Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
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398 Die mechanischen Erwartungen dieser Zeitstrecke bilden auch den treuen Spiegel dieser Zeit. Da der Erde Gestalt immer wüster und befleckter erschien, so wurde der Himmel mehr und mehr das religiöse Zentrum, die Zufluchtsstätte für alles, was den Menschen heilig vorkam. Das Attribut „himmlisch" wurde gleichbedeutend mit „heilskräftig", „messianisch", „beseligend". So redete man vom himmlischen Lohn, vom himmlischen Manna, vom himmlischen Leib usw. Hierauf beruht weiter eine doppelte Reihe von Anschauungen: auf der einen Seite der im Judentum sich verallgemeinernde Glaube an die Himmelfahrt der großen Gotteshelden nach ihrer irdischen Laufbahn und ans der anderen Seite die Meinung, daß die Heiligtümer Israels schon vor Erschaffung der Welt im Himmel zugegen waren. So die Vorweltlichkeit des Messias. Das Buch Henoch und das Buch Esra sprechen sich in diesem Sinn aus. „Noch ehe die Welt geschaffen, war der Name des Messias." Im talmudischen Schrifttum findet sich diese Lehre ebenfalls, aber sie wird unter einer Modifikation mitgeteilt, die jede Annahme von der Ewigkeit des Messias ausschließt. Es werden sieben Gegenstände aufgeführt, die vor der Weltschöpfung geschaffen wurden, zu denen auch der Name des Messias gehört. Auch die Angaben über die Ueberweltlichkeit und die göttliche Natur des Messias sind bei den Mystikern vertreten. Der Messias ist nach ihnen ein Mann von gewaltigen Geistesgaben, erfüllt von Weisheit, hohem Rechts- und Sittlichkeitsgefühl, ausgerüstet mit einer mächtigen Tatkraft, ein Sprößling aus dem königlichen davidischen Hause. Die Schriftbeweise für ihre Lehren sind zahlreich. Zu 1. Moses 2 „und der Geist Gottes schwebte über den Wassern" fügen sie erklärend hinzu: „Das ist der Geist des Messias", als Beweis seiner Göttlichkeit und Vorweltlichkeit. (Sohar 1. 6. 128.) Andere Anführungen gelten dem Nachweise, daß der Messias ein Himmelswesen sei. Die erste ist die Stelle in Daniel 7, 13: „und mit den Wolken des Himmels kam wie ein Menschensohn und gelangte bis zu dem Hochbetagten", die auf den Messias gedeutet wird. Der Messias muß demnach ein Himmelswesen sein. Dagegen verstehen die Eregeten unter „Menschensohn" das israelitische Volk mit seinem Märtyrertum. Die zweite Schriftstelle ist Daniel 7, 9, von den zwei Thronen, welche Akiba dahin deutete, daß der eine Thron für Gott, der andere für den Messias bestimmt sei. Diese Erklärung hat bei den Lehrern seinerzeit die tiefste Entrüstung hervorgerufen, so daß dem Akiba zugerusen wurde: Wie lange noch wirst du die Gottheit Schechina Profanieren! In keinem Teile der Messiaslehre jedoch treten die Differenzen der beiden Strömungen im Judentum, der mystischen und der rationalistischen, so schroff hervor wie in bezug auf die Werke und Aufgaben des Messias. In den Prophetenreden von dem künftigen davidischen Messias sind die messianischen Heilsgüter, die Werke des Messias, politische und ethische. Die Wiederherstellung des davidischen Reiches, die Aufrichtung des davidischen Thrones, dem die Sammlung und die Rückkehr der zerstreuten Reste des israelitischen Volkes vorausgehen soll, wird als die Gründung eines Reiches des Rechtes und des Friedens für alle Völker verheißen. Der Messias ist der Friedensfürst und der Richter unter den Nationen, die sich um ihn scharen und dem so entstandenen Gottesreiche anschließen werden. Dagegen spricht die Mystik vorzugsweise von einer Menge messianischer Heilsgüter rein religiös-ethischer Natur, die jene gar