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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-18 · Heft 33 (18.8.1916) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 33 (18.8.1916)
Date
1916-08-18
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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3S6 Man kann ja nicht dafür, daß man sich verliebt, ob man auch weiß, daß eine Welt von Unheil daraus entstehen wird." Dann aber fuhr er mit Ernst fort: „Eigentlich trifft dich gar keine Schuld für das Mißlingen deines Planes, sondern mich. — Es war gar nicht anders zu erwarten. Ich war dein Teilhaber bei diesem Unternehmen, und da konnte es nicht gut enden. Der Fluch lastet auf meinem Leben, auf allen meinen Taten, und der Fluch des Mißerfolges überträgt sich auf alle, die sich mit mir verbinden. Ist aber der Mißerfolg mein Verschulden, so laß auch deinen Zorn nur mir gehören." „Du meinst es gut mit mir," sprach Gabriel gerührt, da er Baruch gar nicht verstand. Jetzt, da die Gefahr der Abrechnung scheinbar vorüber war, erkannte er, wie groß diese war. Nun aber war nichts mehr zu fürchten. Baruch war zufrieden — er hatte sogar darauf verzichtet, irgendeinen anderen Racheplan vorzuschlagen. Dennoch spürte Gabriel in seinem Innern, daß es ihm lieber gewesen wäre, wenn Baruch etwas weniger seine Zufriedenheit gezeigt hätte. „Ich meine, was ich sage," fuhr Baruch fort, da er seine Leidenschaft nicht länger bemeistern konnte; „laß den Zorn über das Mißlingen mir ganz allein gehören. Ich habe ja auch genügend Raum dafür; du hingegen — nicht! Du bist ja von Torakows Tochter voll! Wie ich dir schon sagte, mein Herz ist groß und weit wie dieser Strom da, und wenn du jemand begegnetest, der einebittereEnttäuschung, eine unheilbare Wunde empfangen, dann schicke ihn nur zu mir; bei mir kann er seine Last ablagern." „Baruch!" rief Gabriel, nahe an ihn herantretend. „So darfst du dich nicht aufgeben! Du bist noch lange kein wurmzerfressener Stamm, der bald in Stücke zerfallen wird!" „Sich aufgeben — in Stücke zerfallen, nennst du es, wenn ein Mensch seine Kraft probieren will, um zu sehen, was er zu ertragen vermag? Gabriel Schmulikos, du täuschst dich ganz und gar in mir! Du hast meine wahre Natur noch nicht erkannt! Vielleicht interessiert es dich zu erfahren, daß auch ich in dieser Stunde meine Lebensanschauung geändert habe. Bisher pflegte auch ich jeden Tag einen neuen Stoß zu erwarten, zu fürchten, aufs neue zu Boden geschmettert zu werden. — Allein dies war mir nicht bekömmlich; es macht feig, es erschlafft die Muskeln, und die Leute im Fährboot fluchen, daß ich sie nicht schnell genug übersetze. — Jetzt aber ist der Rückschlag bei mir zum Durchbruch gekommen, und ich werde fortan ein Riese sein. Jeder Schicksalsschlag soll eine frische Kraft des Widerstandes in mir auslösen, jeder Stoß einen Gegenstoß Hervorbringen. Gabriel Schmulikos, wie bedaure ich dich als Schwächling, dessen Sehnen und Planen durch ein falsches Lächeln Fortunas wie Wachs in der Sonne zerschmilzt! Ich aber habe kein Sehnen, kein Begehren mehr in dieser Welt, darum wird jede Wunde nur eine neue Kraft in mir erzeugen. Gabriel, ich sage dir, nur noch eine oder zwei solcher Katastrophen, und ich bin der stärkste Mensch auf Erden!" „Auf eine Katastrophe wenigstens wirst du nicht lange zu warten brauchen," sagte Gabriel, ihn scharf anblickend. „Wirklich? Das ist eine freudige Botschaft für mich! Ich sehe, du bist doch noch mein Freund! Um was handelt es sich?" „Torakow ist wieder bei der Arbeit, und die Vorgänge von damals sollen wieder eine neue Auflage erfahren. Nur sollen sie diesmal eingehender und durchschlagender