentlich eines Besuches in Rom, wo er die Laster und Freveltaten der Geistlichen beobachtet, die Aeußerung getan habe: „Die Geistlichen tun dort das Gegenteil von dem, was sie tun sollten, und die Habsucht ist ihnen zur zweiten Natur geworden. Doch eben diese Laster und Sünden des Papstes, der Kardinäle und der römischen Höflinge dienen mir zum Beweis, daß die christliche Religion die beste von allen ist, denn ein Herr, welcher solche Beleidigungen erträgt, ist gewiß sehr gnädig und gütig. Ich sehe nun, daß der Gott der Christen der beste und barmherzigste Gott ist, denn ein anderer würde sich eine solche Behandlung von seinen Bekenner» gewiß nicht gefallen lassen, und folglich ist die christliche Religion die beste von allen." (Nach der Uebersetzung von M. La n d a u, in „Die Quellen des Decamerone".) (Schluß folgt.) Sir jüdische Auswanderung, Palästina und das Sltjudenproblem. Von MarcEber. I. nter die Probleme, die durch den Weltkrieg erneut an Interesse gewonnen haben, gehört auch das der Auswanderung. Was insbesondere die Auswanderung der Ostjuden anbetrifft, so spricht schon jetzt alle Wahrscheinlichkeit dafür, daß sie nach Beendigung des Krieges wieder einsetzen wird. Nun ist es merkwürdig zu beobachten, daß, soweit man die Verhältnisse jetzt schon übersehen kann, der Krieg zwar eine. Unterbrechung in der Auswanderung der Juden aus