Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 34 Berlin, 25. August 1916 Allgemeine eitung des Judentums. Lin unparteiisches Vrgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s«Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 JTI. — Postscheckkonto 324:. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. TTflhftlt* Ter prophetische und der mystische Messias Von Dr. B.Selig- LßLN/UlL. kowitz, Köthen.— Die Woche. — Beerdigung eines jüdischen Gefangenen im Lager Groß-Breesen bei Guben (Bild). — Die zwei „jüdischen" Novellen des Boccaccio. Von Gabriel Engels mann. — Die jüdische Auswanderung, Palästina und das Ostjudenproblem. VonMarc Eber. — Das jüdische Herz. (Erinnerungen.) Von Elias Nacht, Berlin. — Das Volk des Ghetto. Von Dr. SP.-Irving, München, z. Z. im Felde. — Feuill eton: Auge um Auge RussischerSozialroman vonM.Pirlvermann. Der Gemeiridebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Bad Kudowa, Altona, Hamburg, Köln, Straßburg. Warschau, New Jork. — Von Nah und Fern. Der prophetische und der myttilche WeMss. Von Dr. B. Seligkowitz (Köthen). 8 gibt keinen Punkt, in dem sich das Judentum des zweiten Tempels so scharf von dem älteren Judentum abhebt, als die Vorliebe für die „himmlische Welt". Der Himmel, für das alte Judentum Gegenstand einer diskreten unid nüchternen Betrachtung, wird in Daniel und in Henoch zum Tummelplatz für die apokalyptische Phantasie. Während der Propheten Blick und Interesse sich der Gegenwart und der nächsten Zukunft zuwendet, wird diese zeitliche Dualität im späteren Judentum durch den lokalen Dualismus zwischen „unten" und „oben" in den Hintergrund gedrängt. Dieser Zug nach der oberen Welt steht in Wechselbeziehung mit der zunehmenden ungünstigen abfälligen Beurteilung des „unten" in den apokalyptischen Schriften. Die Erde gilt ihnen als eine Stätte der Ungerechtigkeit, der Befleckung, der Unreinheit. Die Gewalt- und Bluttaten der fremden Herrscher, der offene und geheime Abfall der eigenen Volksgenossen seit der Makkabäerzeit haben der weltmüden Stimmung energisch Vorschub geleistet. Der Verfasser der Jubiläen weiß, daß „die Erde von aller Sünde und von all ihrem Schniutz" gereinigt werden muß. Die griechische Baruchapokalypse malt diesen Gedanken weiter so aus, daß die Krone der Sonne seden Abend erneuert werden müsse, weil sie und ihre Strahlen auf der Erde durch die Gesetzesübertretungen der Menschen, Buhlerei, Ehebruch, Diebstähle, Raub befleckt werden. Spricht schon aus diesen starken Bildern eine tiefe Empfindung für den Unwert alles Irdischen, so forrant sie besonder? noch darin zum Ausdruck, daß man die Wurzeln des Elend? bis ans Adam znrückverfolgt und ein allgemeines unentrinnbares Gesetz der „Sünde" und des „Todes" feststcllt. Ueber der ganzen Schöpfung lastet seit der Uebertretnng Adams der göttliche Much. „Diese Welt ist voll von Trauer und Ungemach", ruft Pseudv-Csra. Alle Kreaturen, die persönlichen Wesen wie die Tier- und Pflanzenwelt, seufzen unter diesem Druck und sehnen sich nach Befreiung von diesem Erdenlos. In dem Maße aber, wie das Verderben sich unter uns ausbreitet, zieht sich Gott nach oben, in den Himmel, zurück. Das Wohnen im Himmel, und zwar im höchsten, unerreichbaren Himmel, wird jetzt eine von dem Gottesgedanken ganz unlösliche Vorstellung. In dem „siebenten Hiinmel", der über allen liegt, verweilt die große Herrlichkeit im Allerheiligsten, hoch über jeder Heiligkeit, so formuliert das Buch Henoch die fronune Empfindung der Zeitgenossen. Das Ueberragen des Metaphysischen über das Religiöse zeigt sich deutlich darin, daß der Name „Gott im Himmel" ein stehender Ausdruck geworden ist und Himmel auch geradezu für Gott gesagt wird. Der Ansdruck „die auf der Erde wohnen" ist der Apokalyptik stereotype Formel zur Bezeichnung der ungläubigen, unbußfertigen Welt: zum mindesten verrät sie, wie geläufig die Vorstellung eines inneren Gegensatzes zwischen der unteren Welt und den oberen göttlichen Dingen geworden war. Der ursprüngliche lokale Gegensatz zwischen Himmel und Erde hat sich zu einem ethischen und religiösen verschärft. — Es entspricht der apokalyptischen Donkweise, daß dieser Gegensatz zuletzt auf einen metaphysischen Hintergrund Projiziert wird. Die Schlechtigkeit und Verderbtheit der Mcnschenwelt ist der Ausfluß einer dämonischen Macht. Das Eindringen des Hellenisnrns unter der Syrerherrschaft, die geschlechtlichen Ausschweifungen, der Lurus, die Kleiderpracht und alle Verführnngskünste, das leichtfertige sophistische Disputieren und Räsonieren über alles Heilige und Hohe, diese ganze fremdländische zweifelhafte Kultur schien den jüdischen Frommen wie ein böser Zauber, der ihr Volk geblendet hatte. Es kam ihnen vor, als ob ein Schwarm verderblicher Höllcngeister über da? Land hergefallen wäre, wie in den Tagen der Sintflut die bösen Engel vom Himmel herabgestiegen waren und die ganze Menschenwelt infiziert hatten. Ileberall in den literarischen Erzeugnisien jener Zeit wird jene alte Sage weitergesponnen. Die Söhne des Himmels, welche sich mit den Töchtern der Menschen vergingen, haben die Erde verdorben und die Dämonen ins Leben gerufen. Die Götter des Heidentums, welche von den verschiedenen Völkern verehrt werden und deren Geschicke leiten, gelten als ebenso viele widergöttliche oder untergöttliche Mächte, welche auf der Erde ihr Wesen treiben. Darum wird zuletzt die ganze Erde als das Herrschaftsgebiet des obersten der Dämonen, des „Satan", ansgegeben. Er und seine Scharen heißen die Weltbeherrscher: er ist kurzweg der Gott dieser Erde. Das ganze Herrschaftsgebiet des Satans erscheint als ein Reich der Finsternis, welches der himmlischen Welt, dem Reich des Lichts, gegenübersteht. In der Glaubensvorstellung der Apokalyptiker bleibt also Gott dennoch der Allbeherrscher. Wenn er dem Bösen scheinbar das Feld räumt, so wird sich das mit dem Anbruch der messianischen Zeit wenden. Der Messias wird dann den Teufel mit seinen Scharen aufs Haupt schlagen und sie ihrer Macht berauben. Diese Lehren des Mystizismus bringt das Henochbuch. Nach ihm soll Azazel (Satan), an Händen und Füßen gebunden, in die Wüste Dadael geworfen und von da am Tage des Gerichts in das Feuer geworfen werden.