ins Werk gesetzt werden. Die Muschiks sollen wissen, daß ihnen kein Hindernis in den Weg gelegt werden wird, daß sie ungestört sich die Taschen mit dem Gelde der Juden füllen dürfen, — auch wenn dabei wieder Blut fließen sollte." „Ich ahnte, daß er etwas im Schilde führt." „Wieso?" „Er hat mir sagen lassen, daß ich die Fähre den ganzen Tag nur zu seiner Verfügung halten soll." „So schnell?" rief Schmulikos bestürzt. „So schnell?" wiederholte Baruch verächtlich. „Mich wundert, daß er noch solange gewartet hat. Aber er ist ein guter Sportsmann. Der Herr Gouverneur weiß, was sich gebührt. Er gibt uns Zeit, wieder etwas Kräfte zu sammeln ehe er eine neue Hetzjagd veranstaltet." „Baruch, ich bitte dich, laß ab von deinem Zynismus und sage mir, wie das Entsetzliche abgewendet werden kann. Ick bin vertrauensvoll und mit Offenheit zu dir gekommen, dami' wir gemeinsam beraten, was geschehen soll. Noch ist nicht? verloren, darum lab uns mit Ruhe und Ueberlegung handeln Wir wissen, was geplant wird, und das ist doch schon etwas Torakow hat keine Ahnung, daß seine Absichten bekannt sind Er hat mich zu seinem Vertrauten gemacht und weiß nicht daß ich ihn verraten werde. Aber wir müssen auch sehr vorsichtig sein; denn wenn unsere Feinde sehen, daß die Opfer gewarnt sind, dann werden sie sich mit verdoppelter Raubgier auf die Wehrlosen stürzen, wie der Tiger, wenn er sieht, das die Beute ihm abgejagt werden soll. Baruch, in der Gemeinde sind doch gewiß einige entschlossene, kühl denkende Männer vorhanden, die wir mit ins Vertrauen ziehen können, und mi« vereinter Kraft wird es uns sicherlich gelingen, eine Abwehr zu schassen. Ich selbst stelle mich zu eurer Verfügung, wil> jede Gefahr und Arbeit gern mit euch teilen." Baruch verharrte schweigend und nachdenkend, als wollte er sich erst jedes Wort einprägen und aus sich einwirken lassen Dann aber schüttelte er abwehrend den Kopf und erwiderte langsam: „Entschlossene Männer werden schon genug vorhanden sein Allein alle ihre Entschlossenheit und Weisheit wird nicht ausreichen, um einem Torakow für die Dauer erfolgreich entgegentreten zu können. Dann, Gabriel, glaube ich, daß du den: Judentume noch nicht so ganz entfremdet bist, um nicht zi wissen, daß wir Juden lieber das eigene Leben lassen, ehe wir uns entschließen, Menschenblut zu vergießen. Was sie mir ant Worten werden, weiß ich jetzt schon: sie werden ihr Geschick der Vorsehung anheimgeben und keinen Finger zu ihrer Verteidigung krumm machen. — Wenn uns aber Hilfe werden soll," seine Augen sprühten Feuer und wuchtig sank seine Faust aufs Knie nieder, „wenn uns Hilfe kommen soll, dann mus sie von dir kommen! Du willst uns deine Hand zur Verteidigung leihen, du willst uns zur Seite stehen, das allein genügt aber nicht; damit gibst du uns ja nur wieder, was eigentlich uns gehört. Deinen Geist, dein ganzes Können, alles, was deine Größe bildet, hast du ja nur von unserem Stamm; es ist ohnedies unser Eigentum; darum haben wir ein Recht, von dir einen Ersatz zu erwarten. Du mußt uns entschädigen für das, was du von uns erhalten." (Fortsetzung folgt.) Mchrrrirrlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendnng der Bücher findet in keinem Falle statt. Hermann Struck, In Russisch-Polen. Ein Kriegstagebuch. 23 Originallithographien. Verlegt bei Julius Bard zu Berlin 1915. Tr. Eduard Mahler, Handbuch der jüdischen Chronologie. Schriften, herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Leipzig 1916. Druckfthlrrbrnchtlgung. Auf Seite 350 der Nr. 30, Zeile 4 von oben, muß es heißen: „weil er nur örtliche (nicht öffentliche) Wirksamkeit hat."

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