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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-18 · Heft 33 (18.8.1916) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 33 (18.8.1916)
Date
1916-08-18
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
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390 Zum Vorsitzenden für dos Jahr 1916/17 wird außerhalb des Turnus, zum Zeichen besonderen Vertrauens, Dr. I a c o b (Dortmund) gewählt, der inzwischen -auch den Vorsitz in der Zlriegstommission des Rabbinerverbandes in Deutschland angenommen hat. — Aus dein Inhalt der übrigen Tagung seien noch hervorgehoben: ein Referat Dr. R o s e n t h a l s (Köln) über rituelle E r n ä h r u n g s f r a g e n i m k r i c g e, das wertvolle Anregungen über Sicherstellung des Schächtens, Freigabe von rituellen: Fett, Beschaffung vou Pflanzenfett u. a. rn. brachte; ferner Bemerk u n g e n zur R e l i g i o n s p ü d a g o g i k von Dr. S a m it c l (Essen) und Dr. Emil Cohn (Bonn) sowie ein wissenschaftlicher Vortrag von Dr. Max E s ch e l b a ch e r (Düsseldorf): Prob e n a u s einer Darstellung des rabbinischen Zivilrechts. Hermann Lohen über Leligion und Lionismus. n der elften Kriegsnummer der „K. C.-Blätter" findet » sich ein Aufsatz des unermüdlichen Hermann Cohen, der mit den Jahren an Frische und Beweglichkeit immer mehr zunimmt, über Religion und Zionismus. Der wackere Gelehrte setzt auseinander, daß sich der Zionismus in frivoler Verhöhnung der höchsten Ideen der jüdischen Religion, nämlich der der messianischen Menschheit, ergehe, und schließt seine Auseinandersetzung mit folgenden Ausführungen, die wir unter ausdrücklicher Hervorhebung der Quelle und mit besonderer Erlaubnis der Redaktion des tüchtigen Blattes unseren Lesern hier mitteilen. „Diese Differenz allein ist hinreichend, die religiöse Scheidewand zwischen unserem messianischen Judentum und dem Zionismus auszurichten. Wenn dennoch auch hier eine Vermittlung, ein Ausgleich schüchtern versucht wird, so sei man vorsichtig, daß die messianische Gottesidee nicht beeinträchtigt werde. -Ohne Hoffnung auf die messianische Menschheit gibt es für uns kein Judentum. Und wer das Judentum in seiner Grundlehre grundsätzlich für das jüdische Volk reserviert hält, der verleugnet den einzigen Gott der messianischen Menschheit. Die Erwählung Israels erkennen wir nur als die geschichtliche Vermittlung für die göttliche Erwählung der Menschheit an. Im Talmud wird der Mensch, wenn er vor den göttlichen Richter geführt wird, nur nach seinem moralischen Verhalten gefragt, mit der alleinigen Ausnahme, daß er nur noch gefragt wird: „Hast du gehofft auf das Heil?" So klar und so tief wird die messianische Zuversicht den Grundvesten der jüdischen Religiosität zugeordnet. Es ist ja freilich nur die Konsequenz des nationalistischen Grundirrtums, die sich in der Abstoßung der messianischen Gottesidee vollzieht. Aber diese Konsequenz erstreckt sich auf das Verständnis unserer ganzen Bibel, wahrlich nicht minder auf den Pentateuch als aus die Propheten und die Psalmen. Und ebenso wird Maimonides mit seiner Abtrennung des Messianismus von der Eschatologie und damit sein Grundsatz des Rationalismus aus dem Mittelpunkte der Religion verschoben und die Grundquelle der geistigen Auffassung und des sittlichen Idealismus unserer Religion verstopft. Gott bewahre uns vor der Exegese der Propheten, welche aus dein zionistischen Standpunkt hervorgehen müßte. Unser Verhältnis zur Bibel hat nun aber eine besondere aktuelle Bedeutung für unsere studierende Jugend. Mit der Negation und Abwehr allein ist es nicht getan: wir müssen zu ganz anderen positiven Leistungen uns aufraffen, wenn wir unserer Ausgabe gerecht werden wollen. Die Taufgefahr ist unstreitig noch immer im Wachsen begriffen. Und die Angriffe von seiten des Christentums, und zwar ebensosehr vom