nicht kennt. Dies sind: die Wiederherstellung des durch den Sündenfall Adams vernichteten vollendeten Zustandes der Welt und der Menschen; das Brechen der Macht und der Herrschaft des Satans nebst dessen völliger Besiegung; die Befreiung der in der Hölle Schmachtenden; die Totenerweckung, die Gesetzeserneuerung; die Ausbreitung seiner Herrschaft über alle Völker; das Gerichthalten auf einem Throne neben Gott u. a. m. Die Mystik sucht für diese Angaben gewisse Begründungen in den Schriften des Alten Testaments auf, die natürlich von den Lehrern der Verstandesrichtung zurückgewiesen werden. Als Resultat unserer bisherigen Betrachtung ergibt sich, daß )\\x Zeit des zweiten Tempels im Schoße des Judentums eine reiche, vielgestaltige, metaphysisch angehauchte messianische Hoffnung sich ausgebildet hatte. Die Neuerungen sind zum Teil im Gegensatz gegen die alten prophetischen Hoffnungen zustandegekommen; sie sind aus der veränderten religiösen Grundstimmung des Judentums hervorgegangen, aber nicht, ohne daß die Glaubensweise, die religiösen Sitten und Gebräuche der verschiedenen heidnischen Völker, mit denen es im Laus der Zeit in Berührung kam, einen starken Einfluß ailsgeübt hätten. Unter diesem Gesichtspunkte betrachtet, kann die Apokalyptik bezeichnet werden als die der späteren jüdischen Gottesidee entsprechende Loslösung der messianischen Erwartungen von dem irdisch-politischen Ideale und deren Steigerung ins Uebernatürliche. Im Buche Daniel, der Magna Charta der apokalyptischen Schule, liegt keimartig die neue Betrachtungsweise verborgen. Die frommen Zeitgenossen fanden hier eine eigenartige, ihrem religiösen Empfinden angemessene Form der Hoffnung: das ewige, durch das allgemeine Gericht eröffnete, mit den Gestirnen Verbündete Reich der Heiligen, beherrscht von dem himmlischen Menschensohne. Die eigentlich treibenden Motive in der Ausgestaltung des neuen Hoffnungsbildes sind die unvermittelt hereinbrechende Gerichtskrisis und die Auferstehung. Damit wird die messianische Idee gleichsam aus den Angeln gehoben. Im Unterschiede zu dem prophetischen Messianismus bedeutet die Apokalyptik nicht Fortsetzung, sondern Abbruch, nicht Abschluß, sondern Antithese, nicht.Potenziertes Erdenleben, sondern Gericht über das vergangene und neuer Ansatz; sie ist nicht ein Finale, das an ein früheres Motiv anklingt, sondern ein neues Lied in höherem Chor. Sie Woche. Berlin, den 22. August 1916. rfreuliche Nachrichten durchschwirrten in den letzter: Tagen der abgelaufenen Woche Berlin, die eine so bestimmte Gestalt annahmen, daß Allzueilige die Flaggen bereits hervorholten. Da die Gerüchte aber bisher keine amtliche Bestätigung erhalten haben, so tragen wir Bedenken, näher darauf einzugehen. Die Flaggen, die am 18. August zahlreicher, wenn auch nicht allgemein wurden, galten teilweise dem greisen österreichis ch e n Kaiser Franz Josef, der seinen 86. Geburtstag beging. Der ehrwürdige Herrscher, der nun fast 70 Jahre an der Spitze eines großen schwergeprüften Reiches steht, der in seinem langen, wechselvollen Leben viel mehr Schmerz als Freude erfahren, muß wegen seiner immer bewährten Bundestreue laut und herzlich gepriesen werden. Es mag ihm, der das für ihn überaus traurige Andenken von 1866 noch nicht verwunden haben kann, gewiß jahrzehntelang nicht leicht angegangen sein, mit dem wider ihn siegreich gewesenen Preußen einen Bund zu schließen, aber nachdem er einmal den schweren Entschluß gefaßt hatte, ist er seinen Bundespslichten unwandelbar treu geblieben. Als solch herrliches Beispiel der Treue verdient er Preis und Anerkennung.