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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-18 · Heft 33 (18.8.1916) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 33 (18.8.1916)
Date
1916-08-18
Page
Seite 393 (sequence 9)
Language
German
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393 dön Krieg angesammelte Fülle von Haß und Neid auch für die gegenseitigen geschäftlichen Verbindungen nicht ohne Einfluß bleiben, daß insbesondere jene innigen Verzweigungen großer Unternehmungen der Mittelmächte in den Ententeländern in der bisherigen Art und Weise überhaupt nicht oder nicht so bald wieder aufleben dürften. Und da richten sich denn unsere Blicke nach dem Orient, als einem noch lange nicht zu erschöpfenden Absatzgebiete. Dort in den Balkanstaaten, in der Türkei, in Palästina sind heute und schon seit längerer Zeit größere jüdische Kulturwerke geschaffen, eine jüdische Volksschule in Jerusalem über Initiative des Sekretärs der Wiener Israelitischen K ül tu s gemein de Dr. Ludwig August Frankl gegründet von einer österreichischen Jüdin, Elise Herz geborene Edlen v. Lämel, und erhalten aus den Interessen ihrer Stiftung mit Beihilfe des Hilfsvereins der deutschen Juden in Berlin, eine Lehrerbildungsanstalt, mehrere Kindergärten, Mädchenschulen, ein jüdisches Gymnasium in Jaffa, eine 'große jüdische Bibliothek, ein jüdisches Technikum (in Gründung begriffen), eine Waisenschule, Knaben-Volks- und Handfertigkeitsschulen, jüdische Krankenanstalten, die auch in Europa bekannte Kunstgewerbeschule „Bezalel", deren Erzeugnisse in verschiedenen österreichischen Ausstellungen Auerkennung gefunden haben, und noch manches andere. Des ferneren werden von Juden aus allen europäischen Ländern Armenfpenden in großen Summen jährlich nach Jerusalem geschickt und dürfte auch auf diesem Gebiete eine Resormaktion im Zuge sein. Jüdischer Fleiß und Liebe zur Scholle habm in verhältnismäßig kurzer Zeit ganze Wüstenstriche zu fruchtbaren produktiven Kolonien gemacht. In Konstantinopel ist eben jetzt eine österreichisch-deutsche Judengemeinde neben der dort bestehenden spaniolischen in Gründung begriffen. Die von den Mittelmächten auf dem Balkan und im Orient anzuknüpfenden Handelsbeziehungen werden an den dort seßhaften Juden, welche neben den Griechen das Hauptverdienst an der bisherigen Entwicklung des Handels im Orient haben, sehr wertvolle Berührungspunkte finden. Der gegenwärtige, noch sehr erweiterungsfähige Handelsverkehr zwischen den Mittelmächten und dem nahen Orient würde durch die daselbst seßhaften oder dahin kolonisierten Juden gepflegt und gefördert. Schon seit Jahren geht der Auswanderungszug der russischen Juden zu einem nicht geringen Teil auch nach Palästina. Mögen nach alledem unsere Staatsmänner, nur das Wohl des Vaterlandes sich vor Augen haltend, sine ira et studio ihre Entschlüsse fassen; mögen die Neuschaffungen unserem Vaterlande zum Wohl und Segen gereichen. Möge der kommende Friede ein uns allen Glück bringender sein! Oellschkeier nur Verduns ls ein rechtes Fest der Erlösung kam mir und meinen jüdischen Kameraden nach schwerem Dienst das Passahfest. Ein Vierteljahr lang war zu gemeinsamen Feldgottesdiensten weder Zeit noch Gelegenheit gewesen; nun sollte uns die schönste religiöse Familienfeier unserer Religion entschädigen. Der Armeebefehl, der nach meinem Entwurf acht Tage vor dem Feste Ort, Tag und Stunde der religiösen Andacht und des anschließenden Seder bekanntgab, hatte ungeahnten Erfolg. Montag, den 17. April, abends 8 Uhr, fanden sich zu St ... in der Kirche, dem einzigen größeren Raum, der uns für diesen Zweck zur Verfügung gestellt werden konnte, etwa 500 Beter, unter ihnen fünf jüdische Krankenschwestern, zwei Offiziere und mehrere Aerzte, ein; auch vier russischen Glaubensbrüdern aus dem nahen Gefangenenlager war auf mein Ersuchen gestattet worden teilzunehmen; sie sahen in ihren Galauniformen recht stattlich aus und fühlten sich offenbar für die kurze Stunde bne chorin, als freie Männer. In Ermangelung eines Chasen — unser vortrefflicher Vorbeter von früheren Festgottesdiensten, Löbman aus Kattowitz, war kurz vorher gefallen — mußte ich das Abendgebet vortragen. Die Predigt folgte *) Abgedruckt aus Rabbiner Dr. Salzberger: „Aus meinem Kriegstagebuch", erschienen in der Zeitschrift „Liberales Judentum" Juli- August 1916. Das hier Abgedruckte ist ein mannigfach gekürzter Auszug aus dem 8. Bericht. der Tefilla. Die große Gemeinde, die das lange Mittelschiff der Kirche vollständig füllte und im Halbdunkel des Hintergrundes sich verlierend noch größer erschien, war nur selbst die eindruckvollste Predigt. Aus allen Teilen unseres deutschen Vaterlandes waren sie hier, auf fremdem Boden, zu einer einzigen Gemeinschaft zusammengewachsen, die meisten noch erfüllt von den gräßlichen Bildern der letzten Tage und mit der Seele die lieblichen des Elternhaus sehend, viele in Gedanken an Brüder, Vettern, Freunde verloren, die in Frankreichs ober Rußlands Erde ruhen, alle aber kämpfende, helfende Zeugen der großen Zeit, da Gott, wie einst in Aegypten, Wunder und Zeichen tut, das Joch der Knechtschaft, das der mächtige Feind m Ueberhebung und Furcht einem freien Volke auf den Nacken zwingen wollte, in Stücke zu brechen. Wie sich in dieser ganzen Andacht lebendigste Gegenwart mit altersgrauer Erinnerung, des deutschen Vaterlandes Not und Erhebung mit dem Leid und dem Stolz der Geschichte Israels innig verknüpfte, so lvar sie durchaus jüdisch nach der Sitte der Väter und gleichzeitig eingerahmt von zwei mit Orgelspiel begleiteten vaterländischen Liedern. Angesichts des großen Zudrangs mußte ich das anschließende Sedermahl in dem für diesen Zweck hergerichteten geräumigen, aber doch nicht ausreichenden Saal des Tribunals für drei Abteilungen geben und die Vorlesung der Haggadah entsprechend kürzen. An der Quertafel, die die längs aufgestellten Tische verband, saß zwischen zwei Leuchtern, vor sich die dreistöckige Sederschüssel, links imb rechts vor sich die Schwestern, Offiziere und Aerzte, der „Hausherr". Nur die erste Feier leitete er selbst, die zweite übertrug er, froh, auch einmal zuhören zu dürfen, einem alten Landstürmer, die dritte dem jungen Sohn des Rabbiners Meyer aus Regensbnrg. An jeder Feier beteiligten sich etwa 150 Mann. Gewiß, so mancher aus religiösem Hause wird schmerzlich die anmutige Weihe, die dort über diesem Abend lag, vermißt haben. Aber dem herben Ernst, der ursprünglich dieser Nacht des blutigen Passahopsers eignet, und der Eilfertigkeit, mit der die Ahnen einst, die Lenden gegürtet, den Stab in der Hand, die Wanderschuhe an den Füßen, das Brok des Elends aßen, kam unsere schlichte Feldseier ohne Zweifel näher. Im übrigen darf ich annehmen, daß im bloß leiblichen Genüsse kein Tischgenosfe zu kurz kam, wenn freilich auch an Stelle der vier Becher Weins ebensoviel Züge aus dem einen mitgebrachten Becher treten mußten. Am Ende jeder Feier verteilte ich Zeitungen und Zeitschriften jüdischen Inhalts, insbesondere die vom „Verband der Deutschen Juden" gestiftete Passahsestschrist für unsere Soldaten im Felde. Den Dank, den ein Kamerad im Namen aller mir darbringen wollte, übertrug ich gebührend auf die edlen Spender und Spenderinnen meiner Frankfurter Gemeinde, die das größte Verdienst um das Gelingen dieses Seder hatten. Es war genau Mitternacht, als wir mit wajehi bachazi halailo voneinander schieden. Gruppen blieben noch aus der Straße beisammen; da waren Landsgenossen, Freunde, Brüder, die sich verabredet oder zufällig hier trafen und ein frohes Wiedersehen feierten — wie beglückend ist solch ein Stück Heimat hier draußen! Auch ein Vater mit seinem Sohn war zugegen gewesen. Allmählich wurde es still in den dunklen regentrüben Straßen des Städtchens. Fern der Gefahr haben die Braven diese Nacht der Obhut in den vorbereiteten Quartieren sicherlich gut geruht. Am nächsten Morgen fand sich eine Anzahl Beter noch zum Schacharis zusammen, ehe sie in ihre Stellungen zurückkehrten. Dienstag abend, kurz vor 7 Uhr, marschierten unter Führung des Feldwebelleutnants Wangenheim aus Elberfeld gegen 300 Mann vom Rathausplatz in L. in geschlossenem Zuge nach dem Lichtspieltheater. Ihre Zahl erhöhte sich rasch auf nahezu 400, so daß ich mich genötigt sah, eine kleine „Filialgemeinde" abzuzweigen und sie nach dem für diesen Fall vorgesehenen gegenüberliegenden Cafe zu verweisen, wo sie ihren eigenen Vorbeter, ihre Sederschüssel, Wein und Mazzoth erhielt. Die Hauptgememde, die 320 Köpfe zählen mochte, füllte den mit Geschmack und Liebe ausgeschmückten festlich erleuchteten Theaterfaal bis zum letzten Sitz- und Stehplatz. Die Stühle im Vordergründe nahmen vier jüdische Schwestern, Offiziere, Aerzte und O'sfizierstellvertreter ein. Bon dem erhöhten Betpult, hinter dem aus weißem Grunde das goldene Mögen Dovid im Schein der Kerzen erglänzte, trug Kamerad Glast, ein geschulter Sänger, der sich schon zu den hohen Feiertagen als Ehasen bewährt hatte, mit Prächtiger Stimme und seinem Verständnis in den Melodien, die den meisten vertraut waren, das Maariw vor. Mit dem Zählen des ersten Omertages betrat ich die „Kanzel", um dem Erlebnis dieser einzig-

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