katholischen Modernismus wie vom liberalen Protestantismus, werden imnrer schärfer und durch das Liebäugeln mit dem Pantheismus immer gefährlicher, je schwächer offenbar subjektiv ihr eigener dogmatischer Halt wird. Die allgemeine Literatur ist durchgängig von Pantheismus und Mystik beherrscht! der einzige Gott gilt als mythischer Aberglaube. Denn wie Christus eine Person ist, so müsse auch der einzige Gott eine Person sein. Einen Unterschied im Geltungswerte der Idee von dem der Person erkennt man nicht, weil man den wissenschaftlichen Idealismus nicht erkennt. Idealismus soll nur auf Intuition beruhen. So vereinigt sich der Pantheismus mit der Mystik und mit der Abschwächung des strengen Monotheismus zur Ablehnung Gottes im Geiste der Idee. Der Stil des Zionismus in der allgemeinen Literatur bestätigt daher anderseits das allgemeine Vorurteil der Christen gegen uns, daß wir keine Religiosität hätten, daß nur die gloria gentis unsere Religion wäre. Wenn dagegen wahrhafte Begeisterung für den tiefsten Gedanken der ethischen Kultur und für die unerschöpfliche Bedeutung des Begriffs vom einzigen Gotte unsere Seele erfüllt, wie könnten wir dann noch in irgendeiner Naturtatsache, wie der der nationalen Abstammung, den eigentlichen und einzigen Halt suchen für unser Selbstbewußtsein. Wer mit der ganzen Glut des Herzens, mit Zittern und Beben sein Sch'ma Jisroel betet, der, und er allein, befestigt sein jüdisches Ich unerschütterlich in Geist und Seele. Wer hingegen das jüdische Selbstbewußtsein im letzten Grunde aus dem Stammesgefühl herleitet, der geht an dem lebendigen Brunnen vorbei, der der Jungbrunnen des Ewigen ist. Die Nationalität hat freilich ein Moment, durch dessen Stärkung der Zionismus sich scheinbar ein Verdienst erwirbt: die hebräische Sprache. Indessen scheiden sich auch hier Nutzen und Vorzug von Gefahr und Unsegen. Wir reden von uns deutschen Juden, nicht von Palästina. Die hebräische Sprache ist uns eine heilige Sprache. Doch dieser Ausdruck schon ist, wie gewöhnlich, eine falsche Uebersetzung des Heiligen. Der hebräische Ausdruck lautet: die Sprache des Heiligtums. Nicht eine profane Umgangssprache soll uns die Sprache unserer Bibel sein. Es liegt eine providentielle Weisung in der literarischen Tatsache, daß unsere Vorfahren im Heiligen Lande selbst, geschweige in Babylonien, die aramäische Bergsprache annahmen. Dennoch aber darf uns die hebräische Sprache keine tote Sprache sein. Sie ist die Sprache unseres Gebetes, und unsere hauptsächlichsten Gebete in den klassischen Texten, welche „die Männer der großen Synagoge" versaßt haben, müssen wir verstehen lernen, müssen sie in der Ursprache in unseren Geist und in unser Gemüt aufnehmen. Hier müssen wir dem Zionismus den Rang ablaufen. Unsere Zeit redet viel von Psychologie und Pädagogik. Man muß es nun endlich einsehen lernen, daß wir ästhetische Kulturmenschen, die wir sind, nicht widerstandslos der christlichen Kunst und Poesie uns hingeben dürfen, die nicht allein vom Neuen Testamente aus, sondern auch mit ihrer christlichen Uebersetzung unserer alten Bibel den ursprünglichen Sinn und Geist des hebräischen Gedankens modelt und meistert. Wir bedürfen daher unzweifelhaft innerhalb unserer religiösen Welt einer ästhetischen Gegenkraft gegen die Weltmacht des christlichen Gedankens und ästhetischen Gefühls. Sage man doch ja nicht etwa, daß ein solcher Aufruf zur jüdischen Selbständigkeit und Ursprünglichkeit im ästhetischen Bewußtsein ein Kampfruf sei, oder gar, daß er uns des einheitlichen Bewußtseins für die ästhetische Kultur berauben könnte. Was die Wahrheit fordert und fördert, ist vielmehr immer ein Friedenswerk. Die Selbständigkeit unserer Bibel in ihrer Ursprünglichkeit, die ihre Erfüllung für uns nicht im Neuen Testament findet — sie ist und bleibt die Parole